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Ostkreis Teenies müssen ihren Wald-Parcours abbauen
Landkreis Ostkreis Teenies müssen ihren Wald-Parcours abbauen
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15:58 22.04.2021
Noah (links) und Philipp zeigen vor ihren Freunden, was sie auf den beiden kleinen Rampen draufhaben. 
Noah (links) und Philipp zeigen vor ihren Freunden, was sie auf den beiden kleinen Rampen draufhaben.  Quelle: Foto: Florian Lerchbacher
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Stadtallendorf

Mit Schwung kommen Noah und Philipp einen kleinen Trampelpfad herabgeschossen, jagen vor den Augen ihrer sieben Freunde beinahe parallel mit ihren Mountainbikes über zwei Rampen, heben ab, fliegen ein paar Meter und legen auf dem weichen Waldboden eine sichere Landung hin. Stundenlang könnten sie sich auf ihrer selbstgebauten Schanze vergnügen, die sie in mühevoller Kleinarbeit gemeinsam erbaut haben. Doch am Samstag ist Schluss damit: Das Forstamt hat mitgeteilt, dass der kleine, nicht genehmigte „Trail“ weg muss.

Anfang des Jahres hatten die neun Elf- und Zwölfjährigen angefangen, sich in der Nähe des Eulenweges und der frisch geschlagenen Autobahnschneise ihren kleinen Parcours aufzubauen. Eigentlich fegten sie dafür nur einen Trampelpfad frei und bastelten sich aus im Wald gefundenen Materialien kleine Hindernisse und eben die Schanze. Vorbeigehende Passanten, die entweder auf einen parallelen Trampelpfad auswichen oder kurz durchs Laub stapften, fragten die Jungs sogar, ob sie ihre Anlage stören würden. Die Antwort sei stets nein gewesen, viele hätten sich insbesondere die Rampe sogar angeschaut und Fotos gemacht. Persönlich bei ihnen beschwert habe sich niemand.

Eines Tages jedoch kam das Ordnungsamt vorbei – und wenige Tage später bekam Sabine Nitz Post vom Forstamt und bekam ein Schreiben überreicht mit dem Hinweis, dass die beiden Jungs und deren Freunde den illegalen Trail bis zum Samstag abbauen müssen. Als sei die Zeit für Kinder nicht schon schwer genug, betont die Mutter und ärgert sich, dass Kinder, die im Gegensatz zu vielen Altersgenossen die Corona-Pandemie nicht nur am PC, sondern in der Natur verbringen würden, nun auch auf diesen Spaß verzichten müssen: „Das kann doch eigentlich niemanden stören. Dort ist nichts los, es gibt Ausweichmöglichkeiten für Spaziergänger und nur wenige hundert Meter entfernt wurde der Wald für die Autobahn gerodet.“ Naturschutz sei an dieser Stelle schlicht kein sinnvolles Argument, moniert sie und fragt: „Kann es denn nicht mal einen kleinen Corona-Bonus für Kinder geben?“

Nein, kann es nicht. „Es tut mir leid, aber der Trail muss weg“, sagt Alexander Wolf, Revierleitung Stadtallendorf bei Hessen Forst, auf Nachfrage dieser Zeitung. Er könne sehr gut verstehen, wie traurig die Kinder über seine Nachricht seien: „Aber es bleibt mir nichts anderes übrig“, betont er und führt Haftungsfragen und die Verkehrssicherung an. Das Ordnungsamt der Stadt Stadtallendorf hatte einen Hinweis bekommen. „Wir wurden gefragt, ob es in Ordnung sei, dass die Kinder im Wald einen Parcours aufgebaut haben“, sagt Leiter Marco Sommer. Seine Abteilung habe sich daraufhin vor Ort kundig gemacht und dann die zuständige Behörde informiert. „Auch wenn es gut ist, dass die Kinder draußen an der frischen Luft sind, beim Fahrradfahren Abstand zueinander halten und sich ein bisschen abreagieren können – wir müssen in so einem Fall trotzdem reagieren.“

Wolf schrieb daraufhin einen anderthalbseitigen Brief, in dem er die Gründe für die Anweisung erläutert. Darin führt er an, dass der Wald nicht Erholungsgebiet sei, sondern auch Arbeitsplatz und Lebensraum von Wildtieren: „Daher gilt es, Rücksicht aufeinander zu nehmen und sich an gewisse Regeln zu halten. Gerade das Radfahren abseits der erlaubten Wege wird zu einem immer größeren Problem.“ Daher fordere er die Familie Nitz auf, ein Loch im Weg wieder zu stopfen und die Rampen zurückzubauen: „Die Ralleystrecke birgt ein Risiko für alle anderen Waldbesucher.“ Außerdem sei das Waldgebiet eine sogenannte „Naturwaldentwicklungsfläche“, die Lebensraum für viele Arten sei, die durch das Fahren abseits der Wege gestört würden. Des Weiteren gebe es viele bodenbrütende Vogelarten, die von ihren Nestern aufgeschreckt werden könnten.

Wolf erinnert daran, dass es in Marburg und Burgholz Flächen gebe, auf denen Mountainbiker Trails anlegen und ihrem Sport nachgehen können. Das wissen auch die neun Jungs – für die eine Fahrt dorthin aber natürlich mit viel mehr Aufwand verbunden ist, als einfach im an ihren Wohnort angrenzenden Wald ein wenig durch die Natur zu düsen.

Von Florian Lerchbacher