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Ostkreis Eine Ermutigung in Zeiten des Hasses
Landkreis Ostkreis Eine Ermutigung in Zeiten des Hasses
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13:58 29.11.2019
Der ägyptische Arzt Mohammed Helmy wurde von Yad Vashem als erster Araber als „Gerechter unter den Völkern“ geehrt. Quelle: Berlin-Verlag
Stadtallendorf

Die Geschichte von 
Mohammed Helmy und Anna Boros ist aus Sicht der Gegenwart besonders. In Berlin zur Zeit der Naziherrschaft ist sie das weniger, wie Autor Dr. Ronen Steinke belegt.

Mohammed Helmy ist Ägypter, Muslim und Arzt in Berlin. Und er ist der Arzt der Familie von Anne Boros, einer Jüdin, die ihre Entdeckung, Deportation und Ermordung fürchten muss.

Der Araber Helmy rettete Boros und ihrer Großmutter unter der Terrorherrschaft der Nationalsozialisten das Leben. Sie überstanden Dank des Ägypters und seines Netzwerkes die Shoa, die systematische Verfolgung und Ermordung der Juden.

Recherche dauerte zwei Jahre

Im Jahr 2013 stößt der Journalist und Autor Steinke auf eine Zeitungsnotiz. Posthum würdigt die Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem Mohammed Helmy als „Gerechten unter den Völkern“. Das hat Yad Vashem auch mit 25.000 weiteren Menschen getan, die unter Einsatz ihres Lebens Juden vor der Ermordung gerettet hatten.

Das Besondere: Erstmals ehrte die israelische Gedenkstätte einen Araber auf diese Weise. Die Gedenkstätte Yad Vashem lud die Nachfahren Helmys zur Ehrung nach Jerusalem ein. Doch sie weigerten sich, in den jüdischen Staat zu reisen. Aus tiefer Ablehnung Israels.

Eine zwei Jahre dauernde Recherche von Ronen Steinke begann, in Archiven, in Gesprächen mit Nachfahren von Boros und Helmy. Steinke erzählt die Geschichte der Rettung von Anne Boros in seinem Buch „Der Muslim und die Jüdin – Die Geschichte einer Rettung in Berlin“. Am Freitagabend ist der Korrespondent der Süddeutschen Zeitung zu Gast in Stadtallendorf und liest aus seinem Buch in der Fatih-Moschee im Wupperweg. Steinkes bekanntestes Werk ist die Biographie „Fritz Bauer oder Auschwitz vor Gericht“.

Als Medizinstudent in Berlin

Die OP hatte Gelegenheit, im Vorfeld mit Steinke über seine Recherche und Hintergründe zu sprechen. Helmy und Boros sind beide vor vielen Jahren verstorben. Der Retter Helmy starb im Alter von 81 Jahren, Anne Boros leider schon mit 60 Jahren. Sie starb eines natürlichen Todes in New York.

Ihre Nachfahren gedenken Mohammed Helmy weiter. „Sie sagen, dass sie ohne seinen Einsatz heute nicht leben dürften“, fasst es Steinke zusammen. Mohammed Helmy kam als Medizinstudent aus Ägypten nach Berlin. Dort nahmen ihn, wie Steinke berichtet, die Mitglieder der jüdischen Gemeinden mit offenen Armen auf – was, so Steinke, gegenüber Arabern in dieser Zeit gar kein Problem darstellte.

Nazis an der Nase herumgeführt

Es erwuchsen Freundschaften. Für den Lebemann mit einem Hang zum Abenteuer, wie Steinke Mohammed Helmy sinngemäß charakterisiert, wurde es in Berlin aber gleich nach Beginn des Zweiten Weltkrieges gefährlich. Er wurde interniert, da er aus einer britischen Kolonie stammte. Ihm gelang es, die Nazis an der Nase herumzuführen.

Er machte ihnen vor, dass seine ägyptischen Kontakte für Hitlerdeutschland von Nutzen sein könnten. Diese hilfreichen Kontakte gab es nie, doch die Nazis glaubten ihm und ließen ihn frei. Als Arzt der Familie Boros gelang es ihm, die Nazibehörden erneut zu täuschen, unter Einsatz seines Lebens.

Scheinehe rettete Leben

Mit arabischen Unterstützern fädelte er sogar eine Scheinehe ein, um jüdische Freunde zu retten. „Helmy und seine Freunde haben sich nicht von der Propaganda und dem Schein der Nazis blenden lassen“, so fasst es Steinke zusammen. Ronen Steinke schätzt Diskussionen nach Lesungen.

Die soll es auch am Freitagabend in der Fatih-Moschee geben. Veranstalter dieser Lesung ist das Dokumentations- und Informationszentrum (DIZ) Stadtallendorf zusammen mit der Landeszentrale für politische Bildung. Die Einladung des DIZ trägt eine Überschrift, die auch die Geschichte von Helmy und Boros charakterisiert: „Eine Geschichte, die Mut macht in Zeiten des Hasses“. 

  • „Der Muslim und die Jüdin“ ist im Berlin-Verlag erschienen und kostet 20 Euro in gebundener Ausgabe.

von Michael Rinde