Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Ostkreis Testpflicht sorgt für Verwirrung
Landkreis Ostkreis Testpflicht sorgt für Verwirrung
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
14:00 26.11.2021
Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Gesundheitseinrichtungen müssen regelmäßig Corona-Antigen-Tests machen. (Themenfoto)
Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Gesundheitseinrichtungen müssen regelmäßig Corona-Antigen-Tests machen. (Themenfoto) Quelle: Matthias Balk
Anzeige
Stadtallendorf

Viele Ärztinnen und Ärzte und ihr Praxispersonal arbeiten angesichts der Corona-Pandemie schon lange am Limit – deshalb hat ein Passus im geänderten Infektionsschutzgesetz für Aufregung gesorgt. Demnach müssen in Praxen und anderen Gesundheitseinrichtungen seit Mittwoch Arbeitgeber, Beschäftigte sowie Besucher einen tagesaktuellen Corona-Antigen-Schnelltest vorlegen – auch, wenn sie geimpft oder genesen sind. Nur Patientinnen und Patienten sollten von der Testpflicht ausgenommen sein. Eine Regelung, die angesichts der Knappheit von Schnelltests schwer umsetzbar ist – und die offenbar auch unterschiedlich ausgelegt werden kann. „Wenn man das eins zu eins umsetzt, machen am besten alle die Praxen zu“, sagte der Stadtallendorfer Hausarzt Ortwin Schuchardt, Sprecher der Ärztegenossenschaft Prima. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass der Gesetzgeber die Tragweite bedacht hat.“

Für Verwirrung sorgte zum einen die Bezeichnung „Besucher“. Am Mittwoch schlug der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte Nordrhein-Westfalen Alarm: Er verstand die Regelung so, dass alle Eltern getestet werden müssten, die Kinder in die Arztpraxen begleiten. Ein Sprecher des Bundesgesundheitsministeriums stellte daraufhin klar, Begleitpersonen seien nicht gemeint.

Trotzdem ist da noch die tägliche Testpflicht für das Personal. „Die Helferinnen müssten sich täglich selbst testen und dann mitteilen, dass sie sich getestet haben“, erläuterte Schuchardt. „Das müssen wir dann alle zwei Wochen an die zuständige Behörde melden.“ Alternativ sind auch zwei PCR-Tests pro Woche möglich. Wenn diese tägliche Testpflicht auch für geimpfte Beschäftigte gilt, ist das für die Arztpraxen aufwendig und teuer. Bislang bekommen sie nämlich nur die Kosten für monatlich zehn Corona-Schnelltests pro Person erstattet. Hinzu kommt das Problem der Beschaffung: Wie die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) gestern in den „Praxisnachrichten“ auf ihrer Internetseite schrieb, komme es „offenbar bereits zu Engpässen bei der Verfügbarkeit von Tests“. Schuchardt wundert das nicht, schließlich würden jetzt auch in anderen Unternehmen durch die 3-G-Regel am Arbeitsplatz mehr Schnelltests benötigt – dort allerdings für ungeimpfte Beschäftigte, in den Praxen laut Gesetz auch für geimpfte. Inzwischen zeichnet sich allerdings ab, dass möglicherweise in den Praxen nicht alles so heiß gegessen werden muss, wie es SPD, Grüne und FDP im Bundestag gekocht haben. Nach Angaben der KBV haben Hamburg und Baden-Württemberg die Umsetzung der täglichen Testpflicht bereits gestoppt. „Hessen arbeitet meines Wissens an einer vergleichbaren Lösung“, teilte Karl M. Roth, Abteilungsleiter Kommunikation der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen, auf OP-Anfrage mit.

Viel „Kuddelmuddel“

Die Gesundheitsminister der Länder forderten vom Bund gestern einstimmig eine Korrektur des neuen Infektionsschutzgesetzes, da die tägliche Testung „zu unzumutbaren Belastungen der durch die Pandemie ohnehin schon belasteten Bereiche“ führe. Für geimpfte und genesene Beschäftigte sei eine Testung zweimal wöchentlich mittels Selbsttest ausreichend. Die Kassenärztliche Vereinigung Hessen bewertet die tägliche Testpflicht inzwischen als „redaktionellen Fehler“. „Das bedeutet für Sie und Ihre Praxen: Es ist ausreichend, Ihr Praxispersonal zweimal pro Woche zu testen und dafür PoC-Antigentests zu verwenden“, heißt es in einem Schreiben an ihre Mitglieder. „Voraussetzung ist allerdings, dass es sich um vollständig geimpftes oder genesenes Personal handelt. Ungeimpftes Personal muss täglich getestet werden.“

Also viel Lärm um nichts, doch weiterhin nur zwei Tests pro Woche? Kann die KBV oder ein Bundesland eine Regelung aus dem Bundesgesetz kippen? Die Verwirrung bei den Betroffenen ist groß. Und das in einer Zeit, wo die Praxen sowieso doppelt belastet sind: „Gegen das, was im Moment hier abgeht, war die Situation im Frühjahr, als wir mit den ersten Impfungen angefangen haben, ein Zuckerschlecken“, sagte Schuchardt. Zu den Booster-Impfungen kommen notwendige Corona-Tests bei Patientinnen und Patienten, Grippe-Impfungen und eine Welle von Erkältungskrankheiten. „Das macht alle zunehmend mürbe“, sagte er. Von der Politik hätte er sich deshalb gewünscht, dass sie beim Thema Corona nicht so viel „Kuddelmuddel“ macht – und vor Neuregelungen mit Ärztevertretern spricht.

Von Stefan Dietrich

Ostkreis Vandalismus - Autos zerkratzt
24.11.2021