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Ostkreis Anderer Zeitgeist führt zum Aus
Landkreis Ostkreis Anderer Zeitgeist führt zum Aus
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14:59 22.10.2021
Martin und Martina Römer vom Haushaltswarengeschäft „Herbert“ in Kirchhain
Martin und Martina Römer vom Haushaltswarengeschäft „Herbert“ in Kirchhain Quelle: Thorsten Richter
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Kirchhain

„Beim Herbert gibt es das bestimmt.“ Dieser Satz ist in Kirchhain leider bald Geschichte. Es war der wohl schwerste Entschluss im Berufsleben von Martin und Martina Römer. Das Stammhaus der Firma Herbert, das Stadtgeschäft in der Hofackerstraße, schließt, spätestens Anfang nächsten Jahres ist Schluss. Einen genauen Schließungstermin gibt es dabei aber noch nicht.

Die Entscheidung ist die Folge einer kontinuierlichen Abwärtsentwicklung auf dem Markt, den die Firma Herbert jahrzehntelang bediente. Porzellan und hochwertige Haushaltswaren sind im Einzelhandel weniger denn je gefragt. Das einstige Kerngeschäft, für das die Firma Herbert in Kirchhain weit über die Stadt hinaus bekannt war, spielt inzwischen nur noch eine untergeordnete Rolle. Auch die Hinzunahme von neuen Sortimenten wie etwa Koffern oder Handtüchern und Tischdecken hat die Einbußen an anderer Stelle nicht auffangen können, wie Martina und Martin Römer im Gespräch mit der OP klarmachen.

Hinzu kommt die Online-Konkurrenz. Doch die will Martin Römer nicht in den Vordergrund stellen. „Die negative Marktentwicklung in unserem Stammsegment hat sich sehr stark für uns ausgewirkt“, unterstreicht Römer. Hinzu kam der Trend großer Porzellanmanufakturen, ihre Kollektionen gleich selbst online zu vermarkten. Auch das habe Preise und damit Umsatzspannen zu Lasten von Einzelhändlern wie der Firma Herbert gedrückt, erläutert Martin Römer.

Durch Generationswechsel bei den Kunden hätten sich auch Bedarfe sehr verändert: Die Zeiten, in denen es die klassischen Hochzeitstische mit einer breiten Auswahl an Porzellan und guten Gläsern plus der nötigen Basisausstattung an Küchengeräten von Markenherstellern gab, sind längst vorbei. Früher gab es Sommer mit bis zu 50 Hochzeitstischen im Geschäft, erinnert sich Martina Römer an die Boomzeiten. Heute werde immer häufiger nach günstigen Trendartikeln gesucht, die sich je nach Mode schnell wieder austauschen lassen.

„Die Wertschätzung für hochwertiges Porzellan und Haushaltsartikel ist stetig geringer geworden“, sagt Martina Römer.

Hinzu kommt, dass Discounter und große Lebensmittelmärkte ihre Sortimente an Haushaltswaren stetig ausgedehnt haben. Dort sind auf den Aktionsflächen inzwischen auch Küchengeräte bis hin zu Kaffeevollautomaten zu finden.

Noch einmal„Weihnachtsmarkt“

Ähnliches wie bei der hochwertigen Küchenware beobachten die Römers bei einem weiteren starken Standbein ihres Stadtgeschäfts, bei langlebigen Dekorationsartikeln bis hin zu Sammlerware. Auch dort habe das Interesse kontinuierlich nachgelassen.

Es waren also langfristige, nicht umkehrbare Trends, die das Unternehmer-Ehepaar zu diesem Entschluss geführt haben, nicht etwa die Corona-Krise, wie beide hervorheben.

Doch was jetzt? Zunächst gibt es noch einige Wochen lang die Möglichkeit, „beim Herbert“ gut und mit teils stark reduzierten Preisen einzukaufen. Die Lager sind noch einmal gefüllt worden, es gibt auch wieder den traditionellen und beliebten „Weihnachtsmarkt“ im Geschäft mit aktuellen Kollektionen bekannter Hersteller wie zum Beispiel Hutschenreuther. Noch einmal werden auch die Aushängeschilder des Geschäftes, die liebevoll dekorierten Schaufenster, demnächst adventlich gestaltet sein.

Die Rabattaktionen bei „Herbert“ laufen inzwischen, das Interesse ist groß, wie das Ehepaar Römer berichtet. Ein Hinweis: Kunden bittet das Unternehmen darum, ihre Gutscheine in den nächsten Wochen im Geschäft einzulösen.

Was wird aus den Geschäftsräumen, wenn der Laden in naher Zukunft endgültig geschlossen bleibt? „Wir werden uns die nötige Zeit nehmen und ein Konzept für die Räume entwickeln“, sagt Martin Römer. Noch gibt es keine konkreten Pläne.

Von diesem Schritt bleibt das Fachgeschäft für Bäder, Küchen, Heizung und Stahl in der Niederrheinischen Straße gänzlich unberührt. Dort geht es in gewohnter Weise weiter.

Firmengeschichte

Martina und Martin Römer führen das Unternehmen Herbert mit seinen zwei Standorten mittlerweile in der vierten Generation. Fritz Herbert gründete 1909 am heutigen Standort des Stadtgeschäftes einen Eisenwarenladen. In den 1960er-Jahren gab es die erste Erweiterung mit Geschenkartikeln und einer kleinen Auswahl Porzellan. 1979 entstand die erste reine Porzellanabteilung, 1987 zog der Eisenwarenladen um und im Stammhaus Hofackerstraße 19-21 gab es dann nur noch Hausrat, Porzellan und Geschenkartikel. Im Jahr 1994 wurde die Porzellanabteilung aufwendig umgebaut, ab dann führte „Herbert“ alle gängigen Marken. Bekannt wurde das Unternehmen auch mit Vorführungen und Sonderaktionen bei seinen Kunden. Zeitweise beschäftigte „Herbert“ bis zu 15 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, aktuell sind es noch 4. In 2009 wurde das Unternehmen 100 Jahre alt.

Von Michael Rinde

22.10.2021
22.10.2021