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Südkreis Eine Reise ins Blaue hinein
Landkreis Südkreis Eine Reise ins Blaue hinein
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12:00 31.08.2021
Endlich am Ziel: Elias Schlie aus Ebsdorf fuhr im vergangenen Jahr mit dem Fahrrad quer durch Schweden bis ans Nordkap.
Endlich am Ziel: Elias Schlie aus Ebsdorf fuhr im vergangenen Jahr mit dem Fahrrad quer durch Schweden bis ans Nordkap.
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Ebsdorf

Bis zu zehn Stunden am Tag auf dem Fahrradsattel, wochenlang über Stock und Stein und ganz allein auf der Reise in den hohen Norden: Es war ein kräftezehrendes Abenteuer, das Elias Schlie aus Ebsdorf im vergangenen Jahr spontan auf sich nahm und an das er wohl ein Leben lang denken wird.

Mit gerade einmal 18 Jahren brach er vor ziemlich genau einem Jahr auf nach Norwegen und fuhr mit dem Fahrrad 5 000 Kilometer bis ans Nordkap. Einfach so, weil er Lust darauf hatte, neue Erfahrungen machen, andere Länder und Menschen kennen lernen wollte. Das war Ende August 2020, kurz nach seinem Abitur, da suchte er „irgendwie eine Herausforderung“. Eigentlich wollte er ja nach Spanien trampen, „das klappte wegen Corona aber nicht, also habe ich mir ein Fahrrad besorgt und bin losgefahren. Ohne einen Plan, ich bin eben spontan und mache so was gern“, erzählt der heute 19-Jährige lachend im OP-Gespräch.

Auf der Couch oder im Stall

Wo genau er langradeln und vor allem wo er in Schweden, Finnland und Norwegen eigentlich übernachten könnte, das entschied sich von Tag zu Tag neu: Er sprach einfach Menschen an, die er auf der Reise traf, fragte nach dem besten Weg und einem freien Bett. Abends klopfte er an die nächste Haustür, wurde zwar auch abgewiesen, kam aber immer irgendwo unter.

Jede Nacht verbrachte er bei fremden Menschen, mal im Gästezimmer, auf der Couch, mal in einem Stall oder auf einer Husky-Farm. „Ich glaube, ich habe bei 50 verschiedenen Leuten geschlafen und so unheimlich viele coole Menschen und ihre Geschichten kennengelernt – eine richtig tolle Erfahrung“, schwärmt Elias Schlie noch heute. Auch die Landschaft im hohen Norden genoss er in vollen Zügen, gerade die norwegische Küste hat es ihm angetan. Kurz hinter Skibotn erreichte er einen Fjord, dessen Anblick ihn fast umwarf, „das war der schönste Ort, an dem ich jemals war, links das Wasser und rechts die hohen Berge – es war beeindruckend, man fühlt sich dort richtig klein“.

Elias Schlie aus Ebsdorf fuhr 2020 mit dem Fahrrad quer durch Schweden bis ans Nordkap. Quelle: Foto: Elias Schlie

Fahrrad gibt den Geist auf

Ohne Stolpersteine läuft so ein Abenteuer aber auch nicht ab: Schon kurz vor der finnischen Grenze ging sein Fahrrad kaputt. Er musste Gewicht loswerden und sich von einem Teil seines Gepäcks trennen – ganze 16 Kilo an Ausrüstung schickte er auf dem Postweg nach Hause. Glück im Unglück: Freunde aktivierten aus der Ferne einen schwedischen Bekannten, der beim Weg zum nächsten Fahrradladen half. Auch nach der Reparatur streikte hin und wieder das Hinterrad und die Reise wurde noch beschwerlicher. So hielt er hin und wieder den Daumen raus, fuhr mal als Anhalter ein paar Kilometer, dann wieder per Rad, „die letzten 400 Kilometer gingen darum auch recht schnell“.

Am 30. September erreichte er das Nordkap, das große Ziel seiner Reise. „Das war unglaublich, total beeindruckend“, erinnert er sich noch an diesen befreienden Moment, als er auf das Wahrzeichen des Nordkaps traf, den stählernen Globus auf dem Nordkap-Plateau in Norwegen.

Elias Schlie auf dem Nordkap-Globus. Quelle: Privatfoto

„Irgendwann kommt dann das Heimweh“

Viel Zeit blieb ihm da aber nicht, er trat direkt den Rückweg an. Denn mitten im Herbst wird Schweden so langsam zu ungemütlich zum Radeln. Generell war die Hinreise kein Zuckerschlecken und gerade in dünn besiedelten Gebieten überwog irgendwann die Einsamkeit: „Es war richtig anstrengend, ich habe zwar viele Leute getroffen, aber es war auch einsam und irgendwann kommt dann das Heimweh“, verrät der 19-Jährige. Der Rückweg ging deutlich schneller, weniger mit dem schwer mitgenommenen Rad, eher per Zug oder Schiff. „Irgendwann hat es mir gereicht mit dem ganzen Stress, da brauchte ich mal ein paar Tage Ruhe auf einem Schiff.“ Am 11. Oktober kam er nach eineinhalb Monaten auf der Straße wieder in Deutschland an. Eine riesengroße Erleichterung, „ich war total fertig, aber richtig glücklich“, freut sich Elias Schlie noch immer. Direkt nach Haus ging es für den gebürtigen Mecklenburger dennoch nicht, sondern – wo er schon mal da war – auf Tour durch Norddeutschland zum Familienbesuch.

Einen Schlafplatz gibt es immer

Dann war aber auch mal Schluss, von Bremen aus fuhr in einem Rutsch zurück nach Ebsdorf, „an einem Stück, da wollte ich es noch mal wissen und bin 24 Stunden lang durchgefahren“. Nach Wochen im Sattel war er schließlich trainiert wie nie, das war noch mal „eine letzte große Herausforderung – als ich dann nach Hause kam, war das richtig schön, da wusste ich: Ich habe es geschafft“.

Elias Schlie aus Ebsdorf fuhr mit dem Fahrrad bis ans Nordkap. Quelle: Privatfoto

Er gönnte sich eine seltene, lange Erholungsphase, um die Strapazen, aber auch „so viele, richtig gute Erfahrungen“ zu verarbeiten. Allzu lange hält es den Weltenbummler aber nicht an einem Ort. In diesem Jahr war er schon wieder per Anhalter in Schweden unterwegs, „ich reise einfach gern, habe keine Angst und mache mir keine großen Gedanken um Konsequenzen“, gibt er lachend zu. Gerade zieht er um nach Flensburg und macht ein Freiwilliges Soziales Jahr in einem Kinderheim, „ich wollte einfach raus und noch ein Stück weit selbstständig werden“, sagt er. Und er plant schon wieder die nächste große Reise nach Südamerika.

An Reiselust und Selbstvertrauen mangelt es ihm spätestens nach der erfolgreichen Nordkap-Tour sicher nicht. Denn eins habe er gelernt: „Am Ende wird immer alles gut, ich habe immer alles geschafft und werde es überleben – und auch einen Schlafplatz finden.“

Von Ina Tannert

30.08.2021
26.08.2021