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Ostkreis „So eine Brutalität, so ein Leid“
Landkreis Ostkreis „So eine Brutalität, so ein Leid“
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17:04 14.11.2021
Am Ehrenmal nahe der Stadthalle fand die Gedenkveranstaltung zum Volkstrauertag statt. Oberstleutnant Dr. Jan Hartwig (von links), Kreisbeigeordnete Sigrid Waldheim, Hans-Jürgen Schäfer vom Volksbund und Bürgermeister Christian Somogyi stehen vor den Kränzen.
Am Ehrenmal nahe der Stadthalle fand die Gedenkveranstaltung zum Volkstrauertag statt. Oberstleutnant Dr. Jan Hartwig (von links), Kreisbeigeordnete Sigrid Waldheim, Hans-Jürgen Schäfer vom Volksbund und Bürgermeister Christian Somogyi stehen vor den Kränzen. Quelle: Michael Rinde
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Stadtallendorf

Die Schüler der Klasse 8a kennen Krieg und Gewalt nur aus den Medien, zum Glück. Um so mehr bewegte sie das, was sie in den Gedichten lasen, die sie am Sonntag (14. November) bei der zentralen Gedenkstunde zum Volkstrauertag in Stadtallendorf vortrugen. Sie hatten ihre Gedichtvorträge gemeinsam mit Lehrerin Nina Flanderka vorbereitet. „Vorstellen kann ich mir das alles nicht, so eine Brutalität, so ein Leid“, sagt Schülerin Charlotte Maya Ratajczak aus Stadtallendorf.

An vielen Orten in der Bundesrepublik und auch im Landkreis gedachten am Volkstrauertag Menschen der Opfer von Krieg und Gewalt, die OP berichtet stellvertretend über die zentrale Veranstaltung.

Vor der eigentlichen Gedenkstunde am Ehrenmal gestalteten Militärpfarrer Michael Fröhlich und Pfarrer Thomas Peters einen Gottesdienst in der nahen Stadtkirche. Etwa 50 Teilnehmer kamen in den kleinen Park nahe der Stadthalle, darunter Soldaten der Division Schnelle Kräfte und Kommunalpolitiker. Musikalisch begleitete wieder der Männergesangverein Stadtallendorf das Gedenken an die Opfer von Krieg, Terror und Gewalt, unter anderem mit dem Lied „Ich bete an die Macht der Liebe“.

Es war eine gemeinsame Gedenkstunde von Stadt, Division und Landkreis Marburg-Biedenkopf. Gleich zu Beginn machte Bürgermeister Christian Somogyi deutlich, wie weit das Gedenken geht: an die Opfer der beiden Weltkriege ebenso wie an die Opfer von Kriegen, Bürgerkriegen, Konflikten in der Gegenwart, in diesen Tagen und Stunden und an die in Einsätzen gefallenen oder durch Unfälle getöteten Bundeswehrsoldaten. Seine klare Botschaft: „Der Weg zu dauerhaftem Frieden kann nicht mit Waffen erreicht werden. Wir alle sind aufgefordert, Stellung zu beziehen.“

Schüler tragen Auszüge aus Gedichten vor

Gedanken, die sich auch in der Ansprache der Kreisbeigeordneten Sigrid Waldheim wiederfanden. Sie sagte mit dem Blick auf die Kriege der Gegenwart aber deutlich: „Es ist besorgniserregend, wie wenig wir gelernt haben.“ Gedenken schärfe die Sinne und sei darum so wichtig. Den Volkstrauertag in dieser Form gibt es in der Bundesrepublik seit dem Jahr 1952, erstmals wurde er nach dem Ersten Weltkrieg im Jahr 1919 ausgerichtet.

Die Schüler der Klasse 8a trugen Auszüge aus Gedichten unter anderem von Heidrun Gmähling vor. Aus ihrem Gedicht „Soldatentrauma“ sprechen Verzweiflung, Fassungslosigkeit, als ein Soldat aus dem Kriege heimkehrt, das Gewehr beiseite legt und seine Welt so anders geworden ist. Seine Gedanken sind quälend. Und es taucht an anderer Stelle, vorgetragen von einem Schüler, die Frage auf, welchen Sinn ihr Tun gehabt habe.

Zeremoniell war das Totengedenken an den Kränzen vor dem Ehrenmal der Höhepunkt. Hans-Jürgen Schäfer vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge, Oberstleutnant Dr. Jan Hartwig vom Stab der Division, Kreisbeigeordnete Waldheim und Bürgermeister Somogyi vollzogen es zum Trompetenspiel eines Musikers des Heeresmusikkorps aus Kassel.

Dr. Jörg Probst, Leiter des Dokumentations- und Informationszentrums und Stadtmuseums, trug aus den Erinnerungen der Stadtallendorfer Ehrenbürgerin Eva Pusztai-Fahidi vor. Sie war als Jüdin im KZ-Außenlager Münchmühle im Sprengstoffwerk der DAG und leistete dort unter unmenschlichen Bedingungen Zwangsarbeit. An jenem 28. März 1945 war sie nicht mehr in der Lage dazu, auch nur einen Schritt zu laufen, als die Aufseher die Inhaftierten am Abend zu einem Marsch zusammentrieben. Sie blieb allein im Gras sitzend zurück. „Ich war zu schwach für einen Schritt“, beschreibt es Pusztai-Fahidi sinngemäß. Ihre Befreiung nahm sie wohl erst Stunden später wahr, denn zu ihrem Glück kehrte kein Aufseher zu ihr zurück.

Von Michael Rinde