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Ostkreis Wechselt Nahwärmenetz den Besitzer?
Landkreis Ostkreis Wechselt Nahwärmenetz den Besitzer?
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19:59 03.07.2020
Die Heizzentrale der Bioenergiegenossenschaft in Kleinseelheim. Foto: Tobias Hirsch Quelle: Foto: Tobias Hirsch
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Kleinseelheim

Die Bioenergiegenossenschaft Kleinseelheim hatte keinen einfachen Start. Die Bauzeit für das Nahwärmenetz war seinerzeit deutlich länger ausgefallen als kalkuliert, und am Ende schlossen weniger Bürger ihre Häuser an als erwartet und notwendig. Doch die Technik funktioniert tadellos und zuverlässig, wie Rainer Waldhardt, Vorstandsmitglied der Genossenschaft, versichert.

Um aber auf Dauer überlebensfähig zu sein, musste die Genossenschaft im vergangenen Jahr mit Experten der Sparkasse Sanierungsmöglichkeiten ausloten und andere Optionen prüfen. Eine weitere Option ist der mögliche Verkauf des Nahwärmenetzes an den Energieversorger EAM, wie der Vorstand gegenüber der OP bestätigt.

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Auch EAM-Sprecher Steffen Schulze bestätigt Interesse. Entschieden ist noch nichts, es wäre am Ende ohnehin alleine Sache der Mitglieder. Allerdings sind die Gespräche mit der EAM ganz offensichtlich schon weit gediehen.

Im August sollen die Genossenschaftsmitglieder in einer außerordentlichen Versammlung informiert werden und über einen Netzverkauf entscheiden, so der Vorstand. Waldhardt selbst hielte einen Verkauf nach jetzigem Stand für eine vernünftige Lösung.

71 Haushalte sind ans Netz angeschlossen

Die EAM ist ohnehin beim Kleinseelheimer Nahwärmenetz mit im Boot. Sie hat das Gebäude mit der Heizzentrale im Sandweg von der Genossenschaft gemietet und ist vor allem der Wärmelieferant. Die Wärme entsteht aus Grünschnitt, der aus der Kompostierungsanlage Stausebach nach Kleinseelheim gebracht wird. Waldhardt und das Vorstandsteam betonen gemeinschaftlich, dass der Bioenergiegenossenschaft keinesfalls eine Insolvenz droht.

Doch das alte Problem ist geblieben: „Nur“ 71 Haushalte sind aktuell an das gut 4,1 Kilometer lange Kleinseelheimer Nahwärmenetz angeschlossen. Zu wenig, um auf Dauer profitabel weitermachen zu können. Rainer Waldhardt macht allerdings im Gespräch mit dieser Zeitung deutlich, dass am Ende nicht die Zahl der Anschlüsse das Kriterium für Profitabilität und Stabilität ist. Entscheidend ist letztlich die jährliche Abnahmemenge, die erreicht werden muss (siehe „Hintergrund“).

Glasfaser-Leerrohrnetz an Telekom vermietet

Zu möglichen Veränderungen beim Wärmepreis wollen sich angesichts der noch laufenden Gespräche weder Genossenschaftsvorstand noch die EAM äußern. Aktuell liegt der Wärmepreis bei 12,3 Cent je Kubikmeter, wobei die Genossenschaft ein Rabattsystem eingeführt hat.

Was für Folgen hätte ein Verkauf? Sollte das reine Netz an die EAM verkauft werden, so schlössen die Abnehmer dann Lieferverträge mit dem Unternehmen ab.

Was passierte mit der Genossenschaft bei einem Zuschlag für die EAM? Sie bestünde, wie der Vorstand hervorhebt, weiter. In ihren Händen bliebe die Immobilie am Sandweg, in der sich die Heizzentrale befindet. Außerdem behielte die Genossenschaft das Glasfaser-Leerrohrnetz. Das hat sie an die Deutsche Telekom vermietet.

Ab Herbst, so der Vorstand, soll es Angebote für Genossenschaftsmitglieder und weitere Interessierte geben. Für Mitglieder will die Telekom kostenlos Glasfaserleitungen in die Leerrohre einschießen, Nicht-Mitglieder müssten dafür 800 Euro bezahlen.

Waldhardt sieht gute Entwicklungsmöglichkeiten

„Ich glaube, dass der Netzverkauf für uns eine gute Möglichkeit wäre“, bezieht Waldhardt Stellung gegenüber der OP. Ein positives Signal kommt auch von Kirchhains Bürgermeister Olaf Hausmann. Die Stadt hat ihrerseits Kindertagesstätte, Bürgerhaus und Feuerwehrgerätehaus angeschlossen. Hausmann begrüßt die Sanierungsbemühungen, ein Verkauf des Netzes wäre „eine gute Option“, so sein Statement.

Unabhängig davon sieht Rainer Waldhardt gute Entwicklungsmöglichkeiten für die Nahwärmeversorgung in dem Kirchhainer Stadtteil. Potenzial steckt dabei in Neubaugebieten, weiteren Anschlüssen von Häusern, die schon am Netz anliegen, und auch von größeren Gebäuden mit entsprechenden Abnahmemengen.

Die EAM selbst sieht sich in Kleinseelheim schon jetzt als „guter und verlässlicher Partner bei der Wärmelieferung“, so Steffen Schulte als Unternehmenssprecher. Erfahrung ist auch vorhanden: Das Unternehmen betreibe seit Jahren Nahwärmenetze unterschiedlicher Größe, so Schulte.

Hintergrund

Im Mai 2019 sprang der Ofen in der Heizzentrale im Sandweg erstmals an und verbrannte Grünschnitt. Im Vorfeld hatten Verzögerungen beim Netzbau den Start der Genossenschaft allerdings bereits belastet.

Aktuell sind nach Angaben von Rainer Waldhardt 71 Abnehmer an das Kleinseelheimer Nahwärmenetz angeschlossen, bei 7 Haushalten liegt die Leitung im Haus, 14 „investierende Mitglieder“ haben Anschlussoptionen über sogenannte T-Stücke.

Rund 100 Anschlüsse wären theoretisch für den profitablen Netzbetrieb nötig. Doch so einfach lässt sich das nicht rechnen, wie Waldhardt erläutert. Entscheidend ist die jährliche Wärmeabnahmemenge. Pro Anschluss rechnet man in Kleinseelheim mit etwa 20.000 Kilowattstunden Wärme pro Jahr.

Zusätzlich müssten rund 580.000 Kilowattstunden jährlich hinzugewonnen werden. Das könne durch eine Vielzahl kleinerer Häuser, aber ebenso durch Großabnehmer oder eine Mischung aus beidem erreicht werden.

Von Michael Rinde