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Südkreis „Annes Geschichte muss jeder kennen“
Landkreis Südkreis „Annes Geschichte muss jeder kennen“
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14:58 01.08.2021
Rosemarie Beier aus Niederweimar mit einer Ausgabe von Anne Franks Tagebuch.
Rosemarie Beier aus Niederweimar mit einer Ausgabe von Anne Franks Tagebuch. Quelle: foto: Götz Schaub
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Niederweimar

In den zurückliegenden Tagen gab es zwei Artikel über Anne Frank in dieser Zeitung zu lesen. Artikel, die Rosemarie Beier aus Niederweimar mit höchster Aufmerksamkeit gelesen hat. Sie freut sich besonders, wenn sich junge Menschen mit dem traurigen und brutalen Schicksal des jungen jüdischen Mädchens während der Nazi-Herrschaft in Deutschland auseinandersetzen und daraus ihre Schlüsse ziehen, dass so etwas nie wieder passieren darf. „Annes Geschichte muss auch jetzt jeder kennen“, meint Rosemarie Beier.

In ständiger Angst

Mit großer Sorge nimmt sie zur Kenntnis, dass Judenhass in Deutschland in den vergangenen Jahren zugenommen hat und auch immer wieder Gewalt gegen jüdische Mitbürger angewandt wird. Deshalb ist es für sie unerlässlich, dass auch in der Schule Anne Franks Schicksale den Schülerinnen und Schülern bekannt gemacht wird. Das Tagebuch der Anne Frank schildere unverfälscht das Seelenleben eines ganz normalen Mädchens, das sich in Amsterdam mit seiner Familie verstecken und in ständiger Angst vor Entdeckung leben musste.

Die tatsächliche Entdeckung nach mehr als zwei Jahren am 4. August 1944 hatte schlimme Folgen. Anne sollte den nächsten Sommer und damit das Kriegsende nicht mehr erleben. Sie starb wie ihre Schwester im Konzentrationslager Bergen Belsen wohl an Fleckfieber – etwa zwei Monate, bevor britische Truppen im April 1945 das Lager erreichten und die verbliebenen Insassen befreiten.

Von ihrer Familie überlebte nur ihr Vater Otto Frank den Krieg. Ihn hat Rosemarie Beier tatsächlich einmal getroffen. Nicht auf der Straße oder nur beiläufig, nein, in England vor mittlerweile 64 Jahren. 1957, zwölf Jahre nach Kriegsende, bewarb sie sich als Au-pair-Mädchen auf eine Stelle in England. Ein durchaus gewagtes Unternehmen, denn die Wunden des Krieges waren damals alles andere als verheilt. Viele Familien mussten damit leben, dass Angehörige im Krieg gefallen waren, nicht nur als Soldaten, sondern auch als Zivilisten bei den deutschen Luftangriffen in England. „Meine Stelle bei Familie Moody war noch besetzt und so bot man mir zur Überbrückung eine Stelle bei einer Pfarrersfamilie mit kleiner Tochter im ältesten Teil Londons an. Mr. Child war Pfarrer in einer großen Klinik. Er zeigte mir dort sehr viel und fragte mich dann eines Tages, ob ich wohl mal Otto Frank kennenlernen möchte. Und ob ich das wollte“, erzählt Rosemarie Beier. Sie kannte damals schon das Tagebuch, das sie sehr berührt hatte. Nach der Erstveröffentlichung in Niederländisch, also in der Sprache, in der es abgefasst war, erschienen 1950 Ausgaben in Französisch und Deutsch, zwei Jahre später in Englisch.

In kleinem Kreis

„Ich war erschüttert, als ich es gelesen habe“, fügt sie an. Und nun sollte sie tatsächlich Annes Vater Otto Frank sehen – in kleinem Kreis. Otto Frank kam extra aus der Schweiz nach London, um seine Vorhaben vorzustellen. Nein, vorgestellt wurde Rosemarie Beier nicht, sie war auf Einladung des Pfarrers mit in dem Raum. Sie sprach dabei kein Wort, saß da und hörte aufmerksam zu, was Otto Frank zu erzählen hatte. „Wahrscheinlich wusste er nicht, dass eine Deutsche anwesend war“, sagt sie im Nachhinein. Sie weiß nur, dass es sie unglaublich ergriff, als er von seiner Familie, seinen beiden verlorenen Töchtern sprach. Sie kann sich noch daran erinnern, dass es ihm sehr schwerfiel, denn er hatte seine Familie sehr geliebt. Anne hatte er durch ihr Tagebuch noch einmal viel intensiver kennengelernt. „Über Anne sagte er, dass sie immer an das Gute im Menschen glaubte“, erinnert sich die Niederweimarerin. Und dann eröffnete Otto Frank seinen Zuhörern, dass er aus dem Erlös der Veröffentlichung des Tagebuchs seiner Tochter eine Begegnungsstätte in ihrem Versteck in Amsterdam einrichten wolle, wo sich Jugendliche aus aller Welt treffen können, in der Hoffnung, dass niemand mehr so ein Schicksal wie seine Töchter erleiden muss. 1957 war das Haus in einem schlechten Zustand, es musste rasch gehandelt werden, zumal schon die Abrissbirne drohte, um Platz zu machen für eine Firma. Doch es kam dann so, wie es Otto Frank wollte: Die Firma verzichtete auf ihre dortigen Pläne und das Haus an der Prinsengracht 263 wurde saniert und am 3. Mai 1960 für das Publikum geöffnet.

Aufgerissene Wunden

Rosemarie Beier, die als junge Frau zukunftsgewandt war, machte 1957 in England sehr unterschiedliche Erfahrungen. Sie traf viele nette Menschen, die ihr gegenüber auch aufgeschlossen waren, aber auch Menschen, die aufgrund des zurückliegenden Krieges noch nicht bereit waren zur Versöhnung. „Einmal bei Regenwetter wurden meine Freundin aus der Schweiz und ich von einem Mann eingeladen, in seinem Wagen mitzufahren. Zuerst sprachen wir Englisch, dann wir zwei untereinander Deutsch. Da hielt der Wagen an und der Mann sagte uns, dass Deutsche bei ihm nicht mitfahren dürfen. Ich musste aussteigen, meine Freundin, obwohl Schweizerin, auch.“ Auch riss sie einmal ungewollt Wunden auf, als sie ein Ehepaar fragte, ob sie nur die eine Tochter haben. „Ihr Sohn war im Krieg gefallen. Das war dann eine schwierige Situation“, sagt sie. Und doch, als sie 1959 in Deutschland ihren Mann heiratete, kam auch ein Paket aus England mit eigens für sie gestrickten Pullovern.

Von Götz Schaub

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