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Ostkreis Alliierte lassen Allendorf links liegen
Landkreis Ostkreis Alliierte lassen Allendorf links liegen
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13:59 24.05.2022
Das Werk Allendorf der Dynamit Aktiengesellschaft (DAG) wurde nicht bombardiert und überdauerte den Zweiten Weltkrieg.
Das Werk Allendorf der Dynamit Aktiengesellschaft (DAG) wurde nicht bombardiert und überdauerte den Zweiten Weltkrieg. Quelle: Foto: Dokumentationszentrum (DIZ)/Luftbilddatenbank Dr. Carls
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Stadtallendorf

Was wäre aus dem damaligen Allendorf geworden, wenn die beiden Sprengstoff- und Munitionswerke von den Alliierten systematisch bombardiert und zerstört worden wären im Zweiten Weltkrieg? Darüber lässt sich nur spekulieren. Doch sehr vieles spricht dafür, dass es das heutige Stadtallendorf so nicht gäbe. Denn bei einer Zerstörung der Werke der DAG und Wasag hätte es keine oder zumindest deutlich weniger Bauwerke gegeben, in denen Flüchtlinge und Heimatvertriebene nach Ende des Krieges hätten leben und einen Neustart unternehmen können.

Die Antwort auf die Frage, warum die beiden Sprengstoffwerke nicht bombardiert wurden, hat also rückblickend über die rein zeitgeschichtliche Betrachtung hinaus Bedeutung. Immerhin handelte es sich bei den Werken um die beiden größten Sprengstoffwerke in Europa zu jener Zeit.

Die Stadtallendorfer Kunst- und Kulturtage bieten den Rahmen für eine Analyse der damaligen Ereignisse. Am 1. Juni widmen sich der Heimat- und Geschichtsverein Stadtallendorf und der Förderverein Stab Division Schnelle Kräfte (DSK) in Vorträgen den Ereignissen rund um die Werke.

Diplom-Ingenieur Jürgen Wolff und Herbert Köller halten Vorträge. Wolff hat in den vergangenen Monaten intensiv zu der Frage recherchiert, warum die beiden Allendorfer Sprengstoffwerke nicht bombardiert wurden. War es die angeblich so perfekte Tarnung der Werke, die sie tatsächlich so gut vor Bombardierungen schützte? Immerhin wurden in Allendorf etwa 50 Prozent der Sprengköpfe für die Nazi-Vergeltungswaffen „V1“ und „V2“ produziert, im Werk Herrenwald der Wasag war eine zentrale Produktionsstätte von Unterwassersprengstoff für die Kriegsmarine.

Allendorfer Werke blieben verschont

Der Vortrag „Die Allendorfer Werke im Luftkrieg – warum wurden sie nicht bombardiert?“ wird Antworten auf die im Titel formulierte Frage liefern. Jürgen Wolff ist seit Jahrzehnten ein ausgewiesener Experte in Sachen Sprengstoffwerke, sowohl was ihre Historie angeht, als auch die Sanierung der Hinterlassenschaften, der Rüstungsaltlasten betrifft. Klar ist, dass die Alliierten sehr wohl genau über Standort und Größe der Werke in Allendorf informiert waren.

Aber könnte es sein, dass die Amerikaner, die beispielsweise gezielt deutsche Treibstoffwerke ausgeschaltet haben, Sprengstoffwerke bewusst außer Acht ließen? Könnte es sein, dass genau dieser Umstand die Allendorfer Werke vor der Zerstörung bewahrte, mit allen schon genannten Folgen? Schlüsselindustrien genossen auf den Ziellisten der US-Air Force eigentlich Priorität. „Doch glaubten die Amerikaner, dass sich zerstörte Sprengstoffwerke allzu schnell wieder aufbauen ließen“, erläutert Wolff gegenüber der OP. Warum das so war, das wird in seinem Vortrag erklärt. Nur eines vorab: Amerikanische Sprengstoffproduktionen waren deutlich anders aufgebaut als etwa die des Dritten Reichs. In Deutschland galten etwa ganz andere Auflagen für die Abwasserbehandlung als in den USA – schon vor Jahrzehnten. Welche Folgen ein Bombenangriff auf deutsche Sprengstoffwerke aber tatsächlich hatte, zeigte sich nach dem Angriff auf ein Werk in Clausthal-Zellerfeld im Oktober 1944.

Doch es gibt am 1. Juni bei dieser Vortragsveranstaltung noch ein zweites Element, bei dem die Folgen des Krieges für die Menschen vor Ort im Zentrum steht. Herbert Köller wird sich dem Bericht des damals 15 Jahre alten Flak-Helfers Hilmar Eisenhuth widmen. Dazu gibt es Originalbilder. Eisenhuth war seinerzeit in einer Flugabwehrstellung bei Erksdorf stationiert. Sein Bericht schließt mit dem so aktuell gewordenen Satz: „Bewahrt den Frieden“.

Die Veranstaltung findet am 1. Juni ab 15 Uhr im Ausstellungsraum der Stadtallendorfer Stadthalle statt.

Von Michael Rinde