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Ostkreis Über Bracht geht die Sonne auf
Landkreis Ostkreis Über Bracht geht die Sonne auf
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11:58 31.05.2021
Für Juli sind Veranstaltungen zum Thema „Solardorf Bracht“ geplant – dann sollte die Sonne auch wieder etwas mehr scheinen als dieser Tage.
Für Juli sind Veranstaltungen zum Thema „Solardorf Bracht“ geplant – dann sollte die Sonne auch wieder etwas mehr scheinen als dieser Tage. Quelle: Michael Rinde
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Bracht

„Es geht weiter und uns gibt es noch“, lautet eine Botschaft des Arbeitskreises Solarenergie Bracht – dessen Mitglieder in den vergangenen zwei Jahren seit der ersten Präsentation ihre Pläne alles andere als untätig waren. In Zusammenarbeit mit der Stadt Rauschenberg, dem Hessischen Wirtschaftsministerium, der Landesenergie-Agentur und der Uni Kassel haben die Brachter ihr deutschlandweit einzigartiges Vorhaben, mit dem sie Bracht und Bracht-Siedlung über Solarwärme beheizen wollen, weiterentwickelt, sodass es nicht mehr nur ein tolles Projekt ist, sondern sich nun auch rechnet, wie Bürgermeister Michael Emmerich betont.

Weitere Dinge sind vorgesehen

Dabei gab es einige zentrale Veränderungen: Die Versorgung ausschließlich über Sonnenenergie ist vom Tisch. Stattdessen sind nun auch der Bau einer Wärmepumpe und eines Blockheizkraftwerkes vorgesehen – was zur Folge hat, dass der saisonale Energiespeicher kleiner ausfallen kann.

Die Investitionskosten sinken dadurch um 30 Prozent, sodass sie nun knapp unter zehn Millionen Euro liegen. Der Anteil erneuerbarer Energien betrage aber immer noch 85 Prozent, heben die Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft Solarwärmeversorgung in einem Flyer hervor. Die CO2-Emissionen bei der Wärmeversorgung würden so in Bracht um 80 Prozent reduziert.

Kleineres Solarthermiefeld

Außerdem rechnen die Brachter nun mit einem Solarthermiefeld mit einer Größe von 9.300 Quadratmetern (statt zuvor 14.300 Quadratmetern) sowie einem Saisonalspeicher mit einer Größe von 16.600 statt zuvor 60.100 Kubikmetern. Besonders wichtig: Die beiden einst angedachten, rund 30 Meter hohen und damit ortsbildprägenden Edelstahlbehälter gehören der Geschichte an.

Geplant wird nun mit einem Grubenspeicher dänischer Bauart. „Es geht also in die Erde“, erklärt Emmerich. Der geplante Speicher ist mit einer Folie ausgekleidet und wird mit Wasser gefüllt, zudem befindet sich auf der Oberseite eine schwimmende Wärmeisolierung. Dies sei in Dänemark Stand der Technik, betonen die Brachter: Die Wärmeverluste seien aufgrund der Speichergröße und -geometrie trotz des geringen Einsatzes von Dämmmaterial niedrig.

Einzigartiges Konzept in Deutschland

Für Emmerich ein besonderes Schmankerl: Das sozusagen aus den Dörfern von den Brachtern rücklaufende Wasser wird in der geplanten Anlage in einer Wärmepumpe nochmal aufgearbeitet: „So lassen sich noch zusätzliche Kilowattstunden rausziehen“, stellt der Bürgermeister heraus, der sich schon vor seiner Zeit als Rathauschef als eine Triebfeder der Josbacher Bioenergiegenossen einen Namen als Anhänger regenerativer Energien gemacht hatte. Als Backup zur Solarenergie ist ein Holzkessel geplant.

Dass nun ein „einzigartiges und umsetzungsreifes“ Projekt vorliege, sei Resultat der hervorragenden Zusammenarbeit der Partner, freut sich ein Mitglied des Arbeitskreises: „Die geballte Unterstützung hat sich mehr als gelohnt.“ Entstanden sei ein deutschlandweit einzigartiges Konzept – im Vergleich zu Anlagen in Dänemark, in denen die Solarfelder weit größer wären, sei es allerdings noch recht klein, gibt er lachend zu und berichtet, dass es in Bracht schon eine „Energieberatung light“ gegeben habe.

Wärmepreis von 11 bis 13 Cent pro Kilowattstunde

Die Erkenntnis: „Das Einsparpotenzial in den Häusern ist relativ gering. Einfach verglaste Fenster gibt es beispielsweise nicht mehr. Einige Hauseigentümer bekamen den Tipp, Dach und Keller zu dämmen. Es ist schön, dass solche Teilerfolge quasi schon jetzt ein Ergebnis unseres Vorhabens sind.“

„Langfristige Preisstabilität, höhere Versorgungssicherheit sowie größere Unabhängigkeit vom Energiemarkt“ versprechen die Solardorf-Planer ihren Mitbürgern und kündigen einen Wärmepreis von 11 bis 13 Cent pro Kilowattstunde an. Es gebe aber beispielsweise auch keine Wartungs-, Instandsetzungs- und Versicherungskosten für die Haushalte. Und je mehr Menschen mitmachten, umso günstiger und ökologischer werde das Gesamtprojekt – was Emmerich zu dem Hinweis verleitet, dass in Bracht Siedlung 40 bis 50 Häuser angeschlossen werden müssten, bisher seien aber erst 40 eingeplant. „Durch das neue Baugebiet erreichen wir unser Ziel bestimmt“, hofft er.

50 Prozent Förderung

Der Arbeitskreis stellt noch heraus, dass Hauseigentümer für alle Kosten, die in Zusammenhang mit einem Nahwärmeanschluss anfallen, bis zu 50 Prozent Förderung bekommen können. Apropos Förderung: Die Brachter rechnen mit einer Förderung ihres Gesamtvorhabens in Höhe von 65 Prozent – einem Mix aus Bundes- und Landesmitteln.

„Hessen hat sich das Ziel gesetzt, seinen Energiebedarf vom Jahr 2050 an vollständig aus erneuerbaren Quellen zu decken. Derzeit wenden wir etwa zwei Fünftel unserer Energie für das Heizen und den Warmwasserbedarf unserer Gebäude auf“, erklärt Wolfgang Harms, Pressesprecher des Wirtschaftsministeriums. Warum das Projekt interessant sei: „Neben der energetischen Sanierung lassen sich Gebäude auch durch die Umstellung ihrer Energieversorgung CO2-neutral machen, was gerade im ländlichen Raum eine Alternative sein kann.

Verminderung des CO2-Ausstoßes

Das Projekt in Bracht bietet Gelegenheit, praktische Erfahrungen mit dieser Methode zu sammeln und den CO2-Ausstoß der ganzen Siedlung drastisch zu vermindern.“ Und 65 Prozent sei die maximal mögliche Förderung.

„Wir haben die grüne Ampel“, freuen sich die Mitglieder des Arbeitskreises und kündigen an, dass am Freitag, 9. Juli, ab 19 Uhr in der Brachter Mehrzweckhalle eine Infoveranstaltung stattfinden soll. Für Donnerstag, 15. Juli, ist dann ebenfalls um 19 Uhr die Gründung der Genossenschaft vorgesehen – natürlich immer unter dem Vorbehalt, dass die Corona-Pandemie Veranstaltungen dieser Art keinen Strich durch die Rechnung macht.

Von Florian Lerchbacher

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