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Ostkreis Vernunft und ein bisschen Wahnsinn
Landkreis Ostkreis Vernunft und ein bisschen Wahnsinn
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00:17 30.10.2018
Sie machen den Weg durch die Stadt zu einem Hindernislauf: Nathanael Berth (von links),  Malte Müller und Ben Dinkel trainieren beim Turnverein Gladenbach die Sportart Parkour. Quelle: Freya Altmüller
Gladenbach

Einmal, da packt es Malte Müller mitten in der Nacht. Er fährt mit seinem Auto auf den verlassenen Parkplatz eines Supermarktes. Auf die Motorhaube seines VW Polo schnallt er ein altes Kamerastativ mit seinem Handy. Er hat den ersten Gang eingelegt und lässt sein Auto führerlos fahren. Im Licht der Scheinwerfer springt er über Poller und das Einkaufswagen-Häuschen, schlägt aus dem Stand Saltos vor seinem Auto. Und seine Handykamera filmt alles.

Nicht zur Nachahmung empfohlen – aber für seine Leidenschaft Parkour tut Malte Müller viel. Dabei gilt es, Hindernisse zu überwinden, die sonst Actionhelden vorbehalten sind. Dafür trainiert Müller fast täglich mit seinem eigenen Körpergewicht. Denn nur, wer stark ist, kommt höher, schneller, weiter. „Was mir an Parkour gefällt, ist, meine Grenzen zu überwinden“, sagt der 18-Jährige.

Müller hat massige Muskeln, ein spitzbübisches Lächeln und raspelkurz geschorenes Haar. Er macht eine Ausbildung zum Physiotherapeuten. In seiner Freizeit trainiert er beim Turnverein Gladenbach eine rund dreißigköpfige Gruppe Jugendlicher und junger Erwachsener im Parkour. Ungefährlich ist das nicht: In den letzten Jahren haben sich drei Teilnehmer dabei Knochen gebrochen.

Parkour ist eine junge Sportart. Vor rund 30 Jahren wurde sie von dem Franzosen David Belle entwickelt, inspiriert durch seinen Vater, der bei der Armee war. Wie Soldaten üben sogenannte Traceure, sich schnell über Hindernisse hinfort zu bewegen. Seien es Mauern, ganze Gebäude oder die Schlucht zwischen zwei Flachdächern. Videos von ihren Stunts laden viele auf Youtube oder Instagram hoch. Jeder kann so zum Star werden.

Jeder kann Bewegungen erfinden, die die Netzwelt so noch nicht gesehen hat. Denn Regeln gibt es keine.

Auch Malte Müller und seine Freunde haben schon mal einen ihrer Stars persönlich getroffen. „Wir haben ihn angeschrieben, und er hat vorgeschlagen, dass wir uns mal treffen“, erzählt der 18-Jährige. Das war so, als hätten sie sich als Fußballer mit Cristiano Ronaldo verabredet. Nur, dass ihr Held Endijs Miscenko heißt. Der Münsteraner hat auf Instagram 116 000 Follower. Man trifft sich in der Szene, um voneinander Tricks abzuschauen, erzählt Müller. „Und wir freuen uns für die Erfolge der anderen.“

Nathanael Berth ist einer der Kumpels, mit denen sich Müller regelmäßig trifft, um in der Stadt zu üben. Er leitet gemeinsam mit ihm die Parkour-Gruppe in Gladenbach. Durch den Sport sieht er eine Stadt mit anderen Augen: Stufenartige Häuserreihen oder eine Fußgängerbrücke werden Möglichkeiten, um zu klettern oder zu schwingen. Der 20-Jährige rennt Hauswände hoch und springt über Mauern.

Das Schwierige sei dabei eine Art Schranke im Kopf, sagt Berth. Mit den Füßen voran zu springen, sei „schwierig“ für den Kopf. „Ich muss sofort springen, sonst springe ich gar nicht mehr“, erzählt der Werkzeugmechaniker.

Nicht jedes Hindernis nehmen die Traceure ohne Weiteres. Wenn sie nicht sicher sind, ob sie weit genug springen können, bauen sie die Anordnung in der Halle nach. „Dafür messen wir mit Schritten die Distanzen“, sagt Berth. „In der Halle gehen wir dann noch ein, zwei Schritte mehr, damit es am realen Hindernis auch sicher klappt“, erklärt er.

Auf zwei Sprungkästen übt Berth zum Beispiel, die Distanz von einem Brunnenrand zum anderen zu überwinden. In der Halle bauen sich die Traceure oft einen Pfad, den es zu meistern gilt. Sie springen vom Mattenwagen auf einen Sprungkasten, ans Reck und gegen eine Wand. Aus der Ich-Perspektive, gefilmt mit einer Go-Pro-Kamera an der Stirn, sieht das aus wie in einem Geschicklichkeitsvideospiel. So, als gelte es, den Boden nicht zu berühren, weil dort Lava ist oder einfach nur die Tiefe lauert – mit dem Unterschied, dass man hier nur ein Leben hat.

Seine Videos lädt Malte Müller auf Youtube nicht unter seinem Klarnamen hoch. Er weiß, dass er auf fremden Grundstücken Hausfriedensbruch begeht. Ernsthafte Sorgen, erwischt zu werden, hat er aber nicht.
Kaputtmachen wollen Müller und seine Freunde nichts. Wenn sie durch die Stadt laufen, rütteln sie an jedem Poller und jeder Laterne, bevor sie darauf springen oder sich daran schwingen. An dem Metall rutschen die Hände dabei hörbar. Die Haut von Müller und seinen Freunden zeigt dicke Schwielen.

Wenn sie in der Halle trainieren, benutzen die Sportler zum Schutz Magnesium. Unter den Gladenbacher Traceuren heißt das weiße Pulver „Koks“. Wer als neues Mitglied in die Gruppe kommt, muss sich an solche „Insider“ gewöhnen. Er wird Teil einer Szene: Müller und seine Freunde tragen alle das gleiche schwarze Tank Top, mit einer Art weißen, verwischten Flagge darauf. Dazu weite Jogginghosen. „Damit sehen Bewegungen flowiger aus“, sagt der Traceur und meint damit fließend. Denn nach dem neuesten Trend gilt es nicht nur, die Herausforderungen zu meistern; die Bewegungen sollen dabei auch noch möglichst lässig und schön aussehen.

Für den Kick ist das aber egal. Mit einer Kamera, die Müller an seinem Fuß befestigt hat, filmt er, wie seine Beine sich gen Himmel recken. Unten stützen sich die Hände auf den schmalen Rand von einer Art Schornstein – mehrere Meter über dem harten Asphalt. Müller macht Handstand, ungesichert. „Jeder, der Parkour macht, ist ein bisschen verrückt“, sagt der 18-Jährige.

von Freya Altmüller