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Ostkreis Die Waldschule des Lebens
Landkreis Ostkreis Die Waldschule des Lebens
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14:00 06.07.2021
Der „Mädchen-Club“ baut einen Unterschlupf für Tiere.
Der „Mädchen-Club“ baut einen Unterschlupf für Tiere. Quelle: Florian Lerchbacher
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Wohra

Aufgeregt fischt Finn eine Art Mobile aus der Tasche, das aus Stöcken und Tannenzapfen und einem Stück Holz mit der Aufschrift „Kinderwald“ besteht. Er hat das kleine Kunstwerk zuhause gebastelt, um es im Mönchswald aufzuhängen in einem Gebiet, das ausschließlich für Wohras Grundschülerinnen und -schüler gedacht ist. Im April 2004 wurde der Kinderwald ins Leben gerufen. Gab es zunächst die Absprache mit Gemeinde und Revierförster, dass er nicht bewirtschaftet wird, so machten die Beteiligten vor rund zwei Jahren dies auch offiziell. Seitdem gilt die drei bis vier Hektar große „Kinderwaldschule Wohra“ als „Naturwald“, also als Zone, die sich selbst überlassen wird. Dies sei notwendig gewesen, weil doch immer mal wieder Waldarbeiter Bäume zum Fällen markiert hatten, berichtet Ben Bender. Der „Vater“ des Kinderwaldes ist zwar inzwischen in Pension, kommt aber immer wieder aus Langendorf herübergelaufen, um als „ehrenamtlicher Unterstützer“ die Kinder aus seiner alten Dorfschule zu begleiten.

Die Kinder sollen den Wald mit allen Sinnen erfahren

Einmal die Woche kommen die „Luchse“ – Schülerinnen und Schüler der ersten und zweiten Klasse – in den Kinderwald, den sie mit allen Sinnen erfahren sollen. Es gehe viel mehr um das Erfahren als das Vermitteln von Wissen, erklärt Bender, der die Verantwortung eigentlich an Sozialpädagogin Cordula Letmade übergeben hat. Doch das Konzept stammt eben noch von ihm – und verweist damit auf den Umweltpädagogen Joseph Cornell. „Lehre weniger und teile mehr von deinen Gefühlen mit“, lautet ein Grundsatz – mit Bezug darauf, dass Menschen durch das Ausdrücken von Gedanken und Gefühlen bei anderen Liebe und Respekt für die Erde erwecken können. Außerdem wachse daraus das Vertrauen zwischen Kindern und Erwachsenen. Gleichzeitig sollten Kinder aufnahmefähig und aufmerksam sein – allesamt Punkte, die bereits mit Betreten des Waldes gelebt werden. Doch schon der Weg Richtung Kinderwald ist wichtiger Teil des pädagogischen Konzeptes, schließlich sammeln die Kinder beim Laufen Erfahrungen und tauschen sich aus.

Im Wald kommen die Kinder zunächst zusammen, frühstücken und lauschen dem Wald beziehungsweise der „Waldmusik“. Anschließend teilen sie ihre Erfahrungen mit den anderen und singen dann Lieder, die sie selber mit ihren eigenen, aus dem Kinderwald stammenden Klanghölzern untermalen. Danach tauschen sie sich aus, was sie so alles gehört haben. „Wenn wir im Kinderwald sind, haben wir Zeit. Die oft den Schulalltag prägende Hektik ist wie weggeblasen“, heißt es im Konzept – und das ist den Jungen und Mädchen auch anzumerken.

Denis übt das Schnitzen. Quelle: Florian Lerchbacher

In der folgenden „Waldfreizeit“ können sie tun und lassen, was sie möchten: Die einen schnitzen, die anderen bauen Unterstände oder Unterschlupfmöglichkeiten für Tiere, im Winter macht eine auserwählte Gruppe Feuer, „Ich bin gerne hier, denn hier kann man viel besser mit Freunden spielen als anderswo“, sagt Isabella, die sich mit ihrem „Mädchenclub“ beziehungsweise Lena, Mathilda, July, Pia und Klara einig ist, dass es „total cool ist, weil man viel bauen kann“ – zum Beispiel einen Hasenbau. Und auch, dass im Wald manches anders ist als in der Schule oder zuhause, finden sie eher aufregend als irgendetwas anderes. „Da hinten der Baumstamm ist unser Waldklo. Da habe ich auch schon reingepinkelt“, verkündet eines der Mädchen und rät dazu, die aus einem Baumstamm bestehende Toilette ruhig mal auszuprobieren.

Der Harvester bleibt dem Kinderwald schon lange fern

„Erfahrungen sammeln“ ist eben das Motto. Denis schnitzt sich derweil mit einem kinderkompatiblen Messer eine Art Speerspitze, während Jakob an seinem Waldunterschlupf weiterwerkelt. Eigentlich habe er diesen mit Klassenkameraden gebaut, aber diese seien irgendwann ausgestiegen. Der Junge wollte aber noch ein Dach auf das Konstrukt aufsetzen. Gesagt, getan: Der Unterstand ist so gut wie fertig – und wenn’s regnet, ist es darunter sogar „ein bisschen trocken“. Spannend daran: Die Kinder sind oftmals in unterschiedlichen Zusammensetzungen unterwegs. Dies sei sehr gesund für das Gesamtgefüge und schaffe eine gute Basis für eine solidarische Gruppenatmosphäre, die nicht von Ellenbogen geprägt ist, sondern von gegenseitigem Geben und Nehmen. So steht es auch im Konzept.

Isabella hängt eine selbstgebastelte Markierung auf, die zeigen soll, wo der Kinderwald beginnt. Quelle: Florian Lerchbacher

„Hier lernen die Kinder fürs Leben“, resümiert Bender. Das vielleicht beste Beispiel: Vor einigen Jahren waren die Jungen und Mädchen entrüstet, dass ein Harvester Schneisen durch den Wald in der Nähe ihrer „Waldschule“ zog. Sie nahmen Kontakt zum Bürgermeister und zum Revierförster auf, luden sie zu einer Gesprächsrunde in „ihren“ Wald ein und bewirkten, dass der Harvester nicht in ihren Bereich kommen darf. „So erlebten sie hautnah, dass es etwas bringt, sich für seine Interessen einzusetzen“, freut sich Letmade.

Von Florian Lerchbacher