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Ostkreis Zachow mahnt: „Es gibt keine sicheren Dörfer“
Landkreis Ostkreis Zachow mahnt: „Es gibt keine sicheren Dörfer“
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21:20 16.10.2020
Marian Zachow erläutert die neuen Corona-Vorschriften. Quelle: Foto: Florian Lerchbacher
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Marburg

Die Fallzahlen steigen weiter rasant, seit Donnerstag ist der Landkreis Marburg-Biedenkopf ein Risikogebiet. Die OP sprach mit Vizelandrat Marian Zachow (CDU) über die Situation.

Haben die Menschen auch im Landkreis zu unvorsichtig gefeiert angesichts der rasant steigenden Zahlen der Corona-Infektionen?

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Marian Zachow: Das Feiern ist nur einer der Gründe. Was wir im Moment klar sehen, ist, dass wir die meisten Infektionen im privaten und familiären Umfeld haben. In 43 Prozent der Fälle kennen wir den Kontakt zu einem bereits Infizierten, 14 Prozent sind auf Reiserückkehrer zurückzuführen. Bei 23 Prozent war kein Kontext ermittelbar. Was wir aber wissen: Die meisten der Infektionen fanden in geschlossenen Räumen ohne ausreichende Belüftung statt. Alles verteilt sich breit über den Landkreis, es gibt keine „sicheren“ Dörfer. Die vielzitierte private Feier hat sicherlich den ein oder anderen infiziert. Sie allein erklärt aber das jetzige Infektionsgeschehen nicht.

Das macht es für die Gesundheitsbehörden sehr viel schwieriger.

Ja. Wir sind jetzt in einer Situation, die wir beim Infektionsgeschehen immer am meisten gefürchtet haben. Es gibt eben nicht den einen Hotspot oder das Cluster. Wir hatten für eine zweite Welle immer gehofft, dass wir gezielt eingrenzen können. Das geht aber nicht. Man kann im Moment noch nicht einmal einen Kreisteil herausheben, der bei den Infektionszahlen herausragt. Natürlich sind Städte immer etwas stärker betroffen. Marburg hat statistisch gesehen, weil es einfach größer ist, etwas mehr Fälle, aber das ragt auch nicht heraus.

Wie entwickelt sich das Infektionsgeschehen nach der Altersstatistik?

Der Schwerpunkt der Infektionen tritt bei Menschen im Alter zwischen 20 und 49 auf. Aber es ist klar zu erkennen, dass sich das Geschehen hin zu mehr älteren Menschen, die infiziert werden, entwickelt. Und die gilt es weiter bestmöglich zu schützen. In dem Zusammenhang sei hervorgehoben, dass wir bisher keine schwerwiegenden Ausbrüche in Seniorenheimen hatten. Wir sind beim Schutz der älteren Menschen im Vergleich zur ersten Welle deutlich besser aufgestellt.

Wie steht es bei den Schulen und bei Veranstaltungen?

Bisher haben wir den Eindruck, dass die Ansteckungen nicht im Alltagsbetrieb von Schulen, Betrieben, Veranstaltungen oder der Gastronomie stattfinden. Die meisten Infektionen kommen aus dem privaten und familiären Umfeld. Offenbar greifen Hygienekonzepte von Gastwirten, von Vereinen, von Unternehmen und an Schulen und Kindergärten bisher weitgehend.

Der Kreis hat immer betont, dass er sein Vorgehen an den Gründen für ein Infektionsgeschehen ausrichtet. Bleibt Ihnen jetzt nicht nur noch die große Keule, um die Zahlen in den Griff zu kriegen?

Nein, ganz im Gegenteil. Wir wählen lieber, um im Bild zu bleiben, ein sehr differenziertes Florett. Wir werden bei privaten Feiern im öffentlichen Raum die Zahl der Personen auf 25 festlegen, im privaten Bereich auf 10. Wir werden Veranstaltungen ab 100 Personen genehmigungspflichtig machen. Es gibt ein Alkoholverbot auf öffentlichen Plätzen, ein Alkoholverkaufsverbot zwischen 23 und 6 Uhr sowie eine Sperrstunde um 23 Uhr.

Warum keine strengeren Vorgaben bei den Feiern im öffentlichen Raum?

Wir waren ja bereits vor einer Woche, als wir die Schwelle zur dritten Eskalationsstufe überschritten hatten, strenger, als es das Landes-Konzept vorsah: Wir haben eine Grenze von 25 Personen für Feiern gesetzt, obwohl diese eigentlich erst ab einer Inzidenz über 50 fällig gewesen wäre. Im Sinne einer gewissen Verlässlichkeit schreiben wir diese Regelung zunächst einmal fort, ohne sie weiter zu verschärfen. Übrigens auch, weil wir die Situation vermeiden wollen, dass sich die Menschen in die kleine Privatwohnung verziehen und dort mit 15 oder 20 Leuten feiern. Das wäre eine wesentlich gefährlichere Situation für die Corona-Ausbreitung. Damit ist keinem gedient.

Also sollten wir jetzt alle lieber auf die Geburtstagsfeier auch im kleinen Kreis verzichten?

Ja, das wäre unser Rat. Ich kann nachvollziehen, dass jemand seinen runden Geburtstag oder seine Hochzeit gerne feiern möchte, dass man Menschen mal wieder umarmen möchte. Aber gerade das ist es leider, was es dem Virus im Moment so leicht macht, sich auszubreiten. Wovor ich dabei besonders warne ist das Singen auf Feiern. Hier sollte man wenn überhaupt dann lieber auf Musik aus der Konserve, also von der CD zum Beispiel setzen. Wer feiert, muss das jetzt kontaktlos tun oder ganz lassen. Wir wissen, dass das eine Zumutung ist, aber sie kann Leben retten und das ist es dann allemal wert.

Shutdown zu Allerheiligen abwenden

Wie steht es um die Auslastung der Kliniken?

Noch haben wir da keine angespannte Situation. Aber wir haben keine Glaskugel. Es gibt überhaupt keinen Grund, warum wir uns einbilden sollten, dass bei uns so eine Situation wie in Frankreich oder Spanien nicht passieren kann. Wir haben uns alle gut vorbereitet auf eine Zuspitzung der Situation, aber es kommt jetzt mehr denn je darauf an, dass wir uns alle an die Abstandsregeln und Hygienevorschriften halten.

Um den gefürchteten Shutdown zu Weihnachten abzuwenden?

Ja, ganz genau. Wenn wir uns die Dynamik der letzten Wochen anschauen, dann reden wir nicht über einen Shutdown zu Weihnachten, dann reden wir vielleicht – wenn es ganz, ganz schlecht laufen sollte – über einen Shutdown an Allerheiligen. Das gilt es jetzt zu verhindern. Das können wir uns weder gesellschaftlich noch ökonomisch noch einmal leisten. Wir hatten und haben keinen Grund mehr, noch irgendwo nachlässig zu sein bei dem, was wir tun.

Wo läuft es denn besonders gut, was den Schutz im öffentlichen Raum angeht?

Bei Vereinen zum Beispiel, bei sehr vielen Firmen und nach unserer Wahrnehmung auch bei Schulen und Kindergärten. Da ist vieles sehr vorbildlich.

Angesichts der Infektionszahlen ist es zunehmend schwierig, Infektionsketten bis zum Ende nachzuverfolgen. Wie sieht es beim Gesundheitsamt derzeit aus?

Etwa ein Drittel der Infektionsketten lässt sich nicht nachvollziehen. Das ist ein Wert, den wir beinahe während der gesamten Pandemie hatten. Wir haben frühzeitig freiwilliges Personal aus anderen Bereichen der Kreisverwaltung zusammengezogen und geschult. Dieses Personal hilft uns jetzt entscheidend, wir haben vorgesorgt. Ein Nadelöhr ist noch das Fachpersonal, hier sind wir aber in Gesprächen, um Abhilfe zu schaffen. Zudem können wir auf viele engagierte Medizinstudierende zählen, die uns aktiv unterstützen. Die Situation ist aber insgesamt extrem anstrengend. Unser Gesundheitsamt gibt seit Beginn der Pandemie nahezu 150 Prozent. Das ist ein tolles Team, die Motivation ist unfassbar groß.

Also gibt es da keine Probleme?

Wir sind bei der Kontaktverfolgung zugegeben etwas langsamer geworden, schaffen es aber immer noch, innerhalb von 24 Stunden alle Infizierten über das positive Testergebnis zu informieren und auch innerhalb von drei bis fünf Tagen alle Kontaktpersonen weitestgehend zu ermitteln und zu kontaktieren. Aber auch da werden wir schneller werden, sobald das zusätzliche Personal eingearbeitet ist.

Braucht der Kreis Unterstützung der Bundeswehr?

Bis jetzt noch nicht. Aber wir sind vorsorglich im Gespräch, etwa mit dem Kreisverbindungskommando, um bei einer Zuspitzung ganz schnell handeln zu können.

Es gibt am Montag neue Einschränkungen, die müssen auch kontrolliert werden, damit sie wirksam sind. Wie ist das zu schaffen?

Wenn Behörden Hinweise auf eine verboten große Feier bekommen, dann haben sie immer reagiert. Das wird auch jetzt so geschehen, wobei natürlich auf Ordnungsämter und Polizei mehr Arbeit zukommt. Es wird auch Kontrollen geben.

Land regiert dem Kreis nicht rein

Wir haben die vierte „Eskalationsstufe“ nach dem Konzept der Landes erreicht. Wie stark greift das Land inzwischen im Kreis Marburg-Biedenkopf ein?

Es gibt einen sehr intensiven Austausch. Das Land redet uns nicht permanent rein, es schaut darauf, dass wir unsere Arbeit ordentlich machen. Wir warten nicht ab, wir reagieren umgehend. Wir sind fast die ersten, die die Bund-Länder-Vorgaben umsetzen.

Am Montag beginnt die Schule wieder. Dort gab es offenbar bisher keine extremen Corona-Ausbrüche. Trotzdem: Müssen sich die Menschen jetzt besondere Gedanken machen, was Schulen und Kindergärten angeht?

Nein, wir hatten bisher keine Infektionsketten an den Schulen. Die Hygienekonzepte scheinen also zu funktionieren. Wichtig ist das Lüften. Wir müssen jetzt alle begreifen, dass das Lüften Leben retten kann.

Was raten Sie den Menschen im Kreis?

Halten Sie sich an die Abstands- und Hygieneregeln und an die Maskengebote. Und behalten Sie Ihre Kontakte im Blick, merken Sie sich, wen Sie getroffen haben, zum Beispiel mit einem Kontakt-Tagebuch. Denn es kann jeden trotz aller Vorsicht treffen. Dann ist es wichtig, schnell die Infektionswege nachzuvollziehen. Nutzen Sie die Corona-Warnapp, damit sie noch wirksamer wird. Haben Sie keine Angst, aber nehmen Sie die Gefahren, die vom Corona-Virus ausgehen, bitte sehr, sehr ernst.

Von Michael Rinde