Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Ostkreis Urlaub mit Lerneffekt
Landkreis Ostkreis Urlaub mit Lerneffekt
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
14:37 09.11.2020
Ländliche Idylle und Einblicke ins Leben auf dem Bauernhof bieten Dagmar und Benjamin Althainz (mit Neffe Theo). Quelle: Florian Lerchbacher
Anzeige
Bracht

Wer auf dem Katharinenhof am Ortsrand von Bracht Urlaub macht, hat viele Möglichkeiten: Wandern auf den Premiumwegen „Rote Wasser“ und „Junkernpfad“, das Erkunden des Baumlehrpfades unter dem „Saurüssel“, Spielen auf dem Spielplatz im Dorf oder dem Waldspielplatz im benachbarten Rauschenberg, wo sich ganz in der Nähe auch der Märchenpfad begehen und ein Bauernhofeis schlecken lassen. Aber auch Tagestouren nach Marburg, Frankenberg oder an den Edersee bieten sich an. Doch insbesondere Kinder wollten im Urlaub den Hof eigentlich nicht verlassen, betont Dagmar Althainz. Denn dort warten auf sie ebenfalls zahlreiche Attraktionen – und sie bekommen Einblicke in eine Welt, die gerade Jungen und Mädchen aus der Stadt größtenteils unbekannt ist, und die auch bei Erwachsenen neue Ein- und Ansichten mit sich bringen.

Schon seit den 1970er-Jahren betreibt die Familie Althainz neben der Landwirtschaft auch noch eine Art Pension, die Urlaub auf dem Bauernhof ermöglicht. Insgesamt zehn Betten stehen für Gäste bereit – in einem Häuschen, einer Ferienwohnung und einem Doppelzimmer. Der Ansatz ist nicht neu und auch in der Region kein Alleinstellungsmerkmal, aber gerade für „Stadtmenschen“ etwas ganz anderes. Haupteinzugsgebiet ist das Rhein-Main-Gebiet. Eine Familie schrieb zum Beispiel jüngst ins Gästebuch: „Man muss nicht ins Ausland fliegen, um in einer komplett anderen Welt zu sein.“

Anzeige

Je nachdem, wie intensiv es die Gäste wollen, binden Dagmar und Heinrich Althainz mit Sohn Benjamin sie ins Bauernhofleben ein. Gerade Kinder freuten sich, Aufgaben zu übernehmen – und nicht selten seien Eltern überrascht, wie verantwortungsbewusst ihr Nachwuchs sein könne, freut sich Dagmar Althainz. Nicht selten komme es vor, dass die Kinder quasi erst nach der Arbeit das Vergnügen folgen ließen. Beispielsweise ließen sie noch vor dem Frühstück die Hühner aus dem Stall. Sie können aber auch beim Füttern helfen, beim Eier-Einsammeln, beim Melken oder beim Stallausmisten – eben bei (fast) allem, was an Arbeiten auf einem Bauernhof anfällt. Außerdem warten jede Menge Tiere auf sie: von Kühen (Holsteiner, japanische Wagyūs und Jersey-Rinder) und Kälbern über Ponys (Shettys, Norweger und Lewitzer), Hühner, Hähne und je zwei Katzen und Meerschweinchen bis zu Ziege Klara und Hund Emma. „Es ist immer wieder interessant, wie die Kinder ins Staunen geraten“, sagt Dagmar Althainz. Angefangen beim Klassiker, dass eine Kuh nicht lila ist, aber auch darüber, wo eigentlich die Milch herkommt und wie sie gewonnen wird: „Aber auch manche Eltern sind überrascht, dass es bei uns nicht nur weiße Eier gibt, sondern auch braune oder grüne.“

„Nachhaltiger geht es nicht“, betont Benjamin Althainz und erklärt: „Unsere Gäste erleben es, wie das Leben auf dem Bauernhof funktioniert, was wir leisten und wieviel Arbeit es ist.“ Ein Resultat sei, dass viele intensiver über die Hintergründe der Nahrungskette nachdachten und sich klar würden, was für ein Produkt geleistet werden müsse. Resultat sei, dass viele Menschen ihr Essen dann nicht mehr nur einfach konsumierten, sondern einem Grundsatz des Katharinenhofs folgten: bewusst kaufen, bewusst zubereiten, bewusst genießen. „Am Ende ist der Preis dann auch kein Thema mehr“, sagt Benjamin Althainz, Hersteller von Dry Aged Beef, und berichtet von einem Gast, dem an einem ersten Tage auf dem Hof die Kinnlade heruntergeklappt sei, als er den Preis des Fleisches hörte: „Am Ende seines Aufenthalts, als er wusste, wieviel Arbeit dahinter steckt, war der Preis dann egal und er hat noch einiges mitgenommen.“ Benjamin Althainz setzt ganz bewusst auf sein besonders aufwendiges Produkt: „Es ist ein Genussmittel und soll etwas besonderes sein. Ich will gar nicht, dass jemand jede Woche bei uns Dry Aged Beef kauft – denn dann ist es irgendwann normal. Aber das soll es nicht sein.“

Essen ist naturgemäß auf einem Bauernhof eine Herzensangelegenheit. Das ist auch daran zu merken, auf welche Produkte die Familie Althainz bei der Bewirtung ihrer Gäste setzt: auf Milch, Eier und Apfelsaft vom eigenen Hof, auf selbstgemachte Marmelade, auf Honig vom Imker aus Bracht, auf Käse aus den Hofläden der Umgebung und auf Wurst, die der Dorfmetzger herstellt. Ab und zu serviert die Familie auch selbstgemachte Pastrami oder Corned Beef. „Unser Ziel ist ein kleiner, geschlossener Kreislauf“, betont Benjamin Althainz. Entsprechend wolle er bald auch damit beginnen, eigenen Käse herzustellen, ergänzt der gelernte Agrartechniker, der derzeit vornehmlich für die Fleischvermarktung zuständig ist, in einem Jahr aber den gesamten Betrieb übernehmen soll.

Meist sind es Eltern mit ihren Kindern, die in der Regel ein bis zwei Wochen auf dem Katharinenhof Urlaub machen. Oft inzwischen aber auch Großeltern, die während der Ferien ihre Kinder entlasten wollen und sich dann um die Enkel kommen, stellt Dagmar Althainz heraus und freut sich, dass es auch zahlreiche Stammgäste gibt: So mache ein Holländer mit seiner Familie immer wieder auf dem Hof in Bracht Urlaub – und setzt eine Tradition fort, da er schon als Kind mit seinen Eltern stets die Ferien auf dem Katharinenhof verbrachte. Tradition ist eben in vielerlei Hinsicht auf dem Bauernhof ein wichtiges Thema – wobei es in den Unterkünften inzwischen auch Fernsehen und W-Lan gibt. „Muss man heutzutage schon haben“, lautet das Credo der Familie Althainz. Allerdings sei die Anziehungskraft dieser Angebote gering, wie die 60-Jährige betont: „Viele Eltern freuen sich, dass ihre Kinder bei uns fast die ganze Zeit an der frischen Luft sind, während sie zuhause die meiste Zeit vor dem Computer oder dem Fernseher sitzen.“ Auf dem Katharinenhof befinden sie sich eben in einer anderen Welt.

Von Florian Lerchbacher

09.11.2020
09.11.2020
08.11.2020