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Ostkreis Lastwagenfahrer gehen die Gäule durch
Landkreis Ostkreis Lastwagenfahrer gehen die Gäule durch
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14:00 28.01.2022
Zwischen zwei Lastwagenfahrern kam es auf der Bundesstraße bei Wohratal zu einem Streit.
Zwischen zwei Lastwagenfahrern kam es auf der Bundesstraße bei Wohratal zu einem Streit. Quelle: Peter Steffen/dpa (Themenfoto)
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Wohratal

In 30 Jahren als Berufskraftfahrer hatte sich ein 53 Jahre alter Mann aus Neukirchen – mit auch ansonsten weißer Weste – nichts zu Schulden kommen lassen. Doch am 9. März des vergangenen Jahres gingen auf der Bundesstraße bei Wohratal die Gäule mit ihm durch und er machte sich, so das Urteil von Richter Joachim Filmer, der gefährlichen Körperverletzung in Tateinheit mit versuchter Nötigung schuldig.

Wie sich während der Beweisaufnahme zeigte, war der Mann damals gegen 4.50 Uhr mit seinem Lastwagen auf der Strecke in Richtung Marburg unterwegs. Bei Josbach überholte er auf einer langen Geraden einen anderen Sattelzug – scherte nach dem Manöver allerdings offenbar recht knapp wieder vor dem anderen Fahrzeug ein. Dessen Fahrer übte Kritik, indem er Hupe und in der Folge mehrfach auch die Lichthupe aktivierte.

Danach soll der Angeklagte den anderen Verkehrsteilnehmer noch einige Male ausgebremst haben, um ihn dann am Kreisel bei Halsdorf endgültig zum Anhalten zu zwingen. Anschließend ging er nach hinten, schlug dem anderen Fahrer – der in seinem Führerhaus geblieben war – die Tür gegen die Beine und später mit der Faust gegen den Unterschenkel und versuchte, ihn aus seinem Lastwagen zu ziehen. Er ließ erst ab, als andere Verkehrsteilnehmer am Ort des Geschehens vorbeikamen.

Angeklagter kann sein Verhalten nicht erklären

In groben Zügen bestätigten sowohl der Angeklagte als auch sein Opfer den Tathergang. Der 53-Jährige gab an, sein Verhalten nicht erklären zu können, und entschuldigte sich. Er sah sich provoziert, weil der andere Fahrer zunächst aus unerklärlichen Gründen langsam und auch Schlangenlinien gefahren sei und dann während des Überholmanövers beschleunigt und ihn nicht wieder auf die eigentliche Fahrspur gelassen habe.

Ausgebremst habe er ihn dann aber nicht: Viel eher habe er bremsen müssen, weil Kurven gekommen seien. Und angehalten habe er letztendlich, weil er angesichts der mehrfach betätigten Lichthupe des Hintermannes gedacht habe, er könnte beim Überholen das andere Fahrzeug berührt und beschädigt haben.

„Ich hatte zittrige Beine von der Verfolgungsjagd – und er saß wie ein Pascha auf seinem Lastwagen“, berichtete er. Daraufhin sei er die Stufen zum Führerhaus hochgeklettert und habe gefragt, was mit ihm los sei. Geschlagen habe er sein Gegenüber nicht, aber mit der Hand gegen die Beine geklopft – und auch die Tür „zugeklatscht“. „Wäre ich doch nur im Wagen geblieben. Der leichte Übergriff tut mir sehr leid“, resümierte der Angeklagte.

Staatsanwältin kritisierte insbesondere das Schlagen mit der Tür

Der andere Fahrer – vor einem Jahr noch Berufsanfänger – berichtete, er sei abgedrängt worden und habe deshalb die Hupe und Lichthupe betätigt. Vielleicht ein paar Mal zu viel, bekannte er auf Nachfrage und ergänzte, beim Überholmanöver des anderen nicht beschleunigt zu haben: Das sei auch gar nicht möglich gewesen, da sein Lastwagen voll beladen, der andere aber leer gewesen sei. Ausgestiegen am Kreisel sei er nicht, weil er gesehen habe, dass „aggressives Potenzial auf mich zukam“. Anschließend habe er sich in seinem Führerhaus festgeklammert, weil der Angeklagte ihn aus dem Fahrzeug habe zerren wollen. Zudem habe der 53-Jährige um sich geschlagen, in der Hoffnung, etwas zu treffen.

Die Staatsanwältin kritisierte insbesondere das Schlagen mit der Tür. „Das ist schon heftig.“ Die Situation sei aber emotional aufgeladen und das konstante Betätigen der Lichthupe durchaus provozierend gewesen. „Insgesamt war das Verhalten aber rücksichtslos und gefährlich“, betonte sie.

Der Angeklagte sei angesichts der 30 vorherigen Jahre ohne Fehlverhalten nicht als ungeeignet für das Führen von Fahrzeugen einzustufen; sie plädierte auf sieben Monate auf Bewährung, eine Geldstrafe und ein Fahrverbot von vier Monaten.

Fahrverbot und Geldstrafe

Der Verteidiger stellte heraus, dass seinen Mandanten sowohl die Geschehnisse als auch das Ermittlungsverfahren stark mitgenommen hätten und er tief beeindruckt sei. Er bat letztendlich um ein „mildes Urteil“, während der Angeklagte noch einmal sein tiefes Bedauern ausdrückte.

Das Überholen auf der Strecke sei totaler Quatsch, weil gerade ein Lastwagenfahrer bis Marburg kaum Zeit gewinne, stellte Richter Joachim Filmer heraus und ergänzte, dass aufeinandertreffendes „zweimal Testosteron“ und die frühe Uhrzeit nicht unbedingt die besten Voraussetzungen böten, um einen Konflikt zu klären.

Unter Berücksichtigung der Umstände und der weißen Weste des Angeklagten verurteilte er ihn zu einer Geldstrafe in Höhe von 100 Tagessätzen à 60 Euro – und einem Fahrverbot von einem Monat.

Diese verhältnismäßig geringe Zeitspanne erklärte er damit, dass sich der Angeklagte einsichtig gezeigt und entschuldigt habe – und in 30 Jahren zuvor bewiesen hatte, dass er zum Führen eines Lastwagens geeignet sei: „Eine Gefährdung des Arbeitsplatzes durch ein längeres Fahrverbot halte ich daher nicht für angemessen.“

Von Florian Lerchbacher