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Ostkreis Videos zeigen gefährliche Körperverletzung
Landkreis Ostkreis Videos zeigen gefährliche Körperverletzung
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12:00 20.01.2022
Akten liegen im Rahmen eines Prozesses auf einem Tisch in einem Landgericht.
Akten liegen im Rahmen eines Prozesses auf einem Tisch in einem Landgericht. Quelle: Symbolfoto: Axel Heimken/dpa
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Neustadt

Er soll in den frühen Morgenstunden des 13. September 2020 mit einem Mann zu einem Munitionsdepot in Neustadt gefahren sein und ihn dort zusammengeschlagen haben. Dann soll er den Schwerverletzten dort zurückgelassen und damit seinen Tod in Kauf genommen, später aber doch Hilfe geholt haben. Deshalb steht ein 29-jähriger Mann aus Neustadt seit Dienstag, 18. Januar, wegen gefährlicher Körperverletzung vor dem Landgericht in Marburg.

Zu Beginn des ersten Prozesstages verlas der Verteidiger des Angeklagten, Rechtsanwalt Manfred Döring, eine Erklärung des Angeklagten, in der dieser die Tat einräumte und Reue äußerte. Er habe dem Geschädigten lediglich einen „Denkzettel“ verpassen wollen.

Ein Bekannter habe ihm bereits am 27. August von einem dunkelhäutigen Mann erzählt, der eine junge Frau belästigt haben soll. Laut seiner Erklärung meinte der Angeklagte, dass der Geschädigte dieser Mann sei, und schlug daraufhin zu. Nach Verlesung der Erklärung wollte er zunächst nicht auf weitere Fragen antworten.

Im Gerichtssaal wurden belastende Videos von der Tat gezeigt, in denen der Angeklagte und der Geschädigte zunächst beim gemeinsamen Alkoholkonsum am Neustädter Bahnhof zu sehen sind. Weitere Videos zeigten Ausschnitte der Tat. In den Videos ist das Opfer blutend auf dem Boden liegend zu erkennen, während der Angeklagte ihm mehrmals gegen den Kopf tritt, wiederholt „Ist das der Typ? Ist er das?“ sagt und ihn dazu auffordert, in die Kamera zu schauen. Die Videos hatte der Angeklagte anschließend an seinen Bekannten geschickt.

Nach der Tat soll der Angeklagte mehrere Bekannte gebeten haben, die Rettungskräfte zu verständigen, um dem Geschädigten zu helfen und die nötige medizinische Versorgung zu gewährleisten.

Die Polizei wusste zunächst nicht, dass diese vom mutmaßlichen Täter selbst erfahren hatten, wo der Verletzte liegt, berichtete eine Polizistin vor Gericht. Erst eine DNA-Spur unter den Fingernägeln des Opfers führten die Ermittler zum einschlägig vorbestraften Angeklagten.

Zeugin fand blutige Jacke und rief den Angeklagten an

Eine Arbeitskollegin des mutmaßlichen Täters sagte als Zeugin aus, sie habe bei einem Spaziergang in der Nähe des alten Munitionslagers in Neustadt eine blutige Jacke entdeckt. Um sicherzugehen, dass es sich dabei wirklich um Blut handelt, habe sie eine Bekannte dazu gebeten. Gemeinsam hätten sie daraufhin die Polizei verständigt.

Gegenüber der Polizei sagte ihre Bekannte aus, dass die Arbeitskollegin des Angeklagten nach dem Fund der Jacke zu ihr gesagt habe: „Das wird ja wohl nicht einer von meinen Leuten gewesen sein.“ Staatsanwalt Jonathan Poppe fragte sie daraufhin, was sie mit der Aussage „einer von meinen Leuten“ gemeint habe und warum sie auf die Idee kam, ausgerechnet den Angeklagten anzurufen, wenn sie die Jacke nur zufällig gefunden habe und von der Tat nichts wusste. Auch Richterin Beate Mengel wies sie darauf hin, dass sie nun noch einmal die Chance habe, ihre Aussage zu korrigieren.

Die Zeugin erklärte ihre Worte damit, dass sie die Befürchtung hatte, dass jemand aus ihrem Bekanntenkreis verletzt worden sein könnte. Sie habe sich bei dem Angeklagten gemeldet, um ihn um Rat zu bitten und zu erfragen, ob er etwas über die blutige Jacke wisse, denn er sei „wie ein kostenloser Psychologe“ für sie gewesen, sagte die 28-Jährige. Der mutmaßliche Täter soll ihr berichtet haben, dass dort jemand liege, der Hilfe brauche.

Später soll er sie aufgefordert haben, zu einem 1,3 Kilometer entfernten Waldweg beim Schäferhundeverein zu gehen und dort nachzuschauen. Dort fand sie den Geschädigten mit schweren Kopfverletzungen auf einem Waldweg und verständigte die Rettungskräfte.

Auch die Cousine des Angeklagten soll von ihm über die Tat in Kenntnis gesetzt und gebeten worden sein, einen Krankenwagen zu rufen. Laut ihrer Aussage kam der Angeklagte sichtlich betrunken zu ihr nach Hause und sagte ihr, er sei in eine Schlägerei verwickelt worden und das Opfer brauche nun Hilfe. Sie rief daraufhin den Krankenwagen. Die Staatsanwaltschaft befragte die beiden Zeuginnen erneut zum Zustand des Angeklagten am Tattag: „Woran machen Sie fest, dass der Angeklagte betrunken war? Wäre er noch in der Lage gewesen, ein Auto zu fahren?“ Beide Zeuginnen sagten aus, man habe ihm angesehen, dass er betrunken war. Außerdem soll er stark nach Alkohol gerochen haben.

Die Cousine hatte in der polizeilichen Vernehmung die Alkoholisierung des Angeklagten nicht beschrieben. Sie räumte zudem ein, dass sie sich mit dem Verteidiger des Angeklagten zwei Tage zuvor getroffen habe, um mit ihm über den Fall zu sprechen. Er habe ihr dazu geraten, „einfach die Wahrheit zu sagen“ und klarzustellen, dass ihr Cousin zur Tatzeit betrunken war. Der Geschädigte war zum ersten Verhandlungstag nicht erschienen. Die Verhandlung wird am kommenden Dienstag, 25. Januar, um 13 Uhr fortgesetzt.

Von Larissa Pitzen