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Ostkreis Tritte an den Kopf sind „potenziell lebensgefährlich“
Landkreis Ostkreis Tritte an den Kopf sind „potenziell lebensgefährlich“
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21:00 26.01.2022
Vor dem Landgericht in Marburg muss sich ein 29 Jahre alter Mann aus Neustadt wegen gefährlicher Körperverletzung verantworten.
Vor dem Landgericht in Marburg muss sich ein 29 Jahre alter Mann aus Neustadt wegen gefährlicher Körperverletzung verantworten. Quelle: Nadine Weigel
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Marburg

Im Prozess um einen 29 Jahre alten Mann, der am 13. September 2020 in Neustadt einen Flüchtling brutal zusammengeschlagen, die Tat in Teilen gefilmt, und den damals 19-Jährigen dann schwer verletzt am Munitionslager zurückgelassen hat, wurden am Mittwoch (26. Januar) vor dem Landgericht zwei Gutachter gehört: ein Rechtsmediziner und eine Rechtspsychologin.

Zur Tat steht nach einer bereits erfolgten Erklärung des Angeklagten fest, dass das Opfer in den frühen Morgenstunden vom Bahnhof Neustadt in ein Waldstück nahe des Munitionslagers verschleppt wurde. Dort wurde es brutal zusammengeschlagen. Grund ist offenbar die Belästigung einer jungen Neustädterin, für die der 19-Jährige bestraft werden sollte.

Opfer wies Brüche und Schädelhirntrauma auf

Das Opfer ist untergetaucht und am Dienstag (25. Januar) nicht zum Prozess erschienen. Deshalb wurde in der Verhandlung am Dienstag nur dessen polizeiliche Aussage verlesen. Von einem weiteren Zeugen fehlt ebenfalls jede Spur. Er sollte eigentlich zum gestrigen Verhandlungstag polizeilich vorgeführt werden.

Dem Rechtsmediziner wurden vor seiner Aussage zu der Schwere der Verletzungen die Videoaufnahmen der Tat gezeigt. In den Videosequenzen ist zu sehen, wie der Angeklagte auf den Kopf des Opfers eintritt, wie er den am Boden Liegenden beschimpft, während er die Tat filmt. Der 19-Jährige wies Verletzungen am Kopf und Abschürfungen am Körper auf. Er erlitt ein Schädelhirn-Trauma, eine mehrfache Nasenbeinfraktur und der Daumen war gebrochen. Auf Nachfrage der Vorsitzenden Richterin Beate Mengel bestätigte der Rechtsmediziner, dass Tritte an den Kopf potenziell lebensgefährlich sind. Anhand der Videosequenzen sei jedoch nicht ersichtlich, ob sich das Opfer in Lebensgefahr befand. Vielmehr könne eine Bewusstlosigkeit dazu führen, dass Blut in die Lungen eingeatmet wird.

Auch von der Intensität der Tritt lasse sich nicht ableiten, dass es zwangsläufig zu Knochenbrüchen kommen muss. Anhand des Videomaterials geht der Experte davon aus, dass sich der 19-Jährige in einer lebensbedrohlichen Situation befand.

Gutachten: Fähigkeit der Steuerung nicht beeinträchtigt

Die Rettungssanitäterin, die das Opfer Stunden nach der Tat versorgt hatte, bestätigte, dass der Mann sofort medizinisch versorgt werden musste. Er habe starke Kopfverletzungen aufgewiesen.

Den Blutalkoholspiegel des Angeklagten berechnete der Rechtsgutachter zur Tatzeit mit etwa 1,8 Promille. Ein Cousin des Angeklagten sagte aus, dass der Angeklagte öfter Alkohol trinke.

Die Rechtspsychologin stufte den Angeklagten als leicht alkoholabhängig ein und sie diagnostizierte bei ihm eine dissoziale Persönlichkeitsstörung. Beide Störungen für sich betrachtet bedingten bei dem Angeklagten keine Beeinträchtigung der Steuerungsfähigkeit, aber eine Wechselwirkung beider Störungen verstärke den Drang des Angeklagten, Probleme durch Gewalt zu lösen. Seine Impulskontrolle sei verringert und er lebe in der Annahme, dass er das Recht besitze, Strafen selbst auszuführen.

Prozessfortsetzung

Der Prozess wird am Montag (31. Januar) ab 9.30 Uhr am Landgericht fortgesetzt. Es ist zu erwarten, dass ein Urteil gefällt wird.

Der Angeklagte, der mehrfach vorbestraft ist, lebe in dem ständigen Konflikt, sich angepasst zu verhalten – er hat sich lange Zeit bemüht, sein Leben in den Griff zu kriegen – obwohl bei ihm einzelne kriminelle Werte und Normen vorherrschen. Personen mit einer solchen dissozialen Persönlichkeitsstörung haben zum Bespiel ein besonderes Frauenbild. Sie sind der Meinung, dass Frauen Probleme nicht selbst lösen können. Deshalb habe der Angeklagte die Tat zielgerichtet begangen. Sie sei geplant gewesen, der Alkoholkonsum am Tattag habe nur dazu beigetragen, dass der Plan umgesetzt wird.

Von Silke Pfeifer-Sternke