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Ostkreis Virtuose Klänge und Kettensägen
Landkreis Ostkreis Virtuose Klänge und Kettensägen
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22:00 04.12.2020
Zwei A-49-Gegner sitzen in der Rodungsschneise auf Bäumen. Quelle: Foto: Boris Roessler/dpa
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Dannenrod

Musik überträgt Gefühle. Das gelang Igor Levit, dem Star-Pianisten, am Freitagmorgen zumindest bei den in der Nähe stehenden Unterstützern. Per Livestream übertrug Greenpeace das irische Volkslied „Danny Boy“, per Lautsprecher schallten die Klänge dann auch am Sicherheitszaun an der Trasse. Am gestrigen Ort des Geschehens, den Resten des Camps „Oben“, war Levits virtuoses Spiel nur schwach wahrzunehmen. Kettensägen wie auch Gesang von Waldbesetzern in Baumhäusern und die „You are not alone“-Rufe von Sympathisanten waren bei weitem lauter.

Dabei wollte sich Levit vor allem an die „Aktivisten im Wald“ wenden. Es gehe um Dankbarkeit und Traurigkeit, sagte der Pianist in einem knappen Statement. Dankbarkeit gegenüber dem Einsatz der Waldbesetzer in den vergangenen Monaten und Traurigkeit über die gefällten Bäume auf der Autobahntrasse. „Das Verhältnis von Mensch und Natur, das ist mir nicht egal“, so seine Botschaft in einer späteren kurzen Pause im Gespräch mit der OP. „Politik, das sind wir. Ich versuche, dieser Verantwortung gerecht zu werden“, erklärt er. Initiiert hatte den Auftritt am Waldrand neben Greenpeace auch „Fridays for Future“. In Richtung der Waldbesetzer sagte er vor seinem Spiel: „Ihr habt eine Situation nicht nur wach gehalten, Ihr habt sie mit neuem Leben gefüllt.“

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„Provokation“ oder „Verzweiflungstat“?

Szenenwechsel: Das Camp „Oben“, das allererste, vor einem Jahr entstandene Baumhausdorf ist das letzte unmittelbar auf der geplanten A-49-Trasse. Spekulationen machen die Runde, dass es noch am Freitag komplett geräumt sein soll. Zahlreiche Waldbesetzer und Klimaaktivisten saßen in den verbliebenen Baumhäusern oder direkt in Bäumen am Freitagvormittag. Manche der Baumhäuser verteilen sich auf drei Stockwerke bis in mehr als 25 Meter Höhe. Polizeibeamte vergrößerten den Sicherheitsbereich um 30 Meter, drückten mit einer vorrückenden Kette laut protestierende Sympathisanten weiter zurück.

Vorher gab es Ankündigungen per Lautsprecher. Einige sahen das als pure Provokation, als Eskalation. „Es muss sein, weil hier jetzt gerodet wird und Sicherheitsabstand nötig ist“, erklärt ein Polizeisprecher am Ort des Geschehens. Und tatsächlich war der Harvester in sichtbarer Nähe im Einsatz. Ein Aktivist sprang etwa eine Stunde später völlig überraschend von einer Plattform und versuchte, aus dem Sicherheitsbereich herauszulaufen. Dabei rammte er einem Polizisten den Ellenbogen in die Brust, um durchzubrechen. Am Ende brachten ihn Beamten zu Boden. Warum es zu der Aktion kam, wusste am Freitag keiner. Die Spekulationen reichten von „Provokation“ bis zu „Verzweiflungstat“. Später wurde der Betreffende wieder auf einem Baumhaus gesehen. Ihn erwartet wegen des Bodychecks eine Anzeige, so ein Sprecher der Polizei.

Beamte von Spezialeinsatzkommandos ließen sich wie an den vielen Vortagen wieder per Hubsteiger zu Baumhäusern bringen. Gleichzeitig drangen andere von ihnen in ein zentrales, sehr niedriges Baumhaus mit einer Leiter ein und räumten erst einmal Gegenstände aus dem Weg. Beim Räumen einer Küche habe man einen Sack mit Steinen gefunden, berichtete die Polizei auf Twitter.

„Bella Ciao“ vom Baumhaus herab

Gleichzeitig gab es wieder Protestgesänge aus den Baumhäusern, war es am Donnerstag das Lied „Always look on the bride side of life“ so war am Freitag „Bella Ciao“ zu hören. Waldbesetzerin Katharina sieht das nahende Ende der Waldbesetzung zwiespältig. Einerseits traurig, andererseits sei sie sicher, „dass hier eine neue Bewegung entstanden ist. Es gibt noch viele Pläne für weitere Autobahnen, die verhindert werden müssen.“ Ein Beispiel sei der Bau A44 bei Kassel, es gehe um den Stiftswald. Das nächste Ziel scheint also klar zu sein.

Gleichzeitig lassen andere Aktivisten durchblicken, dass sie bis März mindestens im Wald oder im Camp am Sportplatz bleiben wollen. „Um zu stören, was hier passiert“, erklärt Toni, wie er sich nennt, gegenüber der OP. Mit dem Fällen der letzten Bäume ist ohnehin nicht Schluss der Arbeiten, wie die Projektgesellschaft Deges auch erklärt hatte. Doch ob im Forst tatsächlich in absehbarer Zeit Bagger rollen?

Am Wochenende gibt es verschiedene Protestaktionen im Wald, aber wohl keine Rodungsarbeiten. So jedenfalls die Auskunft von Polizeisprecher Jochen Wegmann gegenüber der OP. Davon gehe er sicher aus, Stand Freitagmittag. Wegmann erwartet, dass der Einsatz für Fällarbeiten noch ein paar Tage dauern wird. Damit rechnet auch die Projektgesellschaft Deges, die für die Bauvorbereitung verantwortlich ist. „Am Wochenende gibt es unsererseits keine Arbeiten“, bestätigt Sprecher Michael Zarth. Auf einem Abschnitt zwischen 70 und 90 Metern sind noch Bäume zu fällen. Die Maschinen auf der nördlichen und südlichen Rodungsstrecke arbeiten mittlerweile unmittelbar in Sichtweite voneinander.

Auf der B62 hat gestern der Abbau des Gerüstes begonnen, das nach der Seilaktion von Waldbesetzern nötig geworden war. Es soll am Wochenende verschwinden. Allerdings sind weitere Vollsperrungen in den nächsten Tagen wegen des A-49-Einsatzes nötig, so die Polizei am Freitagabend. 

Stadtallendorf dankt mit Plakaten

Die Stadt Stadtallendorf hat große Plakate aufgehängt, mit denen sie der Polizei besondere Wertschätzung zollt. „Danke, dass Ihr 24 Stunden für uns da seid“ ist darauf über einem abgebildeten Polizeifahrzeug zu lesen. Der Text ist allgemein gehalten, doch ist das Plakat besonders für die auf der A-49-Trasse eingesetzten Beamten gedacht, wie Bürgermeister Christian Somogyi erläutert. „Wir haben sie schließlich gerufen, damit sie die Arbeiten begleiten“, so Somogyi.

Er verweist damit auf das klare Bekenntnis der Stadt zum Autobahn-Weiterbau. Außerdem habe die Polizei die Ordnungsbehörden der Stadt sehr unterstützt, beispielsweise bei Demonstrationen und deren Organisation. Die Plakate hängen an der Niederkleiner Straße wie am Regenüberlaufbecken am Heinz-Lang-Park.

Von Michael Rinde