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Südkreis Auf den Brief folgt der Ärger
Landkreis Südkreis Auf den Brief folgt der Ärger
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15:00 30.05.2021
Werner Siegel aus Fronhausen zeigt den Nachweis zur Genesung seiner Frau von einer Corona-Infektion.
Werner Siegel aus Fronhausen zeigt den Nachweis zur Genesung seiner Frau von einer Corona-Infektion. Quelle: Ina Tannert
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Fronhausen

Wenn Corona-Patienten nach einer Covid-19-Infektion wieder als genesen gelten, erhalten sie zur Dokumentation einer überstandenen Erkrankung einen sogenannten Genesenennachweis. Mit diesem, ein halbes Jahr lang gültigen Schriftstück können Betroffene unter anderem belegen, dass sie – so wie Geimpfte mit dem Impfnachweis – für bestimmte Aktivitäten wie Einkaufen keinen aktuellen Test mehr benötigen.

Ein solches Schreiben erhielt Mitte Mai auch Marianne Siegel aus Fronhausen vom Landkreis zugesandt. Seit dem 30. März ist der Nachweis demnach gültig – regulär ab 28 Tagen nach dem PCR-Test. Für viele sicher ein Grund zur Freude, in diesem Fall ein Schock für den Ehemann Werner Siegel. Denn seine Ehefrau liegt seit März und immer noch im Krankenhaus. Ihr Gesundheitszustand verschlechterte sich nach einer Corona-Infektion so drastisch, dass die 68-Jährige von einer Klinik zur nächsten verlegt und zwischenzeitlich künstlich beatmet werden musste. Bis heute kann sie das Krankenbett nicht verlassen.

Zwar sei sie aus dem Koma erwacht, kämpfe aber mit diversen Langzeitfolgen und habe die Krankheit noch längst nicht überstanden, „meine Frau liegt vielleicht im Sterben, und dann kommt so ein Schreiben, das kann doch wohl nicht sein“, sagt Werner Siegel noch immer erschüttert. Bewegen könne sich seine Ehefrau noch immer so gut wie gar nicht, auch nicht telefonieren, „sie liegt im Bett und kann nichts machen, ihre Kraft ist völlig weg“, berichtet der 70-Jährige. Lange schon hat er sie nicht gesehen, durfte nicht zu ihr in die Klinik. Er ist selber eingeschränkt, hat vor Jahren nach einer Entzündung ein Bein verloren und sitzt im Rollstuhl. Die gemeinsamen Kinder helfen ihm und seiner Frau, so gut es geht, die Familie spricht regelmäßig Nachrichten aufs Band, so dass die Mutter sie zumindest hören kann.

Ihr Zustand, seine Sorge um seine Frau und seine Situation zuhause machen dem Rentner zu schaffen, das Schreiben des Kreises kam da zum falschen Zeitpunkt, „es ist eine Beleidigung, so ein Schreiben zu verschicken“, findet Werner Siegel. Am liebsten wäre ihm, er hätte den Brief nie erhalten, „wenn sie wieder ganz gesund ist, dann wäre das angebracht gewesen“.

Keine Meldepflicht bei Corona-Langzeitfolgen

Die Situation der Betroffenen nach einer akuten Corona-Infektion spielt jedoch keine Rolle beim Versand der Genesungsschreiben. Wie die Pressestelle des Landkreises auf Nachfrage mitteilt, beziehe sich dieser für alle Betroffenen einheitliche Vorgang entsprechend bundesweiter Vorgaben „ausschließlich auf eine nachgewiesene Corona-Infektion in der Vergangenheit und nicht auf den aktuellen Gesundheitszustand. Der Nachweis bedeutet also nicht, dass eine Person komplett gesund ist.“ Der Begriff „Genesung“ sei hier „von übergeordneten Behörden im Sinne eines einheitlichen Formulars vorgegeben, und wir haben leider keinen Einfluss darauf“, so der Kreis weiter. Als „genesen“ gelte eine Person, wenn sie nach den Vorgaben des Robert-Koch-Instituts aus der Isolierung entlassen werden konnte, also auch nicht mehr durch das Gesundheitsamt betreut wird.

Bevor das behördliche Schreiben verschickt wird, werde nicht geprüft, ob die Angeschriebenen noch behandelt werden, da keine Meldepflicht über mögliche Folgeerkrankungen besteht. „Wenn die aktive Infektion überwunden ist und die Betroffenen als genesen gelten, hat das Gesundheitsamt auf der Basis des Infektionsschutzgesetzes überhaupt kein Recht mehr darauf, weitergehende Informationen über den Gesundheitszustand der betroffenen Person zu bekommen“, schreibt die Pressestelle.

Zudem seien zuletzt innerhalb von zwei Wochen mehrere Tausend Bescheinigungen versandt worden, „daher ist es gar nicht möglich, jedem einzelnen Fall nachzugehen“.

Nur jene Patienten, die wegen einer akuten/aktiven Corona-Infektion stationär im Krankenhaus behandelt werden, sind auch bekannt. Diese Fälle seien vom Versand einer entsprechenden Bescheinigung ausgenommen. Ebenso wie die Menschen, die verstorben sind.

Impfnachweis als Formular

Der Nachweis zur Genesung nach einer Corona-Erkrankung wurde in diesem Fall als Schreiben im DIN-A4-Format versandt. Auch im Impfzentrum des Landkreises erhalten Impflinge als Nachweis über die erfolgte Corona-Impfung ein Dokument. Ein Eintrag in den gelben Impfpass findet nicht statt, wie der Kreis auf OP-Nachfrage bereits bestätigte. Grund sei der einheitliche Ablauf im Impfzentrum und eine lückenlose Dokumentation: Das auf einem DIN-A4-Blatt ausgedruckte Formular kann laut Kreis ausgeschnitten und in vorhandene Impfbücher eingeklebt oder eingeheftet werden. Es bestünde zudem die Möglichkeit, die Impfung durch den Hausarzt nachträglich in das eigene Impfbuch eintragen zu lassen.

Von Ina Tannert

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