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Ostkreis Die unendliche Geschichte endet
Landkreis Ostkreis Die unendliche Geschichte endet
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12:00 26.12.2021
Heiko Dawedeit (rechts) nahm aus den Händen von Dr. Marc Böttcher (Dritter von rechts) und Irene Walter (links) den eigentlichen „Schlussstein“ entgegen, der aber nicht eingebaut werden konnte.
Heiko Dawedeit (rechts) nahm aus den Händen von Dr. Marc Böttcher (Dritter von rechts) und Irene Walter (links) den eigentlichen „Schlussstein“ entgegen, der aber nicht eingebaut werden konnte. Quelle: Foto: Florian Lerchbacher
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Wohra

Von einem Weihnachtswunder zu sprechen, wäre wahrscheinlich etwas übertrieben, aber die Freigabe der Brücke über die Bentreff in Wohra am Dienstagnachmittag ist durchaus eine Besonderheit: Vor zwölf Jahren war festgestellt worden, dass das denkmalgeschützte Bauwerk dringend sanierungsbedürftig ist. Die Frage war nur, wie und in welchem Ausmaß das Projekt umgesetzt werden sollte. Das Thema wurde zum Politikum und drohte, zur unendlichen Geschichte zu werden.

Doch dann trudelte eine Nachricht im Wohrataler Rathaus ein, die letztendlich den Ausschlag geben sollte: HessenMobil, die Straßenbauverwaltung des Bundeslandes, war bereit, 75 Prozent der Sanierungskosten zu übernehmen – aber nur für die „kleine“ und nicht die „große“ Lösung.

Das bedeutete, die Gemeindevertreter hatten die Wahl zwischen einer Komplettsanierung, die auch weiterhin Autoverkehr ermöglicht hätte, und einer Sanierung, die aus der Brücke über die Bentreff eine Radfahrer- und Fußgängerbrücke macht. Die Entscheidung fiel auf die zweitgenannte, letztendlich 235 000 Euro teure Variante – bei der aus der Gemeindekasse nur rund 60 000 Euro fließen müssen (ursprünglich waren 200 000 Euro anberaumt gewesen – doch mit der Steigerung der Kosten stiegen, zum Glück für die Gemeinde, auch die Fördermittel).

Gab eine dritte Variante

Es habe sogar noch eine dritte Variante gegeben, wie sich Dr. Marc Böttcher vom Ingenieurbüro Dr. Böttcher & Dr. Schick erinnert: Bei dieser Version hätte der Erhalt des Bauwerkes im Vordergrund gestanden. Es wäre ein Dach darüber gekommen und die Brücke wäre zu einer Art Unterstand umfunktioniert worden – zur „Grillbrücke“, wie Böttcher lachend sagt. „Dann hätten wir die Entscheidung aber eigentlich nur verschoben“, kommentiert Bürgermeister Heiko Dawedeit. Der Rathauschef spricht entsprechend bei der Freigabe von einem „erfreulichen Termin“ – mit dem er vor rund einer Woche noch nicht gerechnet hatte, weil zu diesem Punkt noch die für den Radverkehr gemäß Vorschriften erforderlichen Geländer angebracht worden waren.

Insgesamt habe er sehr spannende Arbeiten beobachtet, berichtet Dawedeit. Im Rahmen der Vorarbeiten musste ein Experte beispielsweise Sandstein für Sandstein unter die Lupe nehmen, um ein Kataster zu erstellen. Stück für Stück sei dann abgetragen und später wieder eingebaut worden: „Es war ein bisschen wie Lego für Große.“

Böttcher bezeichnet die Brücke als Schmuckschätzchen und spricht neben den beteiligten Firmen vor allem seiner Mitarbeiterin und Projektleiterin Irene Walter großes Lob aus. Er stellte heraus, dass der Asphalt auf dem Bauwerk so gestaltet wurde, dass eine Art Rinne entstand. Diese sorge für einen geregelten Abfluss von Wasser und verhindere, dass es wieder ins Mauerwerk eindringt – das sei schließlich davor das Problem gewesen. „Wir haben die Durchfeuchtung weggenommen und eine Abdichtung aufgebracht“, ergänzt Walter und spricht davon, dass so eine gewisse Langlebigkeit gesichert sei.

Brücke barrierefrei

Wann die Brücke gebaut wurde, habe sich aber auch im Zuge der Arbeiten nicht herausfinden lassen, entgegnet sie auf Nachfrage von Anwohner und Gemeindevertreter Harald Homberger.

Es sei ein großes Glück gewesen, dass die Brücke bereits in den 1970er Jahren einmal saniert wurde, betont Böttcher: Damals seien Zuganker eingebaut worden, die die Stirnwände der Brücke zusammenhielten und quasi verhinderten, dass das Bauwerk auseinanderfällt. Und dann stellte er noch zwei Faktoren heraus, die in der Nachbetrachtung ebenfalls für die kleine Lösung sprachen: Bei der Komplettsanierung wäre ein höherer Aufbau notwendig geworden – und das hätte sich dann massiv auf das historische Bild der Brücke ausgewirkt, deren Besonderheit eine horizontale Brüstung ist (also eine, die nicht der Wölbung folgt).

Und zudem sei es so leichter gewesen, die Brücke auch barrierefrei zu gestalten: „So sind die Übergänge harmonisch“, freut er sich, während er Dawedeit einen Sandstein überreicht, auf dem die Brücke eingemeißelt ist – und der eigentlich als Abschlussstein hätte eingebaut werden sollen, was aber aufgrund des Denkmalschutzes nicht möglich gewesen sei.

Von Florian Lerchbacher

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