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Ostkreis Wanderfreunde bauen historischen Kahn
Landkreis Ostkreis Wanderfreunde bauen historischen Kahn
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16:00 10.08.2020
Horst Erdel (2. von links) und Karl Schmidt (3. von rechts) bekamen als Kapitäne Unterstützung beim Bau des Schiffs.
Horst Erdel (2. von links) und Karl Schmidt (3. von rechts) bekamen als Kapitäne Unterstützung beim Bau des Schiffs. Quelle: Florian Lerchbacher
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Hatzbach

Die Wanderfreunde Hatzbach haben an ihrem „Hafen“ einen Treidelkahn aufgestellt: ein rund zwölf Meter langes Boot, das beinahe im Dorf zum Alltagsbild gehört hätte. Denn natürlich gab und gibt es in dem Stadtallendorfer Stadtteil keinerlei Schiffsverkehr zu beobachten – außer vielleicht mal Papierschiffchen, die Kinder über den Hatzbach schippern lassen.

Doch ganz aus der Luft gegriffen ist das Projekt von Horst Erdel und Karl Schmidt, mit dem sie für den Hatzbacher Wanderrundweg eine weitere Attraktion neben den fünf Tugenden, den zahlreichen Mühlen und vielen anderen Besonderheiten schaffen wollen, keineswegs. Denn beinahe wären tatsächlich Boote durchs Dorf gefahren. Das haben Horst Erdel und Sohn Eike – die seit Jahren an der Dorfchronik schreiben – beim Stöbern in alten Unterlagen herausgefunden.

Zunächst sei gesagt: Der Begriff „Hafen“ wäre in jedem Fall übertrieben gewesen. Hatzbach sollte eine „Schlagd“ bekommen, wie Eike Erdel berichtet: So wurden in Nordhessen früher Schiffsanlegestellen genannt. Und das wäre passiert, hätte Landgraf Carl von Hessen-Kassel, der von 1670 bis zu seinem Tod im Jahr 1730 regierte, ein ehrgeiziges Projekt umgesetzt: Der Landgraf ließ Anfang des 18. Jahrhunderts einen Schifffahrtsweg zwischen Weser und Rhein planen – als Alternative zum eigentlichen Rhein-Weser-Kanal.

Hintergrund war, dass der Landgraf das „Mündener Stapelrecht“ umgehen wollte. Dies besagt, dass ab 1247 durchreisende Kaufleute auf den Flüssen Weser, Werra und Fulda in der Stadt einen Stopp einlegen und den Mündener Bürgern drei Tage lang ihre Waren zum Kauf anbieten mussten. Daher hatte Landgraf Carl die Idee, eine alternative Route von Kassel nach Bad Karlshafen zur Weser zu bauen.

Der Hatzbach wäre zu einem drei bis sechs Meter breiten und ein bis zwei Meter tiefen Kanal ausgebaut worden. Durch Aufstauen der Wehre wäre ein ausreichender Pegelstand erreicht worden, damit die Treidelkähne darauf verkehren können. Die Boote sind zehn bis zwölf Meter lang und sehen vorne und hinten gleich aus – damit sie auf den schmalen Kanälen nicht gewendet werden mussten. Gegen die Strömung wurden sie von Pferden gezogen (das sogenannte „Treideln“). Für die notwendigen Leinen befanden sich am Mast entsprechende Befestigungen. „Der Warentransport auf dem Wasserweg hatte gegenüber dem Transport auf Wagen Vorteile“, betont Eike Erdel. Der „halbe Bulle“ hatte eine Tragfähigkeit von etwa sechs Tonnen, die zumeist zwei bis vier Pferde zogen. Ein Karren hatte maximal eine Transportleistung von zwei Tonnen.

Dem Landgrafen fehlte am Ende das Geld für den Bau

Problem beim Bau des Landgraf-Carl-Kanals war: Es mangelte an finanziellen Mitteln, sodass die Pläne mit dem Tod des Landgrafen im Jahr 1730 in der Schublade verschwanden. Nichtsdestotrotz wollen die Hatzbacher an das Projekt erinnern. Horst Erdel (auf dessen Schreibtisch viele Jahre ein Modell eines Treidelkahns stand) und Karl Schmidt bauten in den vergangenen Wochen nach Original-Skizzen an den vier Teilen des Bootes, das sie nun gemeinsam mit einigen Helfern am Standort nahe des Feuerwehrgerätehauses zusammensetzten.

Zudem wollen die Wanderfreunde noch eine kleine Ruhebank in das Schiff integrieren, damit Wanderer den besonderen Ort zur Rast nutzen können.

Die Mittel für das Projekt stammen aus der städtischen Ehrenamtsförderung. Die Bootstaufe fällt Corona-bedingt ins Wasser. Aber wenigstens steht der Name für den Hatzbacher Treidelkahn schon fest: Er wird Carl heißen – in Anspielung auf den Landgrafen, aber auch auf einen der beiden Erbauer.

von Florian Lerchbacher