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Ostkreis Besen bürstet die Kippen von der Straße
Landkreis Ostkreis Besen bürstet die Kippen von der Straße
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19:59 04.08.2020
Fahrer Engin Yilmaz schaut bei der Fahrt entlang geparkter Autos genau in die Spiegel. Quelle: Michael Rinde
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Stadtallendorf

Acht Spiegel, Kameras und ein gutes Augenmaß erlauben Zentimeterarbeit. Im Schritttempo fährt Engin Yilmaz an das in zweiter Reihe stehende Auto in der Chemnitzer Straße heran.

Für den Beobachter wirkt es, als ob die Kehrmaschine gleich im Kofferraum des beigen BMW landet. Doch ganz ruhig dreht Yilmaz das Lenkrad, nicht ohne vorher in vier Spiegel geschaut zu haben. Er hat auch den letztmöglichen Zentimeter Fahrbahnrand gekehrt.

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Dort, wo der BMW steht, bleibt es an diesem Tage dreckig. Vor allem vertrocknetes Laub liegt reichlich an den Fahrbahnrändern. Yilmaz sitzt auf der rechten Seite.

Für ihn kein Problem, für andere Fahrer, das wisse er, sei das gewöhnungsbedürftig. Durch das Sitzen auf der „englischen“ Seite hat der Fahrer die Besen natürlich jederzeit noch genauer im Blick und unter Kontrolle.

Auch eine kleine Maschine wird gekauft

Wild parkende Autos sind das tägliche Leid der Kehrmaschinenfahrer, natürlich nicht nur in Stadtallendorf. Yilmaz arbeitet für die Stadtallendorfer Stadtwerke. Vor acht Monaten haben sie die Straßenreinigung wieder in eigener Regie übernommen. Zunächst war das für das Stadtwerketeam rund um Betriebsleiter Giselher Pontow sehr viel Zusatzarbeit. Zwei Stellen sind für die Straßenreinigung neu geschaffen worden, Yilmaz hat eine davon inne. Sein zweiter Kollege kommt im Oktober. In den ersten Monaten hat Uwe Wiegand die große Kehrmaschine gefahren. Noch ist es eine Leihmaschine.

Bis Jahresende wollen die Stadtwerke eine eigene anschaffen. Mittlerweile waren vier verschiedene Maschinentypen in Stadtallendorf im Einsatz. „Wir wissen jetzt sehr genau, was wir brauchen und haben wollen“, sagt Fachdienstleiter Ralf Weber. Es wird eine Investition von rund 200.000 Euro. An der Ausschreibung wird derzeit gearbeitet. Natürlich hätte das ganze Team in den vergangenen Monaten bei der Straßenreinigung auch dazugelernt, sagt Betriebsleiter Pontow.

Stinkefinger und Vogelzeigen

Zurück zur Tour durch Stadtallendorfs Straßen, die an diesem Vormittag unter anderem durch die Herrenwaldsiedlung und verschiedene Straßen im Süden der Kernstadt führt. An vielen Stellen stehen Halteverbotsschilder, extra abgestimmt auf die Zeiten der Kehrmaschine und gültig nur für wenige Stunden an bestimmten Tagen. Ignoriert werden sie mitunter trotzdem. Auch an diesem Morgen.

Yilmaz steuert die Maschine auf einen silberfarbenen Wagen mit auswärtigem Kennzeichen zu. Der Fahrer sitzt darin, es gilt ein uneingeschränktes Halteverbot. Erst nach mehrfachem „Winken“ mit der Lichthupe setzt sich der Wagen in Bewegung. „Das geht ja alles noch“, sagt Yilmaz. Er habe schon ganz anderes erlebt, den „Stinkefinger“ oder das „Vogelzeigen“. Beides Beleidigungs-Straftatbestände.

Einbahnstraße kein Hinderungsgrund

Bei der Tour gemeinsam mit der OP bleibt so etwas aus. Überholmanöver dicht an der Maschine gibt es aber gleich mehrere. „Das geht noch schlimmer und enger“, berichtet Yilmaz. Hin und wieder hat auch mal jemand versucht, seine Kehrmaschine auszubremsen.

Yilmaz hat reichlich Erfahrung im Einsatz auf der Kehrmaschine. Jahrelang hat er sie für ein Unternehmen gefahren, bevor er zu den Stadtwerken wechselte. 23 Bewerbungen sind bei den Stadtwerken auf die 2 Stellen eingegangen. Yilmaz und sein zweiter Kollege hatten alle nötigen Qualifikationen. So reicht ein Lkw-Führerschein alleine nicht aus.

Ganz vorsichtig biegt Yilmaz in eine Einbahnstraße ein. Wie es der Zufall will, kommt ihm eine Polizeistreife entgegen. Sie lässt ihn gewähren. „Denn wir können gar nicht anders fahren, wollen wir beide Fahrbahnränder saubermachen“, erklärt er. Laufen die Kehrbesen an und unter der Maschine, gibt es während der Fahrt im Schritttempo lediglich ein etwas lauteres Brummen.

„Nichts bleibt liegen“

Trotzdem ist eine mehrstündige Tour mit der Maschine durchaus anspruchsvoll. „Abends drehen sich schon mal die Besen im Kopf“, sagt er grinsend. Da ist er froh, dass er auch mal andere Aufgaben in der Straßenreinigung oder im Stadtwerketeam übernehmen kann. „Nichts bleibt liegen“, verspricht Betriebsleiter Pontow. Wenn ein Stadtwerkemitarbeiter Müll irgendwo sehe, dann räume er den auch weg oder sorge gleich dafür, dass er wegkomme.

Inzwischen reinigen Stadtwerketeams auch Parkbuchten, etwa in der Ferdinand-von-Galen-Straße oder sie sorgen dafür, dass die Bahnhofsunterführungen sauber bleiben. Letzteres ist keine originäre Sache der Stadt, sondern eigentlich Aufgabe der Bahn. Für kleinere Flächen, etwa Parkplätze, kaufen die Stadtwerke auch noch eine kleine Kehrmaschine. Erste Modelle werden ab Herbst getestet.

Reichlich Augenmaß gefragt

Spätestens Abends leert Yilmaz die Kehrmaschine in einen Container auf dem Baubetriebshof. Bis zu sechs Kubikmeter fasst seine aktuelle Maschine. Dreck, Kronkorken, Zigarettenstummel und viel Plastik und Papierreste türmen sich im Container. Im Herbst, da sind sich Yilmaz und Kollegen sicher, wird er drei bis vier Mal am Tag leeren müssen. Dann geht es dem Laub auf Fahrbahnen an den Kragen.

Weiter geht die Fahrt mit der Maschine durch Stadtallendorfs Süden. Rückwärts geht es an der früheren Herrenwald-Kirche vorbei. Denn dort ist Sackgasse und dort müssen natürlich auch beide Fahrbahnränder gesäubert werden. Aber auch das Rückwärtsfahren und Rangieren ist kein Problem, dank Augenmaß und reichlich Spiegeln.

Hintergrund

Es gab mehrere Gründe, warum sich Stadtwerke und politische Gremien letztlich entschlossen, die Straßenreinigung wieder in Eigenregie zu übernehmen. Im Vorfeld hatten die Klagen über die Qualität der Stadtreinigung massiv zugenommen. Eine flexible und vor allem schnelle Reaktion auf besonders verdreckte Straßen war nicht möglich. So reifte der Entscheidungsprozess. Verbunden war das am Ende auch mit einer Anpassung der Gebühren.

„Wir können jetzt unmittelbar auf Bürgerbeschwerden reagieren“, sagt Betriebsleiter Giselher Pontow. Ein ganz wichtiger Punkt, der über die Straßenreinigung hinausgeht. Das illegale Ablagern von Müll hat deutlich zugenommen. Ein akutes Problem ist die „Unsitte“, Müll jeder Art neben Glascontainer zu stellen. Bürger haben jederzeit die Möglichkeit, Probleme über den „Mängelmelder“ auf der Internetseite der Stadt (www.stadtallendorf.de) zu melden.

Von Michael Rinde