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Ostkreis Familie steht „vor den Trümmern“
Landkreis Ostkreis Familie steht „vor den Trümmern“
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18:54 27.09.2021
Feuerwehrleute löschen Brandnester im Inneren des Gebäudes.
Feuerwehrleute löschen Brandnester im Inneren des Gebäudes. Quelle: Feuerwehr
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Marburg

Nach mehreren Verhandlungstagen endete gestern das Verfahren gegen einen 70 Jahre alten Mann. Die dritte Strafkammer des Landgerichts Marburg verurteilte ihn unter anderem wegen Brandstiftung. Er hatte zugegeben, am 14. Juli Feuer in einem frisch sanierten Haus in Mardorf gelegt zu haben (die OP berichtete). Nur wenige Tage später kam ihm die Polizei auf die Spur, der 70-Jährige legte nach seiner Festnahme ein Geständnis ab. Er kam in Untersuchungshaft.

Dass sein Fall so schnell vor Gericht verhandelt wurde, lag daran, dass gegen ihn bereits ein Verfahren anstand, das im Zusammenhang mit der Brandstiftung steht. Der Verurteilte kannte die Familie, der das Brandhaus gehört. Der weitere Tatvorwurf gegen ihn: Vor mehreren Jahren kam es bei einem der Kinder zu einer unsittlichen Berührung, aus strafrechtlicher Sicht ein sexueller Missbrauch. Im Februar erhob die Staatsanwaltschaft Marburg deshalb die erste Anklage. Bei einer Hausdurchsuchung nach den Brandstiftungsermittlungen fanden Polizeibeamte außerdem Bilder mit teilweise kinderpornographischem Inhalt. Die Mehrzahl dieser Fotos seien „Posing-Bilder“, sagte der Vorsitzende Richter Gernot Christ bei der Urteilsbegründung. Nach der aktuellen Gesetzeslage ist bereits der Besitz eines solcher Bilder ein Verbrechen und muss mit einer Haftstrafe von mindestens einem Jahr geahndet werden.

Angeklagter kannte die Familie

Der Angeklagte hat alle ihm zur Last gelegten Straftaten auch vor Gericht eingeräumt. Staatsanwaltschaft und am Ende auch die 3. Strafkammer sahen das Geständnis nach der Beweisaufnahme unter anderem mit der Vernehmung von Ermittlern und Brandgutachter als bestätigt an.

Im Zentrum des gesamten Verfahrens stand dabei die Brandstiftung. Die betroffene Familie hatte das Haus in jahrelanger Arbeit saniert, es war zum Zeitpunkt des Brandes schon teilweise eingerichtet, der Umzug stand an. Dass das Haus bei der Brandstiftung noch unbewohnt war, war dem Angeklagten bewusst. Er kannte auch die Historie und die Situation der Familie, für die es umfassende Unterstützung aus der Bevölkerung gab und gibt.

Rechtsanwältin Ulrike Ristau vertrat die Nebenkläger wegen des Brandstiftungsverfahrens. Sie fand in ihrem Plädoyer klare Worte zur Situation der Familie. „Er hat alle verletzt, die Familie, das ganze Umfeld“, sagte sie in Richtung des Angeklagten. Für ihn seien die Dinge irgendwann vorbei, wie lange das für die Familie dauern werde, sei eben nicht klar.

Zuvor hatte die Staatsanwaltschaft eine Gesamt-Freiheitsstrafe von fünf Jahren und drei Monaten beantragt, allein für die Brandstiftung eine Einzelstrafe von vier Jahren. Das Gericht kann aus mehreren im Raum stehenden Freiheitsstrafen zu verschiedenen Straftaten eine Gesamtstrafe bilden. Die Staatsanwältin hatte klargemacht, welche weitreichenden Folgen die Brandstiftung hat.

Alle Beteiligten nehmen Urteil an

„Auch die Kinder sind unmittelbar betroffen, sie erleben die Verzweiflung der Eltern“, sagte Staatsanwältin Janina Pristl. Sie hob allerdings auch die Gründe hervor, die sich strafmildernd für den Angeklagten auswirken sollten, vor allem sein umfangreiches Geständnis. Dabei hatte der 70-Jährige auch eingeräumt, die Tat vorbereitet, also nicht im Affekt begangen zu haben. Ihm ist klar, was er angerichtet hat“, sagte Rechtsanwalt Carsten Dalkowski, zugleich habe er Reue gezeigt. Er wie auch sein Kollege Thomas Strecker beantragten in ihren Plädoyers Gesamtfreiheitsstrafen von vier Jahren. Dalkowski erinnerte daran, dass sein Mandant nie mildernde Umstände verlangt habe. Beide Anwälte machten klar, dass der 70-Jährige erst im Alter überhaupt erstmals mit dem Gesetz in Konflikt geriet – und nie darauf gedrängt hatte, seine Schuldfähigkeit überprüfen zu lassen. Strecker machte auch deutlich, dass sein Mandant bis ans Lebensende finanziell ruiniert sei, was er sich selbst zuzuschreiben habe.

Das Schlusswort gehörte dem Angeklagten. Noch einmal gestand er seine Schuld in vollem Umfang ein. „Ich bin kein schlechter Mensch, es ist klar, dass ich Hilfe brauche“, sagte er und entschuldigte sich bei der Familie für seine Taten.

Geständnis wirkt sich strafmildernd aus

Die Strafkammer würdigte das Geständnis strafmildernd, wie Richter Christ erläuterte. Aber es erkannte auch das Leid der betroffenen Familie als strafverschärfend an. „Die Eltern stehen im wahrsten Sinne des Wortes vor Trümmern“, sagte Christ mitfühlend. Aus Sicht des Gerichts stellte sich die Frage nach einer Prüfung der Schuldfähigkeit des Angeklagten nicht. Noch im Gerichtssaal nahmen alle Verfahrensbeteiligten das Urteil an, es ist damit rechtskräftig.

Von Michael Rinde