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Landkreis Splittermine stoppt Flüchtling
Landkreis Splittermine stoppt Flüchtling
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11:17 04.11.2009
Das Archivfoto zeigt den Grenzzaun an der hessisch-thüringischen Grenze. Teile der Grenze zwischen der DDR und der Bundesrepublik waren mit Selbstschussanlagen gesichert.
Das Archivfoto zeigt den Grenzzaun an der hessisch-thüringischen Grenze. Teile der Grenze zwischen der DDR und der Bundesrepublik waren mit Selbstschussanlagen gesichert. Quelle: Mayer
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Rasdorf. Das vermeintliche Todesopfer lebt noch immer. Bis in die letzten Jahre des DDR-Regimes versuchten hunderte Menschen den SED-Staat unter Gefahr für Leib und Leben auf dem gefährlichsten Weg über die innerdeutsche Grenze zu verlassen. Den wenigsten gelang dies; Bernhard Fey aus der thüringischen Rhön scheiterte gleich zweimal. Den zweiten Versuch bezahlte er beinahe mit seinem Leben.
Fey entwickelte schon in jungen Jahren einen ausgeprägten Drang nach Freiheit und Gerechtigkeit. In der Schule und in der Lehre zum Betonbauer eckte er mehrfach an. Als 15-Jähriger plante er die Flucht seiner ganzen Berufsschulklasse in den Westen. Im Raum Henneberg sollten die 16 Schüler paarweise über die Grenze gehen. Ein Mitschüler verriet die Gruppe, die Schüler tappten weit vor dem Grenzzaun in eine Falle, Bernhard Fey verschwand für neun Monate in einer Jugendstrafanstalt.
In seinen zweiten Fluchtversuch weiht er nur einen Kumpel ein, den 30-jährigen G. F., der wie Fey aus Weilar stammt. Der ältere Freund ist Kraftfahrer im Straßenbau und besitzt als solcher einen Passierschein für das Sperrgebiet. Während seiner dienstlichen Touren im Sperrgebiet sondiert er die Lage an der Grenze. Er schlägt vor, den Grenzdurchbruch nordwestlich von Geisa, der westlichsten Stadt der DDR, zu wagen.
Die beiden Freunde wählen als Zeitpunkt für ihre Flucht den Heiligen Abend 1975. Ihre Überlegung: An Weihnachten sind die Grenzkompanien nicht vollständig besetzt und die Gedanken der Grenzposten sind eher auf ihr Zuhause als auf etwaige Flüchtlinge gerichtet. Am Abend des 23. Dezember brechen die beiden in Weilar auf. Bis zur Grenze bei Geisa sind es nur rund 12 Kilometer, aber die beiden Flüchtenden müssen Straßen und Ortschaften meiden und die zum Teil unwegsamen Rhönberge zwischen Feldatal und Ulstertal umlaufen.
Sie legen in der Nacht 30 Kilometer zurück und erreichen unbehelligt ein großes LPG-Feld nordwestlich von Geisa, auf dem allein ein Feldgehölz Deckung bietet. Am Randes des Feldgehölzes steht ein Sandstein-Kruzifix, dessen Sockel ein Spruch aus dem Johannes-Evangelium ziert: "Christus ist die Versoehnung für unsere Sünden." Hier machen sie Rast, den Grenzzaun bergan schon im Blickfeld. Bernhard Fey dreht sich zu dem Kruzifix um und schickt ein Stoßgebet Richtung Himmel: "Herr, wenn es Dich gibt, dann mach’, dass das klappt."
Der 19-Jährige und sein Begleiter laufen den letzten Kilometer hoch zum Grenzzaun. Es ist kein Grenzposten zu sehen. Am drei Meter hohem Zaun, der sie noch von Hessen trennt, machen sie drei Drähte aus. Die beiden Freunde haben von Selbstschuss-Anlagen gehört, suchen sich eine Astgabel, kauern sich vor dem Zaun auf den Boden und berühren die Drähte mit ihrem Werkzeug. Nichts tut sich. Sie werden mutiger, überprüfen mit den Händen, ob die Drähte Strom führen. Wieder nichts. Nur eine Attrappe? Oder lösen die Drähte einen stillen Alarm aus? Die jungen Männer wollen keine Zeit verlieren. Bernhard Fey stellt sich vor den Zaun, macht für seinen Freund die Räuberleiter. Der hockt schon fast oben auf dem Zaun, als ein Blitz durch die Nacht zuckt.
Als Bernhard Fey aus seiner Ohnmacht erwacht und die Augen öffnet, liegt ein Erdklumpen vor seinem Gesicht. Er nimmt einen stechenden Magnesium-Geruch wahr. Rühren kann er sich nicht. Der Druck auf den Draht am Zaun hat eine Splittermine vom Typ SM-70 detonieren lassen. 11 der 110 Stahlwürfel dieser Selbstschussanlage treffen das rechte Bein des Flüchtlings. Die Hauptschlagader ist getroffen, der Schwerverletzte droht zu verbluten. Das alles weiß Fey in diesem Moment nicht. Sein nur leicht verletzter Freund versucht, den Blutenden zu verbinden, bevor er auf Geheiß des Verletzen zurück Richtung Osten flüchtet.
Die Wachsoldaten des US-Stützpunktes Point Alpha, der wenige Meter von der Unglücksstelle steht, beobachten die Szenerie durch ihre Nacht-sichtgeräte, ohne dass sie helfen können. Sie sehen, dass der Verletzte erst spät durch eine Motorradstreife gefunden und noch später durch die herbeigerufene Verstärkung geborgen wird. Sie wissen um die mörderische Wirkung der SM-70 und vermelden noch am gleichem Tag, dass am frühen Morgen des Heiligen Abend am Point Alpha ein unbekannter DDR-Flüchtling verblutet ist. Die Junge Union errichtet zum Gedenken an den unbekannten Toten ein Birkenkreuz auf der westlichen Seite des Grenzzauns.
Die Ärzte der kleinen Vachaer Polyklinik können Bernhard Feys Leben retten. Er kommt in ein Haftkrankenhaus nach Leipzig, wird zu 19 Monaten Haft verurteilt, die er in Cottbus verbüßt. Fey hat weiterhin nur ein Ziel: Er will in den Westen und stellt deshalb einen Ausreiseantrag. Den zieht er erst zurück, als er seine spätere Frau kennenlernt.
Nach der Wende liest Fey in der Zeitung "Freies Wort" einen Artikel über einen tödlichen Grenzzwischenfall zwischen Geisa und Rasdorf am 24. Dezember 1975. An seinem Fluchttag, an seinem Fluchtort musste ein anderer sterben? Fey recherchiert in Rasdorf und bekommt heraus: Es gab an diesem Tag keinen weiteren Zwischenfall, das 15 Jahre währende Totengedenken unter dem Birkenkreuz galt ihm. Bernhard Fey klärt den Sachverhalt auf. Seitdem gibt es in der Statistik einen Grenztoten weniger.
Heute ist das Opfer vom Heiligen Abend 1975 ein stark gefragter Zeitzeuge, der unter anderem als Führer im zu einem Grenzmuseum und zu einer Gedenkstätte umgewandelten Point Alpha seine Erfahrungen weitergibt.

von Mattias Mayer

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