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Ostkreis Wenn Zeitzeugen immer seltener werden
Landkreis Ostkreis Wenn Zeitzeugen immer seltener werden
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11:59 02.04.2021
Der Screenshot zeigt die Voransicht der Startseite von „StudioDIZ“.
Der Screenshot zeigt die Voransicht der Startseite von „StudioDIZ“. Quelle: Screenshot: Tobias Hirsch
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Stadtallendorf

Heute Abend sendet das „StudioDIZ“ wieder, live von seinem Sitz am Aufbauplatz. Ab 19 Uhr ist dort Anja Kräutler zu Gast. Kräutler ist Mitarbeiterin der Stiftung „Erinnerung-Verantwortung-Zukunft“ und setzt sich seit dem Jahr 2000 für die Entschädigung von früheren NS-Zwangsarbeitern ein.

Bei der heutigen Veranstaltung geht es dabei um eine spannende Frage: Wie geht es weiter mit der Zeitzeugenarbeit. Es ist eine drängende Frage, denn die Menschen, die Elend, Not und Schrecken des Naziterrors erduldeten, werden immer weniger.

Zeitzeugen haben in der Erinnerungskultur in Stadtallendorf seit 1990 eine stetig wachsende Rolle gespielt. Im Jahr 1990 kamen 168 Holocaust-Überlebende und ehemalige Zwangsarbeiterinnen zu einer „Internationalen Woche der Begegnung“ in die Stadt, in der im Zweiten Weltkrieg zwei der größten europäischen Munitionsfabriken standen.

Gebäude und Objekte haben Historie

Seit November gibt es das „StudioDIZ“ des Stadtallendorfer Dokumentations- und Informationszentrums (DIZ) und Stadtmuseums. Wer eine der im Netz ausgestrahlten Veranstaltungen besucht, merkt, dass er es nicht mit schnell zusammengeklatschtem „Stückwerk“ zu tun hat. Es kommt ein wenig „Tagesschau“-Gefühl auf, wenn Moderator und Experte, DIZ-Leiter Dr. Jörg Probst und seine Gäste miteinander sprechen. Das ist auch das Ziel, wie Probst klarmacht. „Wir sind ernsthaft bei Format und Themen“, sagt Probst im Gespräch mit der OP.

Die heutige Zeitzeugen-Diskussion ist eine Gemeinschaftsveranstaltung mit der Volkshochschule Marburg-Biedenkopf (vhs). Wenn es heute um die Erinnerung an Zwangsarbeit und die Zukunft der Zeitzeugenarbeit geht, dann fällt das unter die Reihe „Sprechzeit“, die das „StudioDIZ“ konzipiert hat. Dialogsendungen über aktuelle Themen in der geschichtlichen Forschung fallen darunter.

Solche Themen sind dabei nicht nur für Menschen in der Region interessant. Sie „bewegen“ an vielen Orten. Ein Punkt, der solche Onlineveranstaltungen auch langfristig attraktiv macht. Es geht um Gedenkstättenarbeit auf breiten Übertragungswegen.

„StudioDIZ“ entstand als Konsequenz aus der Corona-Pandemie. „Es ist aber kein Notnagel, dieses Format werden wir in jedem Falle weiterpflegen, auch wenn die Pandemie vorbei ist“, betont Dr. Jörg Probst. Neben den „Sprechzeiten“ gibt es auch die „Sammlung(s)geschichten“. Bilder, Bauwerke oder Gegenstände aus der großen Sammlung des DIZ haben Geschichten zu erzählen. Einmal im Monat, so der Anspruch, steht ein Objekt im Mittelpunkt, wird von einem Studiogast vorgestellt und eingeordnet. Zuletzt hatte Herbert Köller vom Heimat- und Geschichtsverein Stadtallendorf über einen Alltagsgegenstand in den 1950er-Jahren berichtet: die Hartpapierbehälter. Die Resonanz auf die Angebote des „StudioDIZ“ ist gut, wie Probst berichtet. Bei der Sonderveranstaltung zum Holocaust-Gedenktag gab es mehr als 60 Onlinebesucher. „Mehr als bei unseren Präsenzveranstaltungen“, freut sich Probst. Bei den „Sprechzeiten“ waren es jeweils etwa 20 Besucher, Tendenz kontinuierlich steigend.

Zurück zur heutigen Veranstaltung rund um die Zeitzeugenarbeit und die Erinnerung an Zwangsarbeit. Jörg Probst will heute Abend mit Anja Kräutler auch über die Bedeutung der zweiten Generation, sprich der Kinder und Enkel früherer Zwangsarbeiter und NS-Opfer sprechen. Den Wert dieser Überlieferungen habe auch Eva Pusztai-Fahidi bei einem Gespräch betont, sagt Probst. Eva Pusztai ist Überlebende des KZ Auschwitz und der Zwangsarbeit im Allendorfer Sprengstoffwerk der DAG. Und sie ist auch wegen ihrer jahrzehntelangen Erinnerungsarbeit Ehrenbürgerin von Stadtallendorf. Eine spannende Diskussion beileibe nicht nur für Historiker.

Die vhs hat für die heutige, kostenfreie Veranstaltung um eine Voranmeldung bis heute um 13 Uhr gebeten. Kontakt: Im Internet unter www.vhs.marburg-biedenkopf.de oder bei der vhs-Geschäftsstelle Marburg Land unter der Telefonnummer 0 64 21 / 405-6710.

Von Michael Rinde