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Ostkreis Die Füllstelle von Hitlers Raketen
Landkreis Ostkreis Die Füllstelle von Hitlers Raketen
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20:23 12.09.2021
Jörg Probst vom DIZ Stadtallendorf informiert die Besucher der Füllstelle, wo sie sich in dem einst riesigen Komplex der Munitionsherstellung in Stadtallendorf gerade befinden.
Jörg Probst vom DIZ Stadtallendorf informiert die Besucher der Füllstelle, wo sie sich in dem einst riesigen Komplex der Munitionsherstellung in Stadtallendorf gerade befinden. Quelle: Gianfranco Fain
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Am Tag des offenen Denkmals am Sonntag (12. September) nutzten unzählige Besucher die Möglichkeit, in sonst nicht zugängliche Gebäude zu blicken. Während die zentrale Eröffnungsfeier für Hessen mit rund 40 Gästen schon am Samstag im Hof des Kunstmuseums der Philipps-Universität Marburg stattfand, wo die Hessische Ministerin für Wissenschaft und Kunst Angela Dorn sprach, gewährten am Sonntag viele Vereine und Initiativen ihren Gästen einen Einblick in die geschützten Gebäude.

Zum Beispiel in Stadtallendorf, wo die ehemalige Füllstelle zur Produktion von Kriegsmunition aller Art geöffnet war. Dort führten Hans-Jürgen Wolff und Dr. Jörg Probst unerwartet mehr Interessenten durch die in der Zeit der Nazi-Diktatur errichteten Anlagen. Statt der 20 angemeldeten kamen mehr als 120 Menschen zu den Führungen, berichtet Probst.

Die bekamen in den nicht gesprengten Teil der weitläufigen Anlagen einen Eindruck über den Umfang der Sprengstoff- und Munitionsproduktion in der Zeit der Nazi-Herrschaft. Das besondere an der Füllstelle B war, dass dort auch die dem deutschen Volk von den Kriegstreibern verhießenen Wunderwaffen mit Sprengstoff gefüllt wurden. Dazu ließen sie die in Peenemünde auf der Ostseeinsel Usedom produzierten V1- und V2-Raketen auf Zügen nach Hessen transportieren.

So sahen die Gebäude der Füllstelle von Geschossen mit Sprengstoff in Stadtallendorf zu Kriegszeiten aus. Quelle: Gianfranco Fain

Der im Jahr 1944 in Betrieb genommene Komplex im weitläufigen Wald bei Allendorf wurde extra für diesen Zweck nach neuen und modernen Funktionsbedingungen errichtet. Die Nutzer der nicht gesprengten Gebäude in der Nachkriegszeit veränderten die bunkerähnlichen Anlagen zwar in einigen Punkten, die Produktionsverfahren lassen sich jedoch noch an der Architektur nachvollziehen.

Durch die Löcher in der Decke wurde aus dem oberen Stockwerk der Sprengstoff abgelassen und füllte die Geschosse. Quelle: Gianfranco Fain

So wurden die Raketenteile und Granaten auf Schienen am Boden oder an der Decke durch das Gebäude transportiert. Durch große Löcher in den Decken wurde das Sprengstoffgemisch aus dem Obergeschoss abgelassen und eingefüllt, die Geschosse danach zum Abkühlen in Lager gebracht. Diese weisen noch Öffnungen in den Decken auf, aus denen die Hitze und auch giftige Gase nach draußen entwichen.

Lange Gänge und Betonpfeiler kennzeichnen die Gebäude der Füllstelle in Stadtallendorf. Quelle: Gianfranco Fain

Der weitläufige Komplex aus mehreren Gebäuden, die durch lange Gänge verbunden waren, sind ebenerdig gebaut. Die vielen für den Fall einer Explosion angelegten Notausgänge für die freiwilligen deutschen, Fremd- sowie auch Zwangsarbeiter ließen vermutlich die Legende einer unterirdischen Bunkeranlage entstehen.

Mit Putz und Farbe verschönert, wirkt dieses Gebäude der ehemaligen Füllstelle freundlicher als zu Kriegszeiten. Deutlich zu erkennen ist die Bunker-Bauweise mit Betonständern, dicken Betondächern und einer Dachbegrünung zur Tarnung. Quelle: Gianfranco Fain

Von Gianfranco Fain