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Ostkreis Unruhe, Angst und blankliegende Nerven
Landkreis Ostkreis Unruhe, Angst und blankliegende Nerven
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22:00 02.12.2020
Hundertschaften der Polizei im Wald: Seit Wochen wird im Dannenröder Forst protestiert, geräumt und gerodet. Für die Anwohner der umliegenden Dörfer eine sehr belastende Situation.
Hundertschaften der Polizei im Wald: Seit Wochen wird im Dannenröder Forst protestiert, geräumt und gerodet. Für die Anwohner der umliegenden Dörfer eine sehr belastende Situation. Quelle: Foto: Nadine Weigel
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Dannenrod

Es ist ein Pressetermin unter besonderen Bedingungen. In der kleinen Dannenröder Kirche sitzen weit verteilt mehrere Bürger aus den Homberger Stadtteilen Appenrod, Dannenrod und Maulbach. Nur wenige hundert Meter Luftlinie entfernt befindet sich seit mehr als einem Jahr das Protestcamp der Waldbesetzer. Auch die Homberger bezeichnen sich mit einer Ausnahme allesamt als Gegner der Autobahn. Auch darum geht es ihnen an diesem Abend.

Landwirtin fürchtet um die Kinder im Ort

Es geht aber auch sehr um die Stimmung in ihren Orten in diesen Tagen und Wochen. Um die Stimmung unter den Menschen, die alles andere als gut ist. Eine Landwirtin betritt die Kirche, sie hatte gehört, dass es einen Termin zur A 49 gibt, bei dem Presse dabei ist. Aus ihr spricht die blanke Unsicherheit und Angst in dem Moment. Was passiere denn noch alles nach den ganzen Brandanschlägen? Gemeint sind die angezündete Asphaltiermaschine oder der Brand eines Baggers im Steinbruch in Nieder-Ofleiden. „Kann ich meine Kinder noch in den Ort lassen?“, fragt sie. Und sie fürchte, dass das kriminelle Verhalten im Ort zunehme. „Diese Demos jedes Wochenende, die puschen das alles auch noch“, so ihr Empfinden.

Die Nerven lägen eben blank, kommentiert ein Sprecher der Gruppe „Pro Appenrod“. Dass er seinen Namen nicht in den Medien wiederfinden möchte, hat persönliche Gründe. Lous Rieger ist in Dannenrod geboren. Er trauert um die Bäume, die für die A-49-Trasse fallen mussten. Das seien zwar nur drei Prozent des Dannenröder Forstes. „Aber ich habe die Erfahrung gemacht, dass ein Wald sehr leidet, wenn er so aufgemacht wird“, erklärt ein Mann aus Appenrod.

Die ständige Polizeipräsenz, der stetig über dem Wald und der Umgebung kreisende Hubschrauber setzen den Menschen sehr zu. Von einer Spaltung ihrer Heimatorte will aber keiner der Anwesenden an diesem Abend etwas wissen. „Wir wollen uns auch dann, wenn alles vorbei ist, in die Augen sehen und miteinander reden können“, sagt einer. Die Gruppe nennt sich selbst Interessengemeinschaft (IG) Dannenrod, Appenrod und Maulbach.

Auch wenn sie allesamt Gegner der Autobahn sind, Illusionen geben sie sich nicht hin. In einigen Jahren werde die Autobahn fertiggestellt sein. Aber dann bitte auch mit dem notwendigen Lärmschutz. Der Sprecher von „Pro Appenrod“, der sich seit Jahren im Kampf gegen die A 49 engagiert, sieht Versprechen nicht eingehalten. Jahrelang sei zugesagt gewesen, dass die Autobahn Flüsterasphalt, also lärmmindernden Asphalt erhalte. Jetzt heiße es, die Grenzwerte gäben das nicht her. „Warum gibt es dann ein Stück Flüsterasphalt in Stadtallendorf?“, wirft ein Anderer eine Frage in den Raum. Kurz gesagt: Diese Bürger fühlen sich nicht ernst genommen von den Verantwortlichen und benachteiligt, „weil wir eben nur Menschen aus dem Dorf sind“. Dem ist aber nicht so. Die Projektgesellschaft Deges stellt auf Nachfrage der OP klar: Sogenannter Flüsterasphalt wird an keiner Stelle beim Weiterbau der A 49 eingesetzt, weder in Stadtallendorf noch irgendwo in der Nähe eines Altenheimes bei Homberg/Ohm. Der Einsatz von Flüsterasphalt ist an Lärmgrenzwerte gebunden und hätte im Planfeststellungsbeschluss festgelegt sein müssen.

„Toller Sommer“ und „Wochenend-Chaoten“

Eines wird an diesem Abend überdeutlich: Die Menschen in der Kirche wünschen sich die Ruhe in ihren Orten zurück. Zu den Waldbesetzern und A-49-Gegnern haben sie teilweise ein differenziertes Bild in ihrer Darstellung. „Das war ein toller Sommer mit den Aktivisten“, sagt beispielsweise der Sprecher von „Pro Appenrod“. Aber das habe sich geändert, als die Rodungen begannen und vor allem „als die Wochenend-Chaoten“ in den Ort gekommen seien, sagt ein anderer Gesprächsteilnehmer.

Ja, sie wollen alle, dass die Autobahn am besten nicht weitergebaut wird. „Das heißt aber auch nicht, dass wir die Menschen etwa an der Bundesstraße 3 nicht entlasten wollen“, betont ein Dannenröder ausdrücklich. Er verweist auf Alternativkonzepte, wie sie etwa Reinhard Forst propagiert hat.

Wie geht es weiter, wenn die Rodungsarbeiten im Dannenröder Forst mal beendet sind, was immer absehbarer wird? „Ruhe wird es auch dann nicht geben“, ist der Sprecher von „Pro Appenrod“ sicher. Denn er glaubt, dass „der Danni auch dann zu einem Symbol für die Forderung nach einer Verkehrswende wird und es auch während des Baues viele Aktionen gibt“. Danni steht für den Dannenröder Forst, ein Ausdruck, den die Aktivisten geprägt haben.

Von Michael Rinde

Einsatzende rückt näher

Im Dannenröder Forst sind nur noch wenige hundert Meter der A-49-Trasse zu räumen und zu roden. Noch will sich aber keiner auf ein genaues Ende des Polizeieinsatzes und der Fällarbeiten festlegen. Ein Polizeisprecher wagte gestern keine Prognose dazu, wann der Einsatz enden könnte. Alles deutet darauf hin, dass in den nächsten Tagen das vor einem Jahr geschaffene Baumhausdorf im Zentrum stehen dürfte. Wie viele Waldbesetzer sich dort noch aufhalten, ist offen.
Gestern holte die Polizei bis Einbruch der Dunkelheit 25 Personen aus Baumhäusern oder von Plattformen.
Wissenschaftler üben erneut Kritik
Es gibt neuerliche Kritik des Bündnisses „Wald statt Asphalt“ an einem Fachbeitrag zur Wasserrahmenrichtlinie und deren Einhaltung bei den Planungen für die A 49. Es geht um eine Hauptsorge der A 49-Gegner, den Schutz des Trinkwassers. Sie legen einen kritischen Kommentar von nach ihrer Aussage unabhängigen Wissenschaftlern dazu vor. Sie kritisieren mehrere Punkte in dem Beitrag, den die Projektgesellschaft Deges im Auftrag des Landes erstellte. Laut einer Pressemitteilung weisen Wissenschaftler vor allem auf weiterhin fehlende Daten hin. Ein besonders kritisch gesehener Punkt sind die Folgen des Brückenbaues im Gleental für die Wasserförderung. Während des Baues müssen Förderbrunnen des Versorgers ZMW abgeschaltet werden. „Die Diskussion über die Kompensation der wegfallenden Wasserförderung aus den Brunnen des ZMW, die im Rahmen der Bauarbeiten zeitweise außer Betrieb genommen werden müssen, fehlt ebenso vollständig“, heißt es in dem Kommentar. „Wald statt Asphalt“ fordert ein Moratorium bis zur Klärung.