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Südkreis Bürgerbewegung will "zweite Halle verhindern“
Landkreis Südkreis Bürgerbewegung will "zweite Halle verhindern“
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13:56 06.11.2019
Der Regionalplan 2010 sieht auch Gewerbeflächen im Norden von Wenkbach vor. Die Zufahrt könnte über diesen Kreisel erfolgen. Einige Bürger wollen keine Umbauung ihres Dorfes. Quelle: Götz Schaub
Wenkbach

Natürlich kämpft jeder für sich, für seine Interessen. Aber dies soll nicht mehr ungeordnet erfolgen, finden Bürger aus Wenkbach und Niederwalgern. Roman Schmattloch und Markus Decher waren am Montagabend (4. November) der Einladung der Bürgerbewegung gefolgt, die sich nun offiziell „MIO Ortsgruppe Niederwalgern Wenkbach, Initiative für lebenswerte Dörfer“ nennt. MIO ist der ­Verein „Marburger Institut für Ornithologie und Ökologie“. Rund 60 Bürger aus beiden Ortsteilen waren gekommen.

Schmattloch referierte dabei über die erfolGegte Einsetzung ­eines „Runden Tisches“, der tatsächlich auch rund sei, wie er anmerkte, und in den Räumen des Niederwalgerner Pfarrers Wolfgang Gerhardt stehe. Dort habe es in diesem Jahr schon vier Treffen gegeben, mit der Zielsetzung, die verschiedenen Akteure zusammenzubringen, um gangbare Lösungen zu diskutieren.

Der neutrale Ort und die Beschaffenheit der dort geführten Gespräche überzeugte offenbar. So saß bei der ersten Zusammenkunft nur ein Mitglied der Gemeindevertretung mit am Tisch, beim zweiten Treffen ­waren es dann schon fünf aus verschiedenen Fraktionen.

Standpunkt

Gesprächsfaden nicht kappen

von Götz Schaub

Bisher hat es also auf Initiative von Privatpersonen vier „Runde Tische“ zur weiteren Entwicklung des Gewerbegebiets zwischen Wenkbach und Niederwalgern gegeben. Das ist ein guter und ganz wichtiger Ansatzpunkt, mit der komplexen und aufgrund sehr unterschiedlicher Interessenslagen sehr schwierigen Situation überhaupt umgehen zu können. Je komplizierter eine Sache ist, umso wichtiger ist es, darüber zu reden, die Blickwinkel der anderen nicht nur vom Hörensagen kennenzulernen, sondern ganz konkret zu hören, um sie dann einordnen zu können und für alle gültige Rahmen abstecken zu können. Selbst wenn es am Ende keine Einigung, sprich, einen für alle noch machbaren Kompromiss geben sollte, ist diese Methode die, von der man sich am meisten versprechen kann. Dabei ist es der ­Bürgerbewegung offenbar nicht klar, dass der „Runde Tisch“ für die Gegenseite keine Pflicht ist, und eher sie selbst als der Unternehmer Nutzen daraus ziehen kann. Der Flyer, mit dem zur Info-Veranstaltung eingeladen wurde, passt nun gar nicht zu der gerade erreichten Gesprächskultur am „Runden Tisch“. Ob der nun so weitergeführt werden kann, wie wohl noch im Oktober gedacht, ist jetzt mehr als unsicher. Das ist sehr schade. Gerade weil die Interessen und Ziele unterschiedlicher nicht sein könnten, muss man im respektvollen Meinungsaustausch bleiben für eine Annäherung.

Beim dritten Treffen war auch Weimars Bürgermeister Peter­ Eidam dabei und beim vorerst letzten Treffen am 17. Oktober auch Wolfgang Schratz, Geschäftsführer von der im Gewerbegebiet investierenden Firma Depro-Kautetzky GbR. Schmattloch sprach von einem ergiebigen Informationsaustausch, von einer angenehmen Gesprächskultur auf gleicher Augenhöhe. Es sei jetzt wichtig, sich nicht mehr mit der Vorgeschichte zu beschäftigen, sondern mit dem hier und jetzt und darüber hinaus mit den Vorhaben, die in der Zukunft liegen.

Dabei gehe es insbesondere um die weitere Entwicklung des Gewerbegebiets in dem Wissen, dass die Firma dort weitere Grundstücke besitzt. Die Bürgerbewegung hatte aus dieser Tatsache einen Einladungs-Flyer für die Info-Veranstaltung am Montag entworfen, der schon die Szenarien darstellte, die, Stand jetzt, von der Firma in keiner Weise bestätigt wurden.

Die Einladung zur Info-Veranstaltung ist als vierseitiger Din­A-5-Flyer an alle Haushalte der beiden Orte Wenkbach und Niederwalgern verteilt worden. Unter der fragenden Überschrift „Zweite Halle schon in Planung?“ wurden zwei Bilder abgedruckt. Das eine zeigt die jetzige Halle, das zweite eine­ Simulation einer angebauten zweiten Halle, versehen mit der Jahreszahl 2021.

Zwar wies die Bürgerbewegung schon darauf hin, dass der Geschäftsführer der Firma deutlich gesagt habe, dass er keine fertigen Pläne in der Schublade habe und natürlich auch kein Bauantrag gestellt sei und er ­aktuell nichts anders dazu ­sagen könne.

Dennoch hält sie genau das für das Ziel der Firma, was es im Sinne der Lebensqualität in den Dörfern zu verhindern gelte, so Florian Gediga, Sprecher der Bürgerbewegung.

Bürgermeister Eidam zeigt sich enttäuscht

Deshalb sei es auch so wichtig, dass aus der vom Weimarer Parlament beschlossenen Veränderungssperre für den unbebauten Teil des Gewerbegebiets auch etwas im Sinne der Bürger entwickelt werde.

Weimars Bürgermeister Peter­ Eidam war an diesem Abend nicht zugegen. Überhaupt war in Thorsten Hoß nur ein Gemeindevertreter für rund eine­ halbe Stunde dabei, da dann ­eine Ausschuss-Sitzung im Rathaus begann, an der er wie auch der Bürgermeister teilnahmen. Eidam zeigte sich enttäuscht über die Form der Einladung. Das Datum sei unglücklich gewählt, zumal die Bürgerbewegung genau wisse, wann Ausschüsse oder die Gemeindevertretung tagen. Verschiedene Dinge, die in dem Flyer zu lesen sind, seien beim vierten „Runden Tisch“ schon längst beantwortet worden.

Daraus abzuleiten, dass beispielsweise eine zweite Halle bis 2021 steht, sei nicht zielführend und beschädige das Vertrauen, das unter den Teilnehmern des Runden Tisches eigentlich herrschen müsse. Auch werde in dem Flyer suggeriert, dass eine Normenkontrollklage von MIO noch anhängig sei, obwohl diese schon im September von MIO selbst nach Ablauf der Frist, fehlende Unterlagen nachzuarbeiten, zurückgezogen worden war.

Andere Themen seien schon viele Jahre alt, hätten ihren Ursprung weit vor seiner Amtszeit genommen, wie etwa eine Vorrangfläche für Gewerbe auch im Norden von Wenkbach vorzusehen.

Die Bürgerbewegung hadert noch immer mit der Gemeinde, über das Vorhaben der Firma Depro-Kautetzky GbR zu spät und nicht ausreichend informiert zu haben.

Auch das Kreisbauamt habe eine unglückliche Figur abgegeben und für das Hallen-Projekt acht Tage bevor die Veränderungssperre für das Gewerbegebiet wirksam werden konnte, die Baugenehmigung erteilt. Und das, obwohl noch Unterlagen nachgereicht werden mussten, so Gediga. Jetzt sei man ­gewarnt und habe klare Vorstellungen davon, wie der Rest des Gewerbegebiets entwickelt ­werden soll.

„Den Bau einer zweiten Halle werden wir verhindern und dazu alle Mittel ausschöpfen“, so der Sprecher der Bürgerbewegung. Dr. Andreas Matusch, Vorstandsmitglied des Vereins MIO, versprach, die Finanzierung einer Klage notfalls aus seinen Privatmitteln zu bestreiten. Dass die Bürgerbewegung durch den Flyer den Fortbestand des Runden Tisches gefährdet habe, sieht Gediga offensichtlich nicht so. Er sagt: „Wir setzen Vertrauen in den Runden Tisch und haben die Normenkontrollklage vor dem Verwaltungsgerichtshof Kassel fallen lassen. Das zeigt, dass auch wir etwas tun.“

Anders Wolfgang Schratz im OP-Gespräch. Wie in der Vergangenheit auch, kümmere er sich gerne um Anwohner, die mit konkreten Anliegen zu ihm kommen. Nach einem Runden Tisch mit Dingen konfrontiert zu werden, die so nie gesagt wurden, sei jetzt aber nicht seine Form der Auseinandersetzung. Ob er daran noch mal teilnehme, sei fraglich.

von Götz Schaub