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Südkreis Soldat rettet jüdischen Friedhof
Landkreis Südkreis Soldat rettet jüdischen Friedhof
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07:00 08.05.2020
Ein amerikanischer Soldat veranlasste vor 75 Jahren, dass der jüdische Friedhof in Roth wieder in Stand gesetzt wird. Quelle: THORSTEN RICHTER
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Weimar

Jüdische Mitbürger gab es indessen 1945 nicht mehr in Weimar, sie waren entweder ausgewandert, geflohen oder in den Jahren 41 und 42 von den Nazis deportiert und anschließend umgebracht worden. Letztmals wurde auf dem Friedhof 1939 ein Mensch beerdigt, der jüngste erhaltene Grabstein stammt indessen von 1937.

Elisabeth Heuser aus Roth hat Tage vor Ankunft der amerikanischen Soldaten damit begonnen die Tagesereignisse kurz aufzuschreiben. Auch nach der Ankunft der amerikanischen Truppen am 28. März schreibt sie weitere Begebenheiten auf, die in der Heimatwelt veröffentlicht wurden. Danach blieben amerikanische Soldaten bis zum 20. April im Dorf. Am 20. April fasst sie die Erlebnisse mit den Amerikanern so zusammen: „Wir dürfen uns nicht beschweren. Es ist keiner frech geworden, sie waren alle sehr anständig und es hat keiner etwas geholt oder mitgenommen.“

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Bei Wolfshausen hatten die US-Soldaten ein Gefangenenlager für deutsche Soldaten eingerichtet. Bis zum 14. April kamen dort auch diejenigen hin, die sich in diesen Tagen freiwillig gestellt hatten. In dieser Zeit kam es nur zu einem gewaltsamen Tod eines deutschen Soldaten. Warum er erschossen wurde, wusste Elisabeth Heuser wohl nicht zu sagen, aber sie erwähnte den Fall.

Aus verschiedenen Quellen ist zu erfahren, dass die Bevölkerung auf dem Land durchaus gespalten war. Viele wollten einfach nur noch, dass der Krieg zu Ende ist, andere wollten es nicht akzeptieren, dass Deutschland den Krieg verloren gibt. So soll eine Frau Soldaten, die sich auf dem Rückzug durch das heutige Weimar befanden, wild beschimpft und aufgefordert haben, gegen die Amerikaner zu kämpfen.

In den Tagen vor dem offiziellen Kriegsende wurden viele Zwangsarbeiter befreit

In den Tagen zwischen 28. März, an dem Amerikaner in den heutigen Landkreis Marburg-Biedenkopf vorrückten, und 8. Mai, dem offiziellen Kriegsende, wurden auch viele Zwangsarbeiter befreit. Bei den Bauern in Weimar waren es Polen, die auf dem Hof mithalfen. Oftmals bis ganz zuletzt. Auf Listen, die nach Dörfern aufgeteilt sind, wurden die Zwangsarbeiter namentlich aufgeführt. In den Dörfern der heutigen Gemeinde Weimar waren in den letzten Kriegstagen noch mehr als 100 polnische Zwangsarbeiter eingesetzt.

In erster Linie ist es noch an den immer weniger werdenden Zeitzeugen, ihre Erlebnisse insbesondere in den Kriegszeiten anderen Menschen zu erzählen. Am besten so, dass sie für immer „erhalten“ bleiben. Es ist aber natürlich auch wichtig, dass sich nachfolgende Generationen, die den Krieg nicht miterlebt haben und nur Frieden kennen, wissen, wie es damals war, wie Menschen gefühlt haben, was ihnen widerfahren ist. In Weimar hat der Heimat- und Geschichtsverein in seiner Schriftenreihe „Heimatwelt“ viele Geschichten von Zeitzeugen festgehalten. Die Heimatwelt ist auf der Homepage der Gemeinde Weimar digitalisiert allen Interessierten jederzeit kostenfrei zugänglich.

Das Gymnasium Edertalschule in Frankenberg startete in diesem Jahr zum 75. Jahrestag der bedingungslosen Kapitulation von NaziDeutschland ein Experiment. Das Ergebnis war am Mittwoch in der Hessenschau zu sehen. Sie schickte einen Schüler, Simon Klos aus der Jahrgangsstufe 12 direkt zu einem Einzelgespräch mit einem Zeitzeugen. Das war Fritz Neuschäfer. Er ist 91 Jahre alt und lebt noch immer in seiner Heimatstadt Frankenberg. Dass er dies kann, hat er mitunter einem Zufall zu verdanken, der sich in Niederweimar zugetragen hatte. Fritz Neuschäfer war 16 Jahre als er in den letzten Kriegswochen noch als Soldat eingezogen wurde.

Von der Kaserne in Siegen aus marschierte seine Einheit zu Fuß Richtung „Front“ in Hessen, um den amerikanischen Vormarsch zu verhindern. Doch letztlich kommen sie zu spät. Die US-Armee befand sich schon in Marburg, als seine Truppe in Niederweimar erschöpft Halt machte und Quartier in einer Scheune bezog. Kaum hatten es sich die Soldaten etwas bequem gemacht, kam auch schon die Nachricht, dass Amerikaner aus Marburg auf dem Weg wären. Die Soldaten sollten sich sofort fertig machen und Richtung Marburg marschieren.

Nun erzählt Neuschäfer von einem Kameraden, der schon seine Stiefel ausgezogen hatte und sie in dem Aufbruch-Wirrwarr nicht mehr finden konnte. Er bat Neuschäfer inständig, ihn nicht zu verlassen, ihn nicht allein zu lassen. Letztlich sind sie 15 Minuten zu spät dran, es ist offensichtlich kein anderer mehr da. Da beschließen die beiden, sich in die Büsche zu schlagen und zu versuchen, das gut 40 Kilometer entfernte Frankenberg zu erreichen, einfach nur heim zur Familie. Das gefährliche Unterfangen gelang ihnen.

Aus anderen Erzählungen weiß man, dass noch mehr Soldaten in der Gegend um Niederweimar alleine unterwegs waren. Die von den Amerikanern erwischt wurden oder sich ihnen ergaben, wurden in ein Sammellager nach Wolfhausen gebracht, in mindesten einem Fall wurde ein deutscher Soldat aber auch erschossen. Die Truppe, die Neuschäfer und sein Kamerad verlassen hatten, geriet offenbar ohne Kampfhandlungen in Gefangenschaft.

Der Beitrag in der Hessenschau ist in der Mediathek der Sendung noch aufrufbar als Teil 3 der Serie „1945 und ich“.

von Götz Schaub

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