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Ostkreis Wo Sepp Herberger mit Fritz Walter telefonierte
Landkreis Ostkreis Wo Sepp Herberger mit Fritz Walter telefonierte
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21:00 16.10.2021
Wo früher Feste und Veranstaltungen stattfanden, steht heute ein Bagger, mit dem der Saal auseinandergenommen wird.
Wo früher Feste und Veranstaltungen stattfanden, steht heute ein Bagger, mit dem der Saal auseinandergenommen wird. Quelle: Fotos: Florian Lerchbacher
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Stadtallendorf

Stück für Stück machen Bauarbeiter das Haus Hohenwald dem Erdboden gleich. Vom ehemaligen Wohnhaus neben dem einstigen Stadtallendorfer Soldatenfreizeitheim sind nur noch ein paar Trümmer übrig. Der Abriss dauert allerdings länger als ursprünglich geplant war, erklärt Kasernenkommandant Oberstleutnant Stephan May und berichtet, dass dort mehr Altlasten aufgetaucht seien, als erwartet worden war. Sogar in Fußboden und dem Kleber seien Schadstoffe gefunden worden, sodass die Elemente nicht nur sorgfältig und unter entsprechenden Schutzvorkehrungen entfernt, sondern auch als Sondermüll entsorgt werden mussten.

Auch mal zwischen Streithähne geworfen

„Es war mehr, als uns lieb war, deswegen haben wir auch öfters als geplant Proben genommen“, sagt May und berichtet, dass auf die freiwerdende Fläche zwischen Herrenwaldkaserne und Hessen-Kaserne ein Gebäude für die Mitarbeiter der Außenstelle des Bundeswehr-Dienstleistungszentrums kommen soll.

Doch zunächst steht der weitere Abriss auf der Agenda. Ein Relief, das am Eingang des Soldatenfreizeitheims zu sehen war, ist mittlerweile in der militärhistorischen Sammlung untergekommen. Wenn die restlichen Trümmer des Hauses sprechen könnten, hätten sie so einiges zu erzählen – von Skatrunden, Prinzenpaar-Inthronisierungen und vielen anderen Veranstaltungen. Steine sind aber nur stumme Zeugen, doch zum Glück gibt es Neustadt noch Karla und Hermann Schulze, die mehr als 34 Jahre im Haus Hohenwald das Sagen gehabt hatten, bis im Jahr 2005 endgültig Schluss war und der Ruhestand wartete.

Wobei das mit der Ruhe bei den beiden Frohnaturen so eine Sache ist: Eigentlich lassen sie keine Gelegenheit aus, um die Geselligkeit zu pflegen – ganz so wie früher, als sie sich im Auftrag der Katholischen Arbeitsgemeinschaft für Soldaten insbesondere um die Betreuung der Soldaten vor Ort kümmerten, aber auch um deren Begegnung mit der zivilen Bevölkerung. Und so wissen sie nicht nur von den Besonderheiten des Gebäudes zu berichten – das beispielsweise 32 Kellerräume hatte, die sich mit wenigen Handgriffen in ein riesiges Lazarett umbauen ließen – sondern auch von einer Vielzahl von Veranstaltungen, die sie dort ausrichteten.

So luden die Schulzes fünf Jahre lang immer wieder in den großen Saal des Soldatenfreizeitheims, den derzeit ein Bagger auseinandernimmt, zur Disco ein – ein besonders bei jungen Stadtallendorferinnen besonders beliebtes Angebot, da sich dort wunderbar Soldaten kennenlernen ließen. Und wo Liebe entsteht, gibt es eben auch manchmal Streit. Ein paar Mal habe er sich zwischen Streithähne geworfen, erinnert sich Hermann Schulze. Einmal sei sogar ein Messer zum Einsatz und Blut geflossen – in einer Auseinandersetzung nicht etwa zwischen Männern, sondern zwischen Frauen.

Filmvorführungen und Silvesterball waren beliebt

Ebenfalls sehr beliebt waren der Silvesterball und die Filmvorführungen, wobei es bei Letzteren immer darauf ankam, was gezeigt wurde – auf Schmalfilm, wohlgemerkt. „Je blutiger der Film war, umso mehr Soldaten kamen“, berichtet Schulze und gibt zu, dass er in solchen Fällen lieber darauf verzichtet habe, sich den Streifen anzuschauen.

Und dann waren noch jede Menge berühmter Menschen zu Gast im Haus Hohenwald: aus dem Bereich des Sports beispielsweise die ehemalige Leichtathletin Sylvia Schenk, der einstige Nordische Kombinierer Hermann Weinbuch, Biathlet Peter Angerer und vor allem der frühere Bundestrainer Sepp Herberger, der Deutschland 1954 sensationell zum Weltmeister-Titel führte. Als er zu Gast auf der Bühne war, wurde zur Überraschung sogar WM-Held Fritz Walter über ein Diensttelefon dazugeschaltet.

Lange Liste von Promis

Noch länger als die Liste bekannter Sportler ist jene der bekannten Entertainer: Sie reicht von Love Generation über Elfi Graf, Juliane Werding, Gunter Gabriel, Gaby Baginsky und Chris Roberts bis hin zu Wolle Petry. „Ich bin der Wolfgang, ich soll hier singen“, so habe sich die Schlagerlegende einst vorgestellt, als er im Soldatenfreizeitheim auflief, erinnern sich die Schulzes und berichten anschließend von einer Musiktanzgruppe aus Russland: Diese sei erst in der Stadthalle aufgetreten und habe später im Soldatenheim in geselliger Runde gelacht, gesungen, getrunken und getanzt – während vor der Tür zwei KGB-Männer saßen und darauf achteten, dass niemand stiften geht.

Apropos Überwachung: Einmal fand im Haus Hohenwald eine Kommandeurstagung statt – unter strenger militärischer Absicherung. Die Feldjäger standen vor den Türen und ließen niemanden rein, nicht einmal die Schulzes und somit auch nicht deren Söhne Jörg und Heiko. Letzterer allerdings hatte im großen Saal einige Dinge gelagert, da er mit den Eltern natürlich viele Stunden im Soldatenheim verbrachte. Und da er dort also quasi zu Hause war, aber nicht hereingelassen wurde, versuchte er es auf seine Weise: Er trat einem Feldjäger gegen das Schienbein und fragte voller Empörung: „Willste mich jetzt an meine Spielsachen lassen?“ Hochzeitsfeiern fanden dort übrigens auch zahlreiche statt. Als Erstes, daran erinnern sich die Schulzes noch genau, nutzten Herbert und Marianne Köller die Gelegenheit. „Daraus entwickelte sich eine wunderbare Freundschaft“, betont Karla Schulze und ergänzt, dass die Eheleute später dort auch ihre Silberhochzeit feierten – und die Hochzeit eines Sohnes.

Einmal wöchentlich ist zumindest Hermann Schulze heutzutage noch vor Ort, um sich den Fortgang der Abrissarbeiten anzuschauen. Der Blick auf die Reste des einstigen Wohnhauses schmerzt ihn weniger, da sich die Familie dort eigentlich nur zum Schlafen aufhielt. Der Abriss des Soldatenheims indes tue ihm durchaus weh, gibt er zu: „Das ist schon sehr emotional, da ich sehr viele schöne Erinnerungen damit verbinde.“ Seine Frau ist da pragmatischer: „Ich habe mir irgendwann gesagt, dass es vorbei ist – und das ist es dann für mich auch.“

Von Florian Lerchbacher

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