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Ostkreis „Zuerst das Schweigen, dann das Weinen“
Landkreis Ostkreis „Zuerst das Schweigen, dann das Weinen“
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20:02 20.12.2021
Nadine Heeb (von links) mit ihrer Tochter Mia-Joleen und Lebensgefährte Thorsten Behrens.
Nadine Heeb (von links) mit ihrer Tochter Mia-Joleen und Lebensgefährte Thorsten Behrens. Quelle: Larissa Pitzen
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Rauschenberg

Etwas nervös setzt sich Nadine Heeb auf die Couch in ihrem Wohnzimmer und legt ihre Hände zusammen auf den Schoß. Bevor sie anfängt von ihrem Weihnachtswunder zu erzählen, atmet sie einmal tief durch.

Ihre Geschichte beginnt vor mehr als 25 Jahren. In Aschaffenburg geboren, wächst die kleine Nadine mit ihrem Bruder Markus bei ihren Eltern auf. Als Nadine fünf ist, trennen sich die Eltern. Da die Mutter kein Sorgerecht für Nadines Bruder Markus hat, wächst nur sie bei ihrer Mutter auf. Doch auch der Vater des kleinen Markus kann sich krankheitsbedingt nicht um den Jungen kümmern. Markus kommt in ein Kinderheim. Der Kontakt geht verloren. Spätestens nach dem Tod ihres Vaters im Jahr 2018 ist die Frage nach ihrem Bruder ein emotionales Thema: „Er ist das Einzige, was mir noch von meinem Vater geblieben ist“, sagt sie. 2017 zieht sie mit ihrem Lebensgefährten und ihrer Tochter nach Rauschenberg.

Nachricht angekommen

Ende Oktober dieses Jahres bekommt Heeb plötzlich eine Whatsapp-Nachricht von ihrem Bruder. „Ich war total durch den Wind, als die Nachricht kam“, erinnert sie sich. Woher ihr Bruder Markus ihre Nummer hat, weiß sie bis heute nicht genau. „Vielleicht hat er die Nummer durch die Verwandtschaft bekommen. Auch über die sozialen Medien geht so etwas heutzutage schnell“, sagt sie. In der Adventszeit dann folgen Video-Telefon-Anrufe. „Da hat auch meine Tochter meinen Bruder zum allerersten Mal in ihrem Leben gesehen“, berichtet Heeb, „Auch wenn die Verbindung abgehackt war, für mich ist es ein echtes Weihnachtswunder.“ Markus heißt heute Weidner mit Nachnamen, wohnt in einem Ort in Bayern und hat zwei Söhne. Das erste Wiedersehen nach 25 Jahren ist sowohl für ihn als auch für seine Schwester sehr emotional. „Ich habe ihn direkt wiedererkannt“, erzählt Heeb, „Das hab ich bis heute nicht verstanden, aber irgendwie ist das Gesicht unterbewusst aus der Kindheit hängengeblieben.“ Bei dem Video-Anruf kommen gemeinsame Erinnerungen von früher hoch, Tränen fließen.

Für Nadine Heeb ist mit der Kontaktaufnahme ein großer Wunsch in Erfüllung gegangen, denn schon in der Vergangenheit versuchte sie ihren Bruder ausfindig zu machen. „Wir haben es auch schon über die RTL-Show ‚Vermisst’ versucht, warten aber bis heute noch auf den Anruf der Produktionsfirma“, sagt Heeb.

Nadines Bruder Markus Quelle: privat

Das große Wiedersehen

Damit sich beide Geschwister wieder in die Arme schließen können, plant Heeb mit ihrer Familie ein Treffen mit ihrem Bruder. „Es wäre schön, wenn das zu Weihnachten klappt, allerdings wissen wir es noch nicht genau“, sagt sie hoffnungsvoll. Ihr Blick wandert zu Tochter Mia-Joleen. „Freust du dich auf deinen Onkel und deine zwei Cousins?“, frag sie. Mia-Joleen wirkt schüchtern und vergräbt ihr Gesicht in den Händen, nickt aber zustimmend.

„Ich stelle mir das Treffen emotional und schön vor, nervös bin ich allerdings schon“, gibt Heeb zu. Vieles über ihren Bruder weiß sie von Erzählungen, weshalb sie umso gespannter ist, was er ihr alles selbst zu erzählen hat. Ihr Lebensgefährte, der die ganze Zeit über ruhig auf seinem Bürostuhl sitzt, meldet sich abschließend zu Wort: „Ich glaube, wenn der Tag des Wiedersehens da ist, kommt zuerst das große Schweigen und dann das große Weinen, wenn sie sich in den Arm nehmen.“

Von Larissa Pitzen