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Ostkreis Waldbesetzerin zu längerer Haft verurteilt
Landkreis Ostkreis Waldbesetzerin zu längerer Haft verurteilt
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19:36 23.06.2021
Ein Polizist steht bei Prozessauftakt Ende Mai vor dem Amtsgericht Alsfeld, vor dem Umweltaktivisten die Freilassung von „UWP 1“ fordern.
Ein Polizist steht bei Prozessauftakt Ende Mai vor dem Amtsgericht Alsfeld, vor dem Umweltaktivisten die Freilassung von „UWP 1“ fordern. Quelle: Foto: Nadine Weigel
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Alsfeld

Urteil gegen Waldbesetzerin: Nach Tritten und einem Kniestoß gegen Polizisten im Dannenröder Forst wird eine Frau, die ihren Namen nicht preisgibt, zu einer Freiheitsstrafe verurteilt – unter Protesten von Zuschauern im Saal und Aktivisten vor der Tür. Die Waldbesetzerin aus dem Dannenröder Forst ist am Mittwoch (23. Juni) vom Amtsgericht Alsfeld zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren und drei Monaten verurteilt worden. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass die Frau in einem Protest-Camp in dem Waldstück in Mittelhessen auf einer Seiltraverse in rund 15 Metern Höhe einem Polizisten mehrfach ins Gesicht und einmal gegen den Kopf getreten und einem weiteren Beamten ihr Knie ins Gesicht gestoßen hat. Das gestrige Urteil fiel früher, als zunächst erwartet worden war.

Im Gerichtssaal kam es während der Urteilsverkündung zu tumultartigen Szenen, wie Amtsgerichtsdirektor und Pressesprecher Klaus Schwaderlapp berichtete. Mehrere Zuschauer hätten gesungen und seien von Polizisten aus dem Saal entfernt worden, auch die Angeklagte habe Parolen skandiert, als sie abgeführt wurde. Nach Überzeugung des Gerichts hat sich die Frau in zwei Fällen des tätlichen Angriff auf Vollstreckungsbeamte schuldig gemacht – davon einmal in einem besonders schweren Fall – sowie des Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte und der gefährlichen Körperverletzung.

Anklage prüft Rechtsmittel

Das Urteil ist nicht rechtskräftig. Die Frau hatte es abgelehnt, ihre Identität anzugeben, sie saß seit ihrer Festnahme Ende November vergangenen Jahres in Untersuchungshaft.

Staatsanwältin Mareen Fischer hatte eine Freiheitsstrafe von zwei Jahren und sechs Monaten für die Angeklagte gefordert, die vom Gericht als „Unbekannte Weibliche Person 1“ geführt worden war. Ihr Anwalt hatte einen Freispruch gefordert. Fischer sagte nach der Urteilsverkündung, sie werde prüfen, ob sie Rechtsmittel gegen die Entscheidung einlege. Ein solches Verfahren habe sie bisher in ihrer beruflichen Laufbahn noch nicht erlebt. Bei dem von ihr geforderten Strafmaß habe die Gefährlichkeit der Tat und die Intensität der Ausführung eine Rolle gespielt. So habe die Gefahr bestanden, dass der von den Tritten betroffene SEK-Beamte aus großer Höhe abstürze, was ihn in Todesangst versetzt habe. Der Vorfall hatte sich am 26. November vergangenen Jahres während der Räumung eines Camps – von Waldbesetzern seinerzeit „Barrio Nirgendwo“ genannt – im Dannenröder Forst ereignet.

Einer der beiden Beamten hatte laut Anklage unter anderem Verletzungen an der Schulter sowie Bewegungseinschränkungen der Halswirbelsäule erlitten, der andere ein Hämatom im Gesicht. Die Baumfällarbeiten im Stadtallendorfer Herrenwald, im Dannenröder Forst und im Maulbacher Wald hatten am 1. Oktober begonnen. Am 8. Dezember räumte die Polizei das letzte Baumhaus im Dannenröder Forst. Damit endete die eigentliche Waldbesetzung zur Verhinderung der Fällarbeiten.

Der Prozess wurde von Beginn an von Protesten von Aktivisten begleitet. Sie hatten von einem „Schauprozess“ gesprochen und wiederholt die Freilassung von „Ella“ gefordert, wie sie die Frau nannten. Auch gestern fanden sich zwischenzeitlich mehr als 20 Personen vor dem Gerichtsgebäude ein, wie Schwaderlapp berichtete. Die A 49 soll einmal Kassel und Gießen direkter miteinander verbinden. Umweltschützer und Autobahngegner sehen das Projekt im Widerspruch zu einer umweltfreundlichen Verkehrswende – die Befürworter der Autobahn erhoffen sich unter anderem weniger Lärm und Verkehrsbelastung in Dörfern der Region, beispielsweise an der Bundesstraße 3.

Von von Christine Schulze und Michael Rinde