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Ostkreis Die unterschätzteste Strecke Hessens
Landkreis Ostkreis Die unterschätzteste Strecke Hessens
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12:58 12.08.2021
Marian Zachow ist einer der CDU-Politiker aus vier Kreisen, die sich für einen Ausbau der Vogelsbergbahn stark machen.
Marian Zachow ist einer der CDU-Politiker aus vier Kreisen, die sich für einen Ausbau der Vogelsbergbahn stark machen. Quelle: Florian Lerchbacher
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Ostkreis

Führende CDU-Politiker aus vier Landkreisen fordern vehement, in die Vogelsbergbahn zu investieren – eine Forderung an Landespolitik und Bahn AG. Im OP-Gespräch erläutert der heimische erste Kreisbeigeordnete Marian Zachow, warum diese Bahnstrecke so eine Bedeutung hat und wie es mit einer Reaktivierung der Ohmtalbahn weitergehen könnte.

Was bringt die Vogelsbergbahn vor allem dem Ostkreis jetzt schon?

Marian Zachow: Eine ganze Menge. Sie bietet eine relativ attraktive Verbindung nach Fulda, vor allem wenn im Dezember der Schnellbus nach Alsfeld via Stadtallendorf und Marburg startet. Dann ist man inklusive Umsteigen in einer Fahrzeit von etwa einer Stunde 20 Minuten von Stadtallendorf nach Fulda unterwegs.

Der neue Schnellbus X35 ist jetzt also sicher, es gibt kein Fragezeichen mehr?

Zachow: Der neue Schnellbus kommt.

Warum sollte die Bahn in die Vogelsbergbahn jetzt investieren?

Zachow: Wir haben uns über Kreisgrenzen hinweg als CDU-Politiker getroffen, um hier etwas anzuschieben. Die Vogelsbergbahn ist sicher die am meisten unterschätzte Bahnverbindung in Hessen. Sie ist die einzige noch vorhandene Ost-West-Verbindung. Wenn man sie zusammendenkt mit der Lahntalbahn, liegen auf dieser Achse wie auf einer Perlenschnur viele der historisch, wirtschaftlich und touristisch bedeutsamsten Städte wie Fulda, Lauterbach, Alsfeld, Gießen, Wetzlar, Weilburg und Limburg. Die Strecke muss schneller werden, aber sie braucht auch mehr Haltepunkte.

Das dauert doch länger als ein Jahrzehnt.

In Etappen abarbeiten

Zachow: Bis zum Endausbau sicherlich, doch man kann an der Vogelsbergbahn etappenweise weiterarbeiten. Im ersten Schritt reicht es, zusätzliche Ausweichen, die vor einigen Jahrzehnten noch vorhanden waren, zu reaktivieren. Das bringt wertvolle Minuten auf der eingleisigen Strecke. Eine Verspätung in einer Richtung hat jetzt verheerende Folgen für Verbindungen in beiden Fahrtrichtungen. Langfristig wird es wohl notwendig sein, vor allem im Umland von Gießen und Fulda einen echten doppelgleisigen Ausbau zu realisieren, das ist natürlich etwas aufwendiger.

Wir haben die Main-Weser-Bahn vor der Haustür. Müssen wir sie nicht mit berücksichtigen, wenn über die Vogelsbergbahn gesprochen wird?

Zachow: Unbedingt. Das Thema lässt sich nicht voneinander trennen, will man den ländlichen Raum an Ballungsgebiete besser anbinden. Mit durchgehenden Verbindungen zum Beispiel aus dem Vogelsberg und dem Gießener Umland nach Frankfurt kann Leben im ländlichen Raum und Arbeiten im Ballungsgebiet möglich werden.

Welche Perspektiven sehen Sie für die Main-Weser-Bahn und deren Ausbau?

Zachow: Das wesentliche passiert jetzt endlich; das dritte Gleis zwischen Frankfurt und Friedberg ist in Bau. Ob dieser Ausbau darüber hinausgehen wird, da wage ich keine Prognose. Aber der begonnene Gleisbau eröffnet jetzt schon erhebliche Perspektiven. Die lange Planungszeit hängt damit zusammen, dass es erhebliche Widerstände dagegen gab und Grundstückskäufe sich in die Länge zogen. Diese Probleme hätten wir bei einer Ertüchtigung der Vogelsbergbahn ganz sicher nicht, denn es geht ja um eine Aktivierung einstmals vorhandener Infrastruktur. Die Flächen, auf der früher Überhol- und Ausweichgleise waren, sind weitestgehend noch vorhanden. So gibt es auch keine zusätzlichen Belastungen für Anwohner.

Zentrale Bedeutung für Ohmtalbahn

Eine andere frühere Bahnlinie ist aus Ostkreis-Sicht auch sehr wichtig, die Ohmtalbahn. Wann gibt es die nötige Klarheit, ob sich die Wiederbelebung rechnen könnte?

Zachow: Wir rechnen spätestens im vierten Quartal mit dem Ergebnis der Vorstudie. Wieder geht es nicht ohne die Vogelsbergbahn. Nur zur Anbindung von Homberg, Burg und Niedergemünden und Kirchhain wäre das Verkehrsaufkommen sicherlich nicht hinreichend. Aber wenn man beide Bahnen gemeinsam betrachtet, dann könnte aus der leistungsfähigen Achse Gießen-Fulda ein regelrechtes Ypsilon werden. Von Fulda nach Gießen oder von Fulda nach Kirchhain oder Marburg. Dann hätte man konkurrenzfähige Fahrzeiten im Vergleich zum Auto. Gepaart mit sinnvollen Betriebskonzepten hätte man die Ost-West-Lücke geschlossen.

Was brächte das?

Zachow: Durch dieses Ypsilon wären dann alle hessischen Sonderstatusstädte, die nicht unmittelbar im Rhein-Main-Gebiet liegen, miteinander verbunden: Wetzlar, Gießen, Fulda und Marburg. Schon das erklärt, welches Potenzial und welche landespolitische Bedeutung die Kombination aus Ohmtalbahn und Vogelsbergbahn haben könnte. Gepaart mit sinnvollen Betriebskonzepten hätte man die Ost-West-Lücke geschlossen. Und hätte Fahrzeiten von Marburg und Gießen nach Fulda von etwa anderthalb Stunden. Das ist absolut konkurrenzfähig zum Auto.

Blicken wir mal in Ihre Kristallkugel: Wenn sich zeigte, dass die Ohmtalbahn reaktivierbar wäre, wann könnte der erste Zug auf dieser Strecke wieder fahren?

Zachow: Ich glaube, dass überfordert meine Kugel gerade völlig. Wenn alle Studien gut ausgingen und alle sicherlich vorhandenen Probleme wie Grunderwerb auch lösbar wären, dann dauerte es wohl zehn bis fünfzehn Jahre, bis der erste Bagger rollte. Aber im Thema Streckenreaktivierung steckt gerade ungeheure Dynamik, es könnte auch schneller gehen.

In der Vergangenheit gehörte die Bahn im ländlichen Raum nicht gerade zu den wichtigen Themen in der hessischen CDU. Was ist anders geworden?

Zachow: Die CDU insgesamt hat in der Tat das Thema „Schiene auf dem Land“ mitunter etwas vernachlässigt, das sehen wir auch durchaus selbstkritisch, wenngleich wir in unserem Kreisverband bei diesem Thema schon immer eher der Zeit voraus waren. Aber für die heutige Generation der Verantwortungsträger ist klarer denn je, dass es bei Bahnanbindungen zu Ballungsgebieten um weit mehr geht als bequemes Bahnfahren. In Zentren ist Wohnraum knapp, im ländlichen Raum gibt es Leerstände. Der ländliche Raum kann helfen, die Wachstumsschmerzen der Ballungsgebiete zu lindern. Gute Bahnanbindungen gehören zu nachhaltigen Lebensmodellen von Morgen. Deswegen muss das Thema jetzt dringend angepackt werden, nicht nur aus Klimaschutzgründen.

Von Michael Rinde