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Ostkreis Vom schwierigen Umgang mit der Trauer
Landkreis Ostkreis Vom schwierigen Umgang mit der Trauer
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20:58 01.08.2021
„Wie die Seerose einen langen Weg aus dem dunkeln, tiefen Grund unseres Gartenteiches bis nach oben an das Licht hat, so gehen auch viel Trauernde einen langen Weg aus dem tiefen Schmerz, bis sie wieder Licht und Freude wahrnehmen können“, sagt Trauerbegleiterin Marlies Franke über dieses Motiv.
„Wie die Seerose einen langen Weg aus dem dunkeln, tiefen Grund unseres Gartenteiches bis nach oben an das Licht hat, so gehen auch viel Trauernde einen langen Weg aus dem tiefen Schmerz, bis sie wieder Licht und Freude wahrnehmen können“, sagt Trauerbegleiterin Marlies Franke über dieses Motiv. Quelle: Foto: Reinhard Franke
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Amöneburg

Für den Umgang mit Trauer gibt es kein Patentrezept. Die Menschen gehen unterschiedlich mit dem Tod um. „Viele werden von Familie oder Freunden aufgefangen und kommen zurecht. Aber es gibt auch Lebenssituationen, in denen das nicht so ist“, weiß Marlies Franke. Und dann kommen sie und ihr Mann Reinhard ins Spiel, die beide ausgebildete, ehrenamtliche Trauerbegleiter sind.

Die Amöneburgerin war einst als Gemeindereferentin in Stadtallendorf tätig und merkte im Zuge ihrer Arbeit, dass viele Menschen sich nach Begräbnissen alleingelassen und manchmal von ihren Mitmenschen auch nicht verstanden fühlten. „Manch einer kommt mit Trauernden nicht zurecht und weiß nicht, wie man mit ihnen umgehen sollte“, sagt Franke und ergänzt, dass einige Sätze nie gesagt werden sollten, beispielsweise: „Die Zeit heilt alle Wunden“ oder „Das wird schon wieder.“ Aussagen wie diese würden einfach nicht helfen, viel wichtiger sei es, dem Gegenüber zuzuhören, dies auszuhalten und für ihn oder sie einfach als Ansprechpartner da zu sein, fügt Reinhard Franke hinzu.

Frankes Frau weckt sein Interesse

Seine Frau – einst auch in der Telefonseelsorge tätig – machte nach dem Ausscheiden aus der Arbeitswelt eine zweijährige Ausbildung zur Trauerbegleiterin, wechselte also quasi vom Haupt- ins Ehrenamt und weckte in diesem Zuge auch das Interesse bei ihm, woraufhin auch er sich ausbilden ließ. Mit Unterstützung anderer Ehrenamtlicher hob sie in Stadtallendorf ein Trauercafé aus der Taufe – und wurde dann von den Eheleuten Widdra angesprochen, ob sie im Hospiz in Marburg nicht die Trauergruppe von ihnen übernehmen wolle. Die Frankes überlegten nicht lange, sondern sagten zu und setzten die Arbeit der Widdras fort.

Der Unterschied sei, dass die Trauergruppe in Marburg eher ein geschlossenes Angebot sei, erklärt Marlies Franke: Eine Teilnahme ist dort nur nach Anmeldung möglich. Die Menschen bleiben teilweise über Jahre in vertrauter Runde zusammen. Während der Treffen werden Kerzen aufgestellt, Musik gespielt und Texte gelesen. Danach gibt es die Möglichkeit, im geschützten Raum zu reden, zu weinen, zu schimpfen oder auch mal zu lachen. „Trauer löst oft ein Gefühlschaos aus“, erklärt Marlies Franke und betont, dass sich dies in unterschiedlichsten Emotionen ausdrücke. Wichtig sei, dass sich die Menschen dieser Gefühle bewusst werden, sie zulassen und auch benennen können – und das, ohne sich verstellen zu müssen: „Es ist klar, dass man in der Trauergruppe auch mal weinen oder umkippen kann, ohne dass irgendetwas nach draußen getragen werden kann. Ziel ist, dass die Trauernden ihren Verlust ins Leben integrieren und letztendlich auch damit klarkommen.“

Natürlich basiere auch das Trauercafé in Stadtallendorf auf Vertrauen und finde in einem geschützten Raum statt: „Aber dieses Angebot ist niederschwelliger.“ Trauernde könnten einfach vorbeikommen, sich zu den Leidensgenossen gesellen und miteinander sprechen und Erfahrungen austauschen. Besonders schwierig sei es, wenn Eltern Kinder verlieren, erklären die Frankes. Die Alterspyramide werde auf den Kopf gestellt, was immer ein noch extremeres Gefühlschaos auslöse. „Suizid ist auch so ein Brocken“, betont Marlies Franke und erklärt, dass die Zurückbleibenden oft besonders mit Ratlosigkeit zu kämpfen hätten.

In Corona-Zeiten wird die Situation verschlimmert

In Corona-Zeiten sei noch ein weiterer extrem trauriger Umstand hinzugekommen: Oft sei es aufgrund von Kontaktbeschränkungen und Zutrittsverboten nicht möglich gewesen, sterbende Verwandte und Freunde noch einmal zu besuchen beziehungsweise sie zu begleiten. Das sei für die Sterbenden tragisch gewesen, aber eben auch für die Zurückbleibenden, die hilflos aus der Entfernung das Schicksal hinnehmen mussten. Das Trauercafé konnte entsprechend während der Pandemie nicht stattfinden. Für die Mitglieder der Trauergruppe konnten die Frankes immerhin Spaziergänge im Freien anbieten oder eben Telefonate – aber eine Trauerbegleitung, wie sie sie im Sinn haben, sei eben nicht möglich gewesen.

In diesem Zusammenhang weisen die Eheleute Franke auch darauf hin, dass der Zustand von Friedhöfen ein zentraler Faktor sei. In der Trauer seien Menschen weitaus sensibler als sonst, wenn nicht gar dünnhäutig: Entsprechend wichtig sei es, dass sie einen pietätvollen Ort haben, um der Verstorbenen zu gedenken. „Ein Grab ist für viele der Ort, an dem sie leichtesten eine Verbindung zu den Verstorbenen fühlen“, erklärt Reinhard Franke – und das dürften Kommunen niemals vergessen, wenn es um die Friedhöfe geht. Es müsse würdevoll sein. „Es kann sogar sehr tröstlich und beruhigend wirken, wenn ihre Lieben an einem ansprechenden, schönen und gepflegten Ort beigesetzt sind“, ergänzt Marlies Franke. Eine über Monate mit einer Plane abgedeckte, nicht fertig sanierte Mauer sei für Trauernde sehr störend und aufwühlend. So etwas gelte es ebenso zu verhindern wie beispielsweise zu hoch gewachsenes Gras oder wucherndes Unkraut: „Schöne Friedhöfe haben manchmal Parkcharakter und wirken durch die schöne Natur heilsam und tröstlich auf Trauernde. Nicht umsonst wünschen sich manche Menschen eine Bank in der Nähe der Grabstelle, um dort verweilen zu können oder um Zwiesprache zu halten.“

Und Trauernde müssten sich durchaus auch bewusst machen, was ihnen gut tut: „Wir ermutigen sie, sich auch oder gerade in der Trauer etwas zu gönnen oder etwas zu erlauben, etwas für sich selbst zu tun – und dabei kein schlechtes Gewissen zu haben“, sagt Marlies Franke. Denn das trage auch dazu bei, mit Sorgen und Ängsten umzugehen und Emotionen zu verarbeiten: „Man hat schließlich weiterhin ein Recht auf das eigene Leben – und dazu gilt beispielsweise auch, dass man sich trotz aller Trauer über etwas freuen oder auch einfach mal lachen kann.“

Ein Punkt, der übrigens auch für Trauerbegleiter gilt: Die ehrenamtliche Arbeit sei ihnen wichtig und das gute Feedback der Menschen gebe ihnen viel zurück, erklären die Frankes. Gleichzeitig sei es aber auch unerlässlich, dass sie sich auch Zeit zu zweit nehmen und die Arbeit mit den Trauernden verarbeiten. Das sei eine Art Selbsthygiene.

Trauergruppe trifft sich am 7. August

Die Trauergruppe, an der maximal zehn Menschen teilnehmen können, trifft sich an jedem letzten Montag ab 17.30 Uhr im Monat im St.-Elisabeth-Hospiz in Marburg. Derzeit nehmen sie sechs Personen in Anspruch. Beim Trauercafé gibt es keine Einschränkung. Es ist ein kostenfreies und überkonfessionelles Angebot der Katholischen Kirchengemeinde Heilig Geist Stadtallendorf. Eine Teilnahme ist ohne Anmeldung möglich. Das erste Treffen nach der Corona-bedingten Zwangspause findet am Samstag, 7. August, von 15 bis 17 Uhr im „Seniorenplausch“ des Caritas-Altenpflegeheims St. Bonifatius (St.-Michael-Straße 8a) statt.

Weitere Informationen und Kontakt: Marlies und Reinhard Franke, Telefon 0 64 22 / 14 79, E-Mail: reinhard-marlies-franke@t-online.de

Von Florian Lerchbacher