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Ostkreis Vom schwierigen Umgang mit Demenzerkrankten
Landkreis Ostkreis Vom schwierigen Umgang mit Demenzerkrankten
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12:00 09.11.2021
Rund 150 Bürgerhelfer und andere Ehrenamtler schauten sich im Kino „The Father“ an und sprachen über den Umgang mit Demenzerkrankten.(Symbolbild).
Rund 150 Bürgerhelfer und andere Ehrenamtler schauten sich im Kino „The Father“ an und sprachen über den Umgang mit Demenzerkrankten.(Symbolbild). Quelle: Privatfotol
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Mardorf

Menschen mit Demenz verstehen die Welt um sie herum nicht mehr. Eine Welt, die sie ebenso wie die Personen aus ihrer Umwelt eigentlich kennen, in der sie sich aufgrund ihrer Erkrankung aber einsam und verloren fühlen. „Ihre Wirklichkeit verschiebt sich und ist für sie nicht mehr greifbar“, sagt Christina Stettin, Koordinationskraft der Bürgerhilfe Mardorf, und ergänzt: „Deswegen ist es wichtig, an Demenz erkrankten Menschen Sicherheit zu geben und ihre Identität zu stärken, sie daran zu erinnern, wer sie sind und was sie mögen. Je mehr ich sie daran erinnern kann, umso mehr kann ich helfen, eine schwimmende Identität zu halten.“

Der Umgang mit Menschen, die an Demenz erkrankt sind, gehört für Bürgerhelfer vielerorts zur Tagesordnung, ist aber gleichzeitig eine der kompliziertesten Aufgaben, mit denen die Ehrenamtler in ihrer Tätigkeit konfrontiert werden. Auf Initiative der Mardorferin Hildegard Kräling – dem unermüdlichen Motor der dortigen Bürgerhilfe, wie Stettin herausstellt – gingen jüngst rund 150 Bürgerhelfer der Initiativen aus Mardorf, Stadtallendorf, Neustadt, Wetter, Lahntal und Biedenkopf sowie Mitglieder der Alzheimer-Gesellschaft in eine Kino-Sondervorstellung in Marburg, um sich den Film „The Father“ anzuschauen. Darin geht es um Demenz: Anthony Hopkins spielt einen erkrankten alten Mann, der die Welt nicht mehr versteht – und sich am Ende sogar fragt, wer er eigentlich ist.

Einblick in Erkrankung und Pflege

Zwar sei dies auch ein Versuch gewesen, den Ehrenamtlern für ihren Einsatz Danke zu sagen, sagt Stettin. Gleichzeitig sei der Film aber auch eine Art Lehrvideo, denn Autor und Regisseur Florian Zeller sei es eindrucksvoll gelungen, einen Einblick in die Welt eines Erkrankten zu geben. Entsprechend folgten im Anschluss an die Vorstellung sowohl eine Reflexion als auch eine Diskussion, wie mit Erkrankten umzugehen sei. Einige Zuschauer, die selbst pflegende Angehörige seien, hätten dabei auch berichtet, dass das Gesehene absolut mit dem selbst Erlebten übereinstimme, so Stettin: „Oftmals denken Angehörige über die Erkrankten, dass sie einfach nur schlecht gelaunt sind oder sich anstellen. Dass sie Dinge eigentlich noch könnten, nur nicht mehr wollten. Und vor allem, dass sie sich so ausschließlich benähmen, wenn die Angehörigen da sind. Das ist aber nicht so: Sie befinden sich in einem schonungslosen, nackten Zustand und fühlen sich ausgeliefert.“

Es sei wichtig, für sie da zu sein und Verständnis zu zeigen – und nichts zu erwarten oder zu fordern. Oftmals seien an Demenz erkrankte Menschen auch misstrauisch und äußern beispielsweise das Gefühl, bestohlen zu werden – manchmal auch von den eigenen Angehörigen, die ihnen gegenüber sitzen: „Dann darf man nicht auf die Idee kommen, diese Gefühle verstehen und sich angegriffen zu fühlen und verteidigen zu wollen“, betont Stettin und erklärt, es sei viel sinnvoller, das Gefühl zu spüren und zu spiegeln. „Man sollte zeigen, dass man die Emotion verstanden hat.“ Reaktionen wie: „Das ist ärgerlich“ oder „Manches ist unerklärlich“ böten sich an – oder sich vielleicht auch einfach mit dem Erkrankten auf die Suche nach dem vermissten Gegenstand zu machen. Das könne helfen, sein Gegenüber aus der nicht rational erklärbaren Schleife des Misstrauens heraus und auf neue Gedanken zu bringen.

„Mann muss die Lebensgeschichte in Erinnerung rufen“

„Gefühl erfassen und versuchen, davon abzulenken“, gibt Stettin als Ratschlag für die Vorgehensweise aus, hebt aber gleichzeitig hervor, dass es extrem wichtig sei, dem Erkrankten Respekt und Wertschätzung zu zeigen: „Man muss sich die Lebensgeschichte der Person in Erinnerung rufen und sich nicht daran orientieren, was für ein kläglicher Rest davon übrig geblieben ist.“

In diesem Zusammenhang rät die Koordinationskraft allen pflegenden Angehörigen, sich dringend Unterstützung zu suchen und nicht zu versuchen, alles alleine bewältigen zu wollen: „Das kann man kaum schaffen. Die Situation der Erkrankten ist auch für die Angehörigen extrem belastend und zehrt die Kraft auf.“ Jeder brauche auch Zeit für sich, um abzuschalten, zu verarbeiten und neue Kräfte zu sammeln. Und angesichts des demografischen Wandels sei es auch essenziell, dass sich immer mehr Freiwillige finden, die sich beispielsweise in den Bürgerhilfen oder auch bei der Alzheimer-Gesellschaft ehrenamtlich für ihre Mitmenschen engagieren.

Von Florian Lerchbacher

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