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Ostkreis Am Ende stehen „nur noch“ Faustschläge
Landkreis Ostkreis Am Ende stehen „nur noch“ Faustschläge
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19:58 19.06.2020
Auf den Sitzflächen am Teich im Heinz-Lang-Park war der Streit ausgebrochen. Quelle: Foto: Florian Lerchbacher
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Stadtallendorf

Am Ende des zweiten Verhandlungstages standen dann für Richter Gernot Christ nicht einmal mehr Verbrechen zur Debatte, sondern nur noch Vergehen – zentraler Unterschied ist, dass es für Verbrechen mindestens ein Jahr Haft gibt, für Vergehen maximal ein Jahr. Und da der Hauptangeklagte bereits acht Monate und einer seiner Brüder zwei Monate in Untersuchungshaft gesessen hatte und für ihren dritten Bruder ohnehin ein glatter Freispruch im Raum stand, schlug der Richter die Einstellung des Verfahrens vor. Die Staatsanwaltschaft folgte dieser Anregung, und auch die insgesamt fünf Verteidiger der drei Angeklagten stimmten zu – und segneten damit auch eine von der Kammer gestellte Bedingung ab: Ihre beiden Mandanten, die in U-Haft saßen, verzichten darauf, eventuelle Entschädigungsansprüche für ihre Zeit im Knast geltend zu machen.

Angeklagt waren drei Stadtallendorfer Brüder im Alter von 18, 22 und 26 Jahren. Ihnen war zu Last gelegt worden, dass sie im Oktober 2019 in den Heinz-Lang-Park gegangen waren, um einen jungen Mann dafür abzustrafen, dass er einen von ihnen und zwei Freundinnen zuvor beleidigt hatte. Einem der Brüder war vorgeworfen worden, dabei ein Messer mit sich geführt und in der körperlichen Auseinandersetzung auch genutzt zu haben – mit dem Ziel, sein Gegenüber zu töten (einen Mann hatte er schwer am Hals verletzt, einem anderen weitere Stichwunden verpasst).

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Junge Zeugin bringt Licht ins Dunkel der Aussagen

Die Aussagen der Angeklagten hatten jedoch einen anderen Tathergang nahegelegt und auch die Angaben ihrer drei „Gegner“ brachten nicht wirklich Klarheit. Erst die Aussage einer jungen Frau rückte das Bild dann letztendlich für die Verfahrensbeteiligten ins rechte Licht.

Kurz gesagt hatten sich drei junge Männer (nicht die Brüder) im Oktober 2019 im Park getroffen, um sich mit Wodka ordentlich einen hinter die Binde zu kippen. Im Verlauf des Abends entschied sich einer von ihnen, zwei – ihm bekannte – junge Frauen anzusprechen, die in Begleitung des 18-Jährigen unterwegs waren.

Eine von ihnen sagte heute aus: Sie berichtete, er sei auf sie zugekommen – schmutzig und stark alkoholisiert – und habe ihnen zur Begrüßung die Hand schütteln wollen. Da dies aber aufgrund des Zustandes des Mannes eklig gewesen wäre, habe sie dies abgelehnt – was ihn aufgeregt hätte. Er habe sie und ihre Cousine (die zwar zur Verhandlung erschien, als sie aussagen sollte, aber wie vom Erdboden verschluckt war) als Schlampe bezeichnet und ihren Begleiter als Frau. Dieser habe dann den Provokateur, als dieser ihn mit der Faust bedrohte, umgestoßen und mit den Frauen den Park verlassen. Der Betrunkene sei sehr aggressiv gewesen, berichtete sie – was auch ein weiterer Zeuge bestätigte, der angab, das spätere Opfer mehrfach zurückgehalten und beruhigt zu haben.

Die Beweisaufnahme ergab, dass der 18-Jährige nach dem Streit nach Hause ging und seine Brüder kontaktierte, um zurück in den Park zu marschieren und die Angelegenheit zu besprechen. Dort traf er ihn dann auch an und verpasste ihm ein paar Faustschläge. Daraufhin kam einer seiner Freunde zu Hilfe, der ebenso wie ein dritter Freund ebenfalls Schläge von den Brüdern kassierte.

Im Verlauf der Auseinandersetzung nahm der 18-Jährige einem der Betrunkenen ein Messer ab, mit dem er im Lauf der Schlägerei auch zustieß. In einem Chat mit einem Bekannten fand ein Polizist, der ebenfalls als Zeuge auftrat, dazu auch einen Kommentar des Angeklagten: Er hatte damals geschrieben, dass er gar nicht wisse, wie er so die Kontrolle habe verlieren können. In einem anderen Chat stand: „Ich wollte mich eigentlich nicht provozieren lassen.“ Und auf die Frage, ob er vielleicht das Problem gewesen sei, hatte der 18-Jährige geschrieben: „Lass das, die sind auf mich zugekommen.“

Gleichzeitig hatte er aber auch etwas zu seiner Motivation geschrieben: „Sollte ich mich etwa wie ein letzter Dreck behandeln lassen und das alles hinnehmen?“ Seine Begleiterinnen als Schlampen und sich selbst als Mädchen bezeichnen zu lassen – das gehe einfach nicht.

Hatte der erste Verhandlungstag damit geendet, dass der Staatsanwalt auf Anregung der Verteidiger sich dafür aussprach, dass die Untersuchungshaft nicht mehr notwendig sei, so kam es kurz vor Ende des zweiten Verhandlungstages dazu, dass die Kammer eine „Erörterung des Standes der Verhandlung“ gab. Richter Christ erläuterte dabei, dass ein versuchtes Tötungsdelikt nicht mehr im Raum stehe und auch eigentlich eine schwere Körperverletzung nicht mehr in Betracht komme, weil das Zustechen mit dem Messer eher nach Notwehr klinge. Der Angeklagte hatte – entgegen der ursprünglichen Annahme – das Messer schließlich nicht selber mitgebracht, sondern einem der Betrunkenen abgenommen. „Ohne das bagatellisieren zu wollen, stehen also quasi nur (in Anführungsstrichen!) noch die Faustschläge als Körperverletzung im Raum“, resümierte Christ. Und diese seien durch die Zeit in Untersuchungshaft eigentlich auch gesühnt.

Beim Einstellen des Verfahrens half auch, dass keiner der Angeklagten vorbestraft war. Die für den 7. und 9. Juli geplanten weiteren Verhandlungstage sind somit hinfällig und das Verfahren eingestellt.

Von Florian Lerchbacher

19.06.2020
19.06.2020
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