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Ostkreis Wandern, wo der Werwolf wohnte
Landkreis Ostkreis Wandern, wo der Werwolf wohnte
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10:58 28.11.2020
Klaus Erber (links) überreicht die Zertifizierungs-Urkunde an Horst Erdel (Dritter von rechts) im Beisein von (von rechts) Armin Feulner, Uwe Volz, Christian Somogyi und Alexandra Klusmann. Quelle: Florian Lerchbacher
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Hatzbach

Das Wandern erfreut sich insbesondere in Zeiten der Corona-Pandemie und der damit einhergehenden Einschränkungen immer größerer Beliebtheit. Insofern sei es sehr passend, dass nach mehreren Jahren der Planung und Umsetzung justamente in diesen Tagen vier neue Wanderwege fertig wurden, freut sich Bürgermeister Christian Somogyi. Die Rundwege Erksdorf (mehr als zehn Kilometer lang), Wolferode (rund neun Kilometer) und Hatzbach (etwa 5,6 Kilometer und ein Resultat der Dorferneuerung) führen zu besonderen Stellen in den jeweiligen Ortschaften wie Backhäusern oder Kirchen und glänzen ansonsten mit der wunderbaren Natur rund um die Dörfer. „Wir sind eine Industriestadt in einer ländlichen Region. Der Wald in der Umgebung ist ein Pfund, mit dem wir wuchern müssen“, sagt der Rathauschef. Die Umgebung Hatzbachs gibt auch der neuen „Sagentour“ (9,2 Kilometer) eine gewisse Würze, insbesondere sind es aber Mythen und Sagen der Region, die diese Strecke prägen.

Schon vor einigen Jahren hatten die Wanderfreunde Hatzbachtal eine ihrer Veranstaltungen als Sagentour ausgerichtet, wie sich Vorsitzender Horst Erdel erinnert. Dies wurde nun aufgegriffen und zu einer festen Institution gemacht. Insgesamt kommen die Wanderer auf dieser Strecke an zwölf Tafeln vorbei, die Informationen über lokale Sagen und Mythen bereithalten. Unter anderem führt der Weg über eine Kreuzung, an der einst ein Werwolf sein Unwesen getrieben haben soll. Außerdem geht’s vorbei an der auch unter dem Namen Räubermühle bekannten Lingelmühle, in der einst eine Räuberbande gehaust haben soll, und am Jungfernborn, in dem ein Mann mit seiner Geliebten versunken sein soll, nachdem er sie vor der Hochzeit mit einem anderen bewahrt hatte. Doch damit nicht genug, weitere Sagen drehen sich zum Beispiel um den Hund mit den Telleraugen oder die weiße Frau, berichtet Erdel ohne weitere Informationen preiszugeben – den Wanderern soll ja schließlich nicht die Spannung geraubt werden. Zum Glück habe Dr. Karl Damian Achaz von Knoblauch zu Hatzbach (1827 bis 1893) die Sagen der Region zusammengetragen und dann zwischen 1883 und 1886 im „Althessischen Volkskalender“ veröffentlicht – so seien sie für spätere Generationen bewahrt worden.

„Die Menschen mögen, was authentisch ist“, stellt Armin Feulner, der Wanderbeauftragte der Marburg Stadt und Land Tourismus GmbH, heraus. Er hatte bei der Analyse der neuen Wanderwege festgestellt, dass die Sagentour ein sogenannter Premiumwanderweg sein könnte – was er nach Begehung durch das in Marburg ansässige Deutsche Wanderinstitut nun auch geworden ist. Vorsitzender Klaus Erber überreichte die entsprechende Urkunde an Horst Erdel, der mit den Wanderfreunden die Strecke betreuen wird, und befestigte einen entsprechenden Aufkleber am Eingangsportal. Bei der Zertifizierung würden 200 Einzelmerkmale überprüft, unter anderem die Beschaffenheit der zu gehenden Wege, die Landschaft, die Aussicht und so weiter. Mindestens 50 Punkte muss ein Weg erreichen, um als Premiumwanderweg zu gelten. Die Sagentour kam direkt nach ihrer Gründung auf 56. „Die Wege in der Region sind sehr unterschiedlich. Dieser hier ist geschichtlich stark aufgeladen – das kommt bei den Menschen gut an“, lobt Erber und betont, dass ein Wanderweg auch identitätsstiftend sei. Zum einen würden viele Menschen erst durch solche Projekte wieder entdecken, was für Schätze direkt vor ihrer Haustür liegen – und zum anderen werde der Stolz geweckt, wenn andere Menschen sagen, wie schön es doch vor Ort sei.

Alexandra Klusmann, Managerin und Geschäftsführerin der Region Marburger Land, freut sich, dass die Region über EU-Leader-Mittel einen zertifizierten Wanderweg gefördert habe: 32 000 Euro Förderung gab es für das insgesamt 60 000 Euro schwere Wanderweg-Projekt, für das 160 wegweisende Schilder aufgestellt wurden. Die Wegeplanung hatte aufseiten der Stadt Uwe Volz übernommen, der bei Organisation und Umsetzung des Projektes viel Hilfe und Unterstützung von Ortsbeiräten, Vereinen, Landwirten, Jagdpächter und anderen Bürgern bekommen hatte. Die vier Touren, die miteinander verknüpft sind, können bereits genutzt werden – die Einweihung der jeweiligen Rundwege in den Dörfern erfolge später, verspricht Stadtallendorfs Bürgermeister.

Von Florian Lerchbacher