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Südkreis Alte Linde besteht Belastungsprobe
Landkreis Südkreis Alte Linde besteht Belastungsprobe
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09:58 21.04.2021
Zugprobe an der alten Linde vor der Kirche in Wenkbach: Landwirt Markus Schmidt spannt das Seil für die Messung.
Zugprobe an der alten Linde vor der Kirche in Wenkbach: Landwirt Markus Schmidt spannt das Seil für die Messung. Quelle: Foto: Thorsten Richter
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Wenkbach

Der Orkan kann kommen – oder besser lieber nicht. Aber sollte doch einmal ein harscher Sturm auf Wenkbach niedergehen, ist die alte Linde an der historischen Wehrkirche stabil genug, um dem zu widerstehen. Das ergab eine sogenannte Zugprobe, die dem Baum nun offiziell die nötige Widerstandsfähigkeit bescheinigt.

Etwa 200 bis 250 Jahre steht die als Naturdenkmal ausgewiesene beeindruckende Linde nun schon ortsbildprägend vor der ebenso schmucken Kirche. Beide haben wohl schon so einiges erlebt und so einige Wetterlagen mitgemacht. Und der Zahn der Zeit nagt sichtbar an dem dicken Stamm der Linde, im unteren Teil um die eineinhalb Meter dick. Die ist 15 Meter hoch und steht nicht nur in der Nähe vieler Gebäude, sondern auch noch direkt neben der Bushaltestelle. Daher musste sie auf Herz und Nieren, oder eher auf Stamm und Borke geprüft werden.

Am Donnerstag ging es dem lebenden Denkmal an den Kragen, da stand der ultimative Test zur Bruch- und Standfestigkeit an. Das Problem: „Der Baum ist hohl und nach vorne morsch, und da es sich um einen sehr sensiblen Standort handelt hier an der Bushaltestelle, muss die Verkehrssicherheit überprüft werden“, erklärte Dr. Joachim Bürger, Sachverständiger für Baumstatik, der die Zugprobe durchführte.

Doch nicht der gesamte Stamm ist betroffen, eine Seite scheint noch sehr stabil. Wie sehr, das wurde mithilfe einer Zugmethode geprüft, die eine Belastung durch einen Sturm simulieren soll. „Wir geben eine Orkanersatzlast in den Baum rein – ungefähr 20 Prozent Orkan – und messen dann, wie weit der Baum sich biegt und neigt“, so Bürger.

Für die Lastanalyse kletterte Baumpfleger Rune Grenz hinauf in die Krone und befestigte hoch oben am Stamm ein Stahlseil. Mit einem weiteren Seil verband Landwirt Markus Schmidt dieses dann mit seinem Schlepper, für die simulierte Sturmgewalt sorgte eine Seilwinde.

Die wurde bei vollem Körpereinsatz mit verschiedenen Belastungsgraden angezogen, bis zu 1,4 Tonnen hatte die Linde dabei auszuhalten – und leistete zum Glück ordentlich Widerstand. Man musste schon genau hinschauen, um zu sehen, ob die Krone auch nur leicht wackelte.

Detaillierter dokumentiert wurde das durch verschiedene Messgeräte: Das Elastometer am Stamm zeigt dabei, wie stark sich der Baum bei „Gegenwind“ biegt, während das Inklinometer, quasi ein Pendel, die Neigung bestimmt. Eine Rolle spielen dabei unter anderem die Windstärke oder die Elastizität des Holzes. „Das sieht sehr gut aus“, zog Bürger schon während der Messung eine positive Zwischenbilanz. Erleichterung herrschte auch bei Weimars Ordnungsamtsleiter Uwe Jakob Hahn, der mit Kollegen sicherheitshalber während der Zugprobe die Straße absperrte. „Ich hoffe ja, dass die Linde so bleiben kann“, sagte Hahn.

Aus den gewonnenen Messergebnissen wird schlussendlich berechnet, ob diese die festgeschriebene Mindestanforderung von Windstärke zwölf plus 50 Prozent widersteht. Ist das nicht der Fall, müsste der Baum oben gekürzt werden, das wäre buchstäblich ein herber Einschnitt für die prachtvolle Krone.

Das bleibt der alten Linde aber bis auf Weiteres erspart. Denn im endgültigen Ergebnis schneidet sie sehr gut ab: Die abschließende Berechnung der Zugprobe ergab, dass es die Linde bei Windstärke zwölf auf eine Standfestigkeit von 330 Prozent und eine Bruchfestigkeit von sogar 497 Prozent schafft. Also kein Handlungsbedarf, kein drohender Rückschnitt. „Wir brauchen uns keine Sorgen zu machen, der Baum kann noch sehr lange stehen bleiben“, freute sich Bürger.

Von Ina Tannert

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