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Südkreis Bei Seidel fahren die Stapler jetzt alleine
Landkreis Südkreis Bei Seidel fahren die Stapler jetzt alleine
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15:54 04.11.2020
Dr. Andreas Ritzenhoff, geschäftsführender Inhaber der Firma Seidel, mit einem der selbstfahrenden Stapler. Quelle: Andreas Schmidt
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Fronhausen

Langsam biegt der Gabelstapler um die Ecke. Einige Meter vor sich projiziert er zwei blaue Lichtkreise auf den Boden, und auf seinem Dach rotiert ein Sensor, der grün leuchtet.

Der Stapler hat eine Palette geladen, rollt auf eine Bodenmarkierung in der Ladezone zu und stellt die Palette ab. Soweit alles nichts Besonderes – aber nur auf den ersten Blick. Denn als sich der Stapler wieder entfernt wird klar – Moment, da sitzt ja niemand am Steuer. Wird er etwa ferngesteuert?

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„Nein“, sagt Dr. Andreas Ritzenhoff lachend, „er fährt autonom“. Dem geschäftsführenden Inhaber der Firma Seidel ist die Freude anzusehen. „Es ist das erste Mal, dass ich die Stapler so in Aktion sehe“, sagt er.

Denn Ritzenhoff erlebt quasi die „Jungfernfahrt“ mit, hat vorher nur kurze Ausfahrten der autonom fahrenden „Flurförderfahrzeuge“, wie die Stapler korrekt heißen, erlebt. „Das ist schon ein tolles Gefühl, es steckt viel Arbeit in dem Projekt.“ Denn die Infrastruktur für das autonome Fahren musste zunächst hergestellt werden.

Große Einschnitte im Werk Fronhausen

Zunächst wurde das W-Lan aufgerüstet, „denn ein normales Netz ist dafür nicht ausgelegt“. Wenn sich Person und autonom fahrender Stapler begegnen, „dann muss klar sein, dass das Fahrzeug immer anhält, wenn ihm etwas in den Weg kommt“. Dabei fallen Unmengen an Daten an, die übertragen werden müssen – daher die Aufrüstung.

Die Fahrzeuge haben permanent mindestens drei Orientierungspunkte im Raum, um ihren Standort zu lokalisieren – und es gibt quasi „Handlungsanweisungen“, was passiert, wenn Mensch oder Objekt in den Raum des Staplers eingreifen. Die gesamte Werkshalle wurde dazu für die Fahrzeuge mit Orientierungsmarken versehen – und natürlich auch virtualisiert.

Doch die Einschnitte in das Werk in Fronhausen waren noch gravierender. „Es war so, dass die Arbeitsplätze mit den einzelnen Vormaterialien versorgt wurden, um dann später das ,fertig verheiratete’ Produkt wieder abzuholen. Mitunter gab es doppelte Wege und Wartezeiten, weil die nächste Produktionsebene noch nicht fertig war. Beispielsweise, wenn Ware an einer Station fertig ist und der Staplerfahrer nicht genau weiß, wohin die Ware soll – also bringt er die Paletten vorsichtshalber ins Hauptlager – nur, um sie eine Stunde später wieder abzuholen.“

Trotz Automatisierung gehen keine Jobs verloren

So habe es eine Vielzahl von Kleinigkeiten gegeben, die in der Summe jedoch für eine nicht optimale Wege-Effizienz gesorgt habe. Es wurden Diagramme erstellt, die Wege genau untersucht – das Ergebnis: Die gesamte Fabrik wurde im Sommer quasi „auf links gedreht“, um einen optimalen Arbeitsfluss zu gewährleisten – und deutlich Wege einzusparen.

„Schlussendlich hatten wir die idealen Voraussetzungen, um autonome Fahrzeuge einzusetzen“, sagt Ritzenhoff. Das gesamte Projekt habe rund 800.000 Euro gekostet. Und: Trotz höheren Automatisierungsgrades müsse sich niemand um seinen Job sorgen – im Gegenteil: „Die Aufgaben für die Belegschaft werden interessanter. Wir brauchen unsere Mitarbeiter – und die Arbeitsplätze wurden kontinuierlich ausgebaut.“

Umbau nicht zum Selbstzweck

Ritzenhoff investiert bei Seidel immens in die Digitalisierung: In der Sommerpause vergangenes Jahr wurde das Marburger Werk in der Rosenstraße für die „Industrie 4.0“ fit gemacht ( die OP berichtete ). Dort wurde diesen Sommer weiter investiert. Und in Fronhausen stand das Projekt der selbstfahrenden Stapler auf dem Plan.

Und das nicht zum Selbstzweck, wie Andreas Ritzenhoff verdeutlicht. „Agilität“ lautet das Stichwort für den Unternehmer. „In unserem Geschäft haben Influencer mittlerweile einen großen Einfluss auf den Absatz von Produkten.“ Doch was haben Influencer mit einem mittelständischen Industrieunternehmen zu tun? Nun, Seidel produziert hochwertige Verpackungslösungen für die Kosmetik-Industrie.

„Früher war es so, dass die Kosmetikunternehmen gesagt haben, dass sie in drei Monaten eine Fernsehkampagne gebucht haben – aus der Erfahrung heraus wurde dann die dreifache Menge geliefert und wenn die Kampagne dann lief, war das Unternehmen lieferbereit. Heute kann es sein, dass eine Influencerin einen Lippenstift in den höchsten Tönen lobt, der geht am nächsten Tag tausendfach über die Ladentheke – und dann müssen wir lieferbereit sein.“ Die Anforderung: Blitzschnell zu reagieren und den Kunden zufriedenzustellen.

Sämtliche Bestände digital katalogisiert

„Entscheidend ist dabei das Management von Verfügbarkeit. Seit Jahren durchforsten wir daher unsere gesamte Infrastruktur, digitalisieren diese, um Prozesse zu optimieren und auch Energie zu sparen.“ Ritzenhoff verdeutlicht: „Wenn man eine Presse einrichtet, dann gibt es teils bis zu 100 Komponenten, die benötigt werden, damit das entsprechende Produkt hergestellt werden kann. Wenn nur eine Komponente fehlt, dauert es häufig drei bis fünf Tage, bis diese nachproduziert ist – das vermeidet man also besser.“

Also wurden sämtliche Bestände digital katalogisiert, diese wurden mit den technischen Daten vernetzt, um eine tatsächliche Verfügbarkeit zu haben. „Dann haben wir Maschinen digitalisiert, damit der Werkzeugwechsel deutlich schneller wird – das hat auch immer einen positiven Effekt auf die Arbeitsplatzqualität, weil es die Arbeit erleichtert“, weiß der Seidel-Inhaber. Auch die Werkzeugorganisation wurde optimiert, „es ist bei jedem Teil klar, wo es ist – so vermeiden wir Suchzeiten“.

Die Digitalisierung trägt bereits Früchte: Gab es früher im Schnitt einen Durchsatz von 180 Warenträgern in der Oberflächenbehandlung, so sind es nun in Spitzenzeiten 230 – „weil wir alles mit einer neuen Elektronik besser koordinieren können“. Und: Die Mitarbeiter müssen sich Daten zur Kontrolle nicht mehr langwierig suchen, sondern bekommen sie geliefert. „Dadurch haben sie den Kopf frei, um wichtigere Sachen zu machen oder auch Ideen zu entwickeln.“

Branche blickt auf Nachhaltigkeit

Doch die Digitalisierung entwickelt sich auch aus Sicht der Seidel-Kunden weiter: So gibt es bereits Unternehmen, die RFID-Chips in ihre Creme-Tiegel einbauen lassen. „So soll beispielsweise vermieden werden, dass die sehr hochwertigen Produkte auf dem Graumarkt verkauft werden“, erläutert Ritzenhoff. „Unser Kompass ist der, dass die Kunden zufrieden sind.“

Dazu gehört auch der Punkt Nachhaltigkeit. Seidel schafft es, durch die digitalisierten Prozesse Energie zu sparen. Und auch in der Kosmetikbranche ist das Thema angekommen: „Dort spielt nachhaltiges Packaging eine große Rolle.“ So seien Monomaterial-Artikel – also die Verpackungen, die nur aus einem Werkstoff hergestellt werden – ein großes Thema.

„Aluminium ist hervorragend recyclefähig – in der Herstellung benötigt es jedoch viel Energie. Allerdings sind 70 Prozent des jemals produzierten Aluminiums ist immer noch im Umlauf“, sagt Ritzenhoff. Nicht unbedingt als Kosmetik-Verpackung, „aber vielleicht hat es als Cola-Dose oder als Motorblock im Auto sein zweites, drittes oder viertes Leben“.

Von Andreas Schmidt