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Südkreis Auf Unfall folgt lange Leidenszeit
Landkreis Südkreis Auf Unfall folgt lange Leidenszeit
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14:54 24.10.2020
Bei einem schweren Unfall im April 2015 mit diesem Wagen und drei Pferden auf der L3048 wäre Wolfgang Assler aus Lohra fast gestorben. Bis heute streiten er und die Pferdehalterin vor Gericht um die Schuldfrage. Quelle: Florian Gaertner/Archiv
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Lohra

Vor fünfeinhalb Jahren wäre Wolfgang Assler aus Lohra fast ums Leben gekommen. Viel hat nicht gefehlt und er hätte nach dem schweren Verkehrsunfall das Autowrack nicht mehr lebend verlassen können.

Es war der 27. April 2015 um 22 Uhr. Dieses Datum wird er wohl nie vergessen. Da fuhr er mit dem Firmenwagen auf der L3048 zwischen Lohra und Mornshausen, war fast Zuhause, als ihm im Dunkeln auf der regennassen Landesstraße drei panische Pferde entgegenkamen. Es kam zur Kollision. Wolfgang Assler wurde schwer verletzt in eine Klinik gebracht.

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Seine Diagnose: Genickbruch. Der zweite Halswirbel ist gebrochen, die Hauptschlagader gequetscht, es dauerte Jahre, bis er sich körperlich wie psychisch davon halbwegs erholte. Ein Schock fürs Leben, heute sagt der 60-Jährige: „Ich habe riesiges Glück gehabt, eigentlich wäre ich tot.“ Bis der zweifache Vater offen über das Erlebte sprechen konnte, hat es lange gedauert.

Ein Jahr lang war er krankgeschrieben, mehrere Operationen und Reha-Phasen liegen hinter ihm. „Mein Kopf war ein halbes Jahr lang fest durch Stangen verschraubt, damit die Knochen zusammenwachsen können“, erinnert er sich.

Gerichtsstreit belastet Alltag

Die ersten beiden Wirbel sind heute verknöchert, die Bewegung des Kopfes ist dauerhaft eingeschränkt. Assler gilt zu 50 Prozent als schwerbehindert. Er geht noch immer zum Physiotherapeuten, weil durch den geschädigten Nacken der ganze Körper immer wieder verkrampft, „jeden Morgen brauche ich viel Zeit, um überhaupt den Kopf drehen zu können“, erzählt er.

Und das ist nicht der einzige Grund, weshalb ihn der Unfall nicht loslässt, ständig Teil seines Lebens ist: Seine Versicherung übernahm die immensen Behandlungs- und Folgekosten, doch die Haftpflicht der Pferdehalterin verweigerte die Zahlung, erzählt er. Der Grund: Die Gegenpartei wirft ihm vor, zu schnell gefahren zu sein, er habe auf der dunklen Straße nicht aufgepasst.

Assler legte Klage ein, seit fünf Jahren streiten beide Seiten nun vor dem Marburger Landgericht. Auch sein Arbeitgeber ist mit im Boot und auf seiner Seite, da es sich um einen Firmenwagen handelte, und verlangt die Erstattung des Schadens und des Verdienstausfalls des Mitarbeiters. Seinen Job hat er behalten, nach der langen Krankheitsphase wieder aufgenommen.

Gutachten gehen hin und her, von denen er Zuhause einen ganzen Stapel aufbewahrt. Mal geht es um die Eignung der Koppel für Pferdehaltung, die Sicherungspflicht für die Tiere, mal stehen Straßenverhältnisse und Geschwindigkeit von Assler zum Zeitpunkt des Unfalls oder der Bremsweg im Fokus.

Sieben Richter in fünf Jahren

Die drei Pferde starben durch den Unfall, sie waren zuvor von einer nahen Koppel entkommen und auf die Landstraße geraten. Als ein anderer Wagen aus der entgegengesetzten Richtung kommend auf sie zufuhr, seien die Tiere in Panik geflohen, direkt in seine Richtung, sagt Assler.

Der Fahrer des anderen Wagens habe wohl versucht, die Tiere voranzutreiben, um sie von der Straße zu bekommen. Nur kam er in der 70er Zone auf der Gegenspur entgegen. Wegen des zweiten Wagens fuhr Assler mit Abblendlicht, der andere Fahrer versuchte noch per Lichthupe, ihn zu warnen. Der damals 55-Jährige wurde geblendet, er habe die Tiere erst wahrgenommen, als es zu spät war. „Plötzlich waren die Pferde da, sie konnten nicht ausweichen, ich auch nicht, es ging unglaublich schnell“, erinnert er sich immer noch mit Schrecken.

Mittlerweile liegt das vierte Gutachten vor, die Versicherung der Pferdehalterin habe nun noch ein weiteres beantragt. „In all der Zeit haben sich schon sieben Richter mit dem Thema befasst“, erzählt er kopfschüttelnd. Er könne einfach nicht nachvollziehen, weshalb dadurch das Verfahren weiter in die Länge gezogen wird. Ein Gutachter habe bescheinigt, dass die Koppel zu dem Zeitpunkt „nicht geeignet gewesen ist, Pferde innerhalb des Weisegebietes sicher zu halten“, heißt es in einem Gutachten.

„Ich bin kein Raser“

In einem anderen sind verschiedene Szenarien zu Unfallablauf und Höchstgeschwindigkeiten festgehalten, eines davon nimmt eine überhöhte Geschwindigkeit an. Wieder ein anderer Gutachter stellt fest, dass dies nicht nachzuweisen sei. Die Versicherung teilt auf OP-Anfrage mit, dass sie sich zu der Sache nicht äußert, da es sich um einen laufenden Rechtsstreit handelt.

Für Assler ist der Fall klar: Er sieht sich im Recht, sei auch gewillt, eine Mitschuld zu übernehmen, was üblich sei bei Unfällen im Straßenverkehr, die sogenannte „Betriebsgefahr“. Der Pferdehalterin reiche das nicht, vor Gericht geht es um die Schuldfrage, ebenso um Schmerzensgeld für Assler.

Das stehe für ihn aber nicht im Mittelpunkt, „mir geht es um mein Recht, ich bin kein Raser, ich bin normal gefahren“. Er sei „froh und glücklich, dass ich noch lebe“, aber das Verfahren belaste ihn nun jahrelang. Aufgeben wolle er dennoch nicht, „ich möchte einfach, dass jemand sagt, dass ich den Unfall nicht hätte vermeiden können“, sagt er und hofft weiter, dass er irgendwann mit der Sache doch noch abschließen kann.

Von Ina Tannert

24.10.2020
19.10.2020