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Südkreis Todesdrohung oder Einbildung?
Landkreis Südkreis Todesdrohung oder Einbildung?
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19:00 21.12.2019
Mittels Lichthupe können Verkehrsteilnehmer sanft zu mehr Aufmerksamkeit aufgefordert werden. Das mehrfache Betätigen der Lichthupe kann aber auch bedrohliche Züge annehmen, insbesondere gepaart mit viel zu dichtem Auffahren. Quelle: Nadine Weigel
Marburg

Der Staatsanwalt schüttelte heftig den Kopf, auch die Richterin war offensichtlich etwas verwirrt. So eine Verhandlung hatten beide schon lange nicht mehr erlebt. Was war passiert? Der Fall schien eigentlich ­wenig spektakulär. Ein Verkehrsdelikt, wie er fast jeden Tag auf deutschen Straßen passiert.

Ein 56-Jähriger aus dem Ebsdorfergrund hatte einen anderen Autofahrer angeblich auf der Landstraße Richtung Wittelsberg am späten Nachmittag mit der Lichthupe drangsaliert. Ungewöhnlich am Fall aber ist, dass der vermeintliche Auto-Rowdy zum Wohnhaus seines Kontrahenten fuhr und ihn dort bedrohte.

In der Anklageschrift heißt es: Der Angeklagte fuhr im Januar gegen 17.30 Uhr einem anderen Auto auf der Abbiegespur mit seinem Pkw bis auf einen Meter auf und betätigte die Lichthupe. Später fuhr er, so die Zeugen, an dem geparkten Auto, aus dem die zwei Kinder der Zeugen ausstiegen, vorbei, hielt kurz an und rief „Ich bring euch alle um“ durch das geöffnete ­Autofenster.

Zeuge und Angeklagter kannten sich

Außerdem habe der 56-Jährige einen „glänzenden Gegenstand“ in der Hand gehalten, den der Zeuge mutmaßlich für ein Messer hielt. Während der Verhandlung aber hörte sich der Tatverlauf plötzlich ganz anders an. Der Angeklagte gab an, die Zeugen aus einem früheren Mietverhältnis mit seiner Mutter zu kennen, aber nichts gegen sie zu haben.

Er zeigte sich schockiert von den Anschuldigungen, stritt die ihm vorgeworfene Nötigung kategorisch ab. Er sei auf dem Weg zu seiner Ärztin zwar an dem Haus der Zeugen vorbeigefahren, sei ihnen aber weder dicht aufgefahren, noch habe er ihnen gedroht. „So was ist mir zu albern“, erklärte er zu den Vorwürfen.

Zur weiteren Verwirrung im Prozessverlauf trugen dann auch noch die Aussagen der Zeugen selbst bei. Beide gaben an, sie seien sich sicher, der Vorfall habe im Sommer und nicht wie in der Anzeige beschrieben im Winter stattgefunden. Das Paar aber beharrte gleichzeitig auf seiner Darstellung, dass es bei dem Vorfall um 17 Uhr bereits dämmrig gewesen sei. 

"Er will mich von der Straße drängen"

Der 30-jährige Mann sagte zudem aus, der Angeklagte sei ihm gegenüber bereits in der Vergangenheit aggressiv geworden, da er während des Mietverhältnisses zwei Mieten nicht bezahlt habe. Außerdem fahre er oft abends provozierend an dem Haus der Familie vorbei.

Den Tathergang beschrieb er dann aber etwas anders als in der Anklage geschildert. Er erzählte, der Angeklagte sei ihm ungefähr einen Kilometer lang so dicht aufgefahren, dass sein Nummernschild nicht mehr zu sehen war und habe die Lichthupe betätigt. „Wenn mir jemand zu dicht auffährt, habe ich das Gefühl, er will mich von der Straße drängen“, erklärte er.

Danach sei der 56-Jährige langsam, jedoch anders als in der Anzeige beschrieben, ohne anzuhalten an dem Haus der Zeugen vorbeigefahren und habe­ einen Satz gerufen, an dessen Wortlaut er sich nicht mehr ­erinnern konnte. Er und seine Frau waren sich jedoch sicher, das Wort „tot“ gehört zu haben, das in der Anklage allerdings nicht vorkam.

Zeugen seien nicht glaubhaft

Der „glänzende Gegenstand“, den er gesehen hatte, sei möglicherweise nur eine Getränke­dose oder ein Feuerzeug gewesen, gab der Zeuge zu. Seine Frau konnte sich sogar nur an die Drohungen, aber nicht an das dichte Auffahren und die Lichthupe beim Abbiegen erinnern.

Das Gericht sah sich angesichts der widersprechenden Aussagen außerstande, den tatsächlichen Hergang zu rekonstruieren. „Mir war schon nach zwei Minuten klar: dabei kommt nichts rum“, fasste der Staatsanwalt schon vor der Urteilsverkündung zusammen.

Auch die Richterin kam zu dem Entschluss, die Zeugen ­seien nicht glaubhaft, sah die Vorwürfe nicht bestätigt und sprach den Angeklagten frei. „Vielleicht schaffen Sie es ja, sich aus dem Weg zu gehen“, gab sie dem ­Angeklagten abschließend mit.

von Noa Pötter