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Ostkreis Volleyball-Ass mit Traum-Abitur
Landkreis Ostkreis Volleyball-Ass mit Traum-Abitur
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17:58 09.08.2021
Springreiten ist eine Leidenschaft von Conny Grimm – hier unterwegs auf Fabrino, dem Pferd einer ihrer drei Schwestern.
Springreiten ist eine Leidenschaft von Conny Grimm – hier unterwegs auf Fabrino, dem Pferd einer ihrer drei Schwestern. Quelle: Florian Lerchbacher
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Rauschenberg

18 978 Schülerinnen und Schüler haben in diesem Jahr in Hessen das Abitur bestanden – im Durchschnitt mit der Note 2,25, was den besten Notenschnitt seit Einführung des Landesabiturs bedeutet. 799 Abiturientinnen und Abiturienten erreichten die Traumnote 1,0, die auch auf dem offiziellen Zeugnis von Cornelia Grimm steht. Doch eigentlich ist die 1,0 in ihrem Fall eine maßlose Untertreibung: Dank 886 von 900 möglichen Punkten hat sie ihr Abitur an der Alfred-Wegener-Schule in Kirchhain mit 0,7 (Hauptfächer Biologie und Sport) abgelegt – ein sensationeller Wert, wie auch eine Mitarbeiterin des Marburger Schulamtes auf Nachfrage dieser Zeitung betont.

Dabei hatte es vor zwei Jahren noch nicht so rosig ausgesehen: Grimm, die alle nur „Conny“ nennen, steuerte im Jahrgang elf auf einen Notenschnitt von 2,0 zu. Ihr sei zwar klar gewesen, dass sie Medizinerin werden möchte – aber da es in Sachen Abitur nur auf die Noten der letzten beiden Schuljahre ankomme, habe sie damals eben noch nicht ihr ganzes Potenzial abgerufen, sondern ihre Hobbys Reiten und Volleyball in den Vordergrund gestellt. Übrigens auch mit großem Erfolg: Für den Reitverein Rauschenberg kann sie an Springen der Klasse „a** mit steigenden Anforderungen“ (also knapp unter L-Springen) an den Start gehen, im Volleyball spielte sie in der Jugend-Landesliga für den ASV Rauschenberg, war Kapitänin ihrer Mannschaft und schnupperte schon als Achtklässlerin bei den Erwachsenen rein.

„Ich musste erst meinen Weg finden“, sagt die Rauschenbergerin über ihre Schulkarriere. Und das klappte mit Eintritt in den Jahrgang 12 ganz hervorragend. Ihr sei bewusst geworden, dass es nicht darauf ankomme, was sie lerne, sondern wie sie lerne. Egal ob Gedichtanalyse, Lateinübersetzung oder Matheaufgabe: „Die Frage ist: Wie gehe ich es an?“ Für Grimm die passende Antwort: mit einer gesunden Mischung. Sie arbeitete im Unterricht mit und nahm sich gegebenenfalls im Anschluss die Zeit, offene Fragen zu klären. Das erleichtere die Arbeit vor Klausuren, denn dann musste sich die 19-Jährige nur noch einmal eine Zusammenfassung oder einen Lernzettel schreiben – und schon hatte sie den Stoff wieder parat, ohne ihn auswendig lernen zu müssen. Ganz wichtig dabei: „Ich war nicht verbissen, sondern eher locker und wäre natürlich auch mit weniger als 15 Punkten zufrieden gewesen.“ Vor allem aber legte sie Wert darauf, sich weiterhin mit Freunden zu treffen oder ihre Hobbys zu verfolgen, auch wenn dies aufgrund der Corona-Pandemie etwas schwieriger wurde.

„Ich habe irgendwann gemerkt, dass es läuft, wenn man am Ball bleibt und sich richtig vorbereitet“, erklärt sie. Kontinuität sei besser, als sich vor Klausuren stundenlang hinzusetzen und den Stoff noch einmal zu büffeln. Ein Vorteil sei, dass sie ohnehin ein strukturierter Mensch ist – und gerade nach Beginn der Pandemie habe es ihr sehr geholfen, dass sie sich selbständig gut organisieren könne. Für Lehrer und Schüler insgesamt sei die Umstellung jedenfalls massiv gewesen. Das gelte auch für die Zeit, als Präsenzunterricht wieder mit Abstrichen möglich war.

„Ich finde es sehr bewundernswert, wie Conny ihren Weg gefunden hat. Es ging ihr nicht darum, irgendjemandem etwas zu beweisen, sondern sie hat es für sich und für ihr Ziel gemacht – und dabei noch Zeit für Hobbys und Freunde gefunden“, kommentiert Kathrin Grimm, eine von Connys drei älteren Schwestern, die ebenfalls einen Anteil am herausragenden Abschluss der 19-Jährigen hat: Sie war Trainingspartnerin bei der Vorbereitung auf das erstmals in Hessen mögliche Fahrrad-Abitur, bei dem es gilt, einen Technikparcours zu bewältigen, einen Bike-Check zu machen und beim Ausdauerfahren über 30 Kilometer eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 27,5 Stundenkilometern hinzulegen – auf dem Mountainbike, wohlgemerkt. Die Vorbereitung sei extrem hart gewesen, gibt Conny Grimm zu, und es sei nicht nur einmal vorgekommen, dass sie keine Lust mehr hatte. Doch Aufgeben kam nicht in Frage, der innere Schweinehund wurde überwunden, und in der Prüfung legte sie dann nicht nur eine Bestzeit, sondern gleich auch noch ein Durchschnittstempo von 28,3 Stundenkilometern hin.

Auf ihrem Abschlusszeugnis wimmelt es entsprechend nur so vor 15 Punkten. Komiker könnten behaupten, Conny Grimms Schwachpunkte sind Englisch und Geschichte, wo sie jeweils zweimal 14 Punkte ins Abitur einbringen musste. Doch das ist natürlich immer noch weit besser als der Durchschnitt. Nun heißt es Abwarten: Sie hat sich für ein Medizinstudium an der Uni Heidelberg beworben, wo im vergangenen Jahr der Numerus clausus bei 0,8 lag. Ziel ist es, eines Tages in der Neurologie tätig zu sein: „Wie das Gehirn funktioniert, finde ich total spannend“, sagt sie. Wie ihres am besten funktioniert, hat sie offenbar bereits in jungen Jahren herausgefunden.

Von Florian Lerchbacher