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Ostkreis Von Fällarbeiten und Fingerabdrücken
Landkreis Ostkreis Von Fällarbeiten und Fingerabdrücken
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20:27 16.10.2020
Fällarbeiten Vorbereitung Freitag Quelle: Florian Lerchbacher
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Stadtallendorf

Am Freitagmorgen gingen die Fällarbeiten im südlichen Herrenwald, über dem zeitweise Hubschrauber kreisten, weiter – begleitet von mehreren Hundert Polizisten, die zahlreiche Barrikaden von den Wegen räumten und mehr als 50 Autobahngegner hinter die Absperrung der Sicherheitszone trugen und ihnen Platzverweise erteilten. Einige der Besetzer waren dieselben, die schon in den Tagen zuvor vom Höhenrettungsteam des Spezialeinsatzkommandos von den Bäumen geholt wurden. Das sei der Polizei bewusst, sagt Sprecherin Sylvia Frech – es sei aber sehr aufwendig, die Identitäten der Baumbesetzer festzustellen, und werde daher nur in Ausnahmefällen getan. Viele würden sich beispielsweise die Fingerkuppen mit Rasierklingen einritzen oder sich die Spitzen zusammenkleben: „Sie tun alles, um ihre Identität zu verschleiern.“ Letztendlich stünden Ertrag und Aufwand in keinem Verhältnis. Nur bei Straftaten sei dies anders, betont Frech und nennt als Beispiel das Besetzen eines Harvesters, um die Arbeiten zu behindern. Dies sei am Donnerstagabend wieder vorgekommen, was auch ein Grund sei, dass die Arbeiten am Freitag an der nahezu gleichen Stelle wie tags zuvor weitergingen.

Gefällt worden war zu diesem Zeitpunkt allerdings bereits eine von den Waldbesetzern als „Grandma“ bezeichnete rund 300 Jahre alte Eiche. Ein „Naturarchitekt“ habe den sogenannten Ökobaum unter die Lupe genommen. Zum einen, um die durch Kletteraktionen beschädigte Krone noch einmal zu prüfen. Zum anderen, um ein Siebenschläfernest zu untersuchen. „Das ist aber inzwischen verlassen. Daher konnte der Baum gefällt werden“, berichtet Frech. „Grandpa“ in unmittelbarer Nachbarschaft ist indes noch besetzt – und soll auch vorerst stehen bleiben, wie die Sprecherin berichtet. Aber auch er werde fallen müssen, allerdings erst im November.

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Die Polizisten legten am Freitag besondere Vorsicht an den Tag. Grund dafür waren die Attacke auf ein besetztes Einsatzfahrzeug am vergangenen Wochenende, aber auch ein weiterer Angriff am Morgen: Auf dem Weg in den Herrenwald sei ein Gegenstand auf Kopfhöhe gegen das Beifahrerfenster eines Polizeifahrzeuges geflogen, erklärt Frech. Verletzt wurde aber niemand. Des Weiteren wurde der Reifen eines anderen Fahrzeuges durch einen sogenannten Krähenfuß zerstört.

Die Räumungsaktion an sich verlief aber eigentlich ruhig. Mitglieder der hessischen Regionalgruppe der Initiative Lebenslaute, die mit klassischer Musik ihren Protest kundtat, spielte auf einem der Zufahrtswege. Einige der Musiker ließen sich wegtragen, andere packten noch Instrumente und Noten weg und ließen sich dann aus dem Wald führen. Bei den Baumbesetzern sah das ähnlich aus: Einige kletterten den Mitgliedern des Höhenrettungsteams sogar noch ein bisschen entgegen, um die Sicherheit für sich und die Beamten zu erhöhen. Andere schimpften zwar, während sie von den Bäumen geholt wurden, leisteten aber keinen Widerstand.

Gegen 12.15 Uhr machte sich ein kleiner Demonstrationszug, Ausgangspunkt Aufbauplatz, auf den Weg in Richtung Herrenwald. Veranstalter war wiederum „Fridays for Future“ aus Marburg. Nach Schätzung der Polizei waren es knapp 60 Teilnehmer, die gegen Baumfällungen und A-49-Weiterbau demonstrierten. Der Weg der Demonstration führte über die Niederkleiner Straße bis hin zum Konrad-Adenauer-Ring und von dort bis an den Rand des Herrenwaldes. Weitergehen ließen die Stadt als Versammlungsbehörde und die Polizei die Demonstranten nicht. Die Sicherheitszone für die Baumfällarbeiten wäre aus Sicht der Behörden zu nahe gewesen.

Die Demonstration fand unter starker Polizeibegleitung statt. Auf dem Weg Richtung Herrenwald machten mehrere Spaziergänger aus ihrer Meinung zu dem Anliegen der Autobahngegner keinen Hehl. „Geht arbeiten“, rief ein Autofahrer, der warten musste. Ein Fußgänger fragte, ob „die denn alle kein Zuhause haben.“ Ob die Demonstranten davon überhaupt etwas mitbekamen, ist offen. Sie skandierten in Sprechchören „Danni bleibt“ in Anspielung auf den Dannenröder Wald. Bei der Abschlusskundgebung sprach Dr. Wolfgang Dennhöfer vom BUND. Er wiederholte die bekannte Argumentationslinie der Umweltschutzorganisation und ging am Waldrand vor allem auf die Lärmbelastungen ein, die die Autobahn für Anwohner verursachen werde. „Ich glaube nicht, dass das, was man den Stadtallendorfern versprochen hat, eintrifft“, sagte Dennhöfer im Hinblick auf in Aussicht gestellte zusätzliche Arbeitsplätze.

Unterdessen hat das Verwaltungsgericht Gießen Eilanträge zur Genehmigung von Menschenketten innerhalb des Sicherheitsbereiches der Baumfällarbeiten abgelehnt. Die Anträge richteten sich gegen Verbote des Regierungspräsidiums Gießen für entsprechende Kundgebungen. Der Anmelder der Demonstrationen plant Menschenketten gegen die Räumung und Rodung des Waldes. Sie sollten im Bereich der Räumungsarbeiten in einem Abstand von zehn Metern für die Dauer von einer Stunde stattfinden. Für die Dauer der Menschenketten müssten die Baumfällarbeiten unterbrochen werden. Die 4. Kammer des Verwaltungsgerichts sieht in diesem Fall die Gefahr für Leib und Leben und stellt dies über die Versammlungsfreiheit.

Von Florian Lerchbacher und Michael Rinde

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