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Ostkreis Täglich grüßt der Waldbesetzer
Landkreis Ostkreis Täglich grüßt der Waldbesetzer
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08:29 12.11.2020
Quelle: Nadine Weigel
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Dannenrod

Schon frühmorgens wurde von den Bäumen herunter gesungen: Passend zum Faschingsbeginn am 11.11 schmetterten die Autobahngegner auf die Melodie von Viva Colonia ihre Hymne: „Da sind wir dabei für das Kli(-hi-)ma, Waldbesetzungsge(-he-)gner, wir gehen in den Wald und auf die Bäume ruff und sehen wir ’nen Harvester, dann springen wir da druff.“

Polizeieinsatz im Dannenröder Forst - Tag 2

Doch lange war den Baumbesetzern nicht nach singen zumute. Gegen 8 Uhr morgens rückten die ersten Hundertschaften der Polizei an, um das wegzuräumen, was die Autobahngegner nachts wieder hingeräumt hatten. Meterhohe Barrikaden aus Bäumen, Schrott und Müll. Tag zwei des Polizeieinsatzes im Dannenröder Forst glich schon den Einsätzen im Herrenwald und in Maulbach: Tagsüber räumen die Polizeikräfte weg, nachts die Autobahngegner wieder hin. Eine Sisyphusarbeit. „Nachts können wir die geräumte Strecke nicht bewachen, weil wir dafür noch mehr Einsatzkräfte vor Ort und Technik bräuchten, um das dementsprechend schützen zu können“, erläutert Polizeisprecher Jochen Wegmann auf Nachfrage der OP. In der Dunkelheit im Wald seien die Polizeibeamten „möglichen Angriffen schutzlos ausgeliefert“ und diese Gefahr wolle man nicht eingehen, so Wegmann.

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Vermummte versuchen Polizeikette zu durchbrechen

Also fing die Polizei gestern genau dort wieder an, wo sie am Dienstagabend im Dannenröder Forst aufgehört hatte: Sie räumte im Norden des Forstes Wege frei, im Süden gingen die Arbeiten an einer Art Logistikzentrum weiter. Das ist eine unter anderem mit Bauzäunen geschützte Fläche, auf der in ganz naher Zukunft die Baumfällmaschinen und Ausrüstung der Polizei stehen sollen.

Autobahngegner hatten die Nacht genutzt und teilweise dort neue Barrikaden errichtet, wo die Polizei sie am „Tag X“, dem Auftakt des Einsatzes im Dannenröder Forst, weggeräumt hatte. Auch zwei neue Tripods fanden sich auf den Wegen. Das sind dreibeinige Gestelle, meist aus Holzpfählen errichtet, in deren Mitte sich dann A -49-Gegner hängen. Für die Spezialkräfte der Polizei sind gerade diese Tripods eine Herausforderung.

Es kam auch gestern wieder vereinzelt zu Zwischenfällen: Eine Frau versuchte laut Polizei, aus dem Korb einer Hebebühne in ein darunter aufgebautes Sprungkissen zu springen. Polizisten hinderten sie daran. Am Boden angekommen, leistete sie Widerstand, wofür sie eine Anzeige erhielt.

Wenig später, ebenfalls im Norden des Dannenröder Waldes, versuchten drei Vermummte, eine Polizeikette zu durchbrechen, was ihnen misslang. Sie bekamen lautstarke Unterstützung von 25 Sympathisanten. Beamte setzten Schlagstöcke gegen die drei Vermummten ein. Auch in diesem Fall leitete die Polizei Ermittlungsverfahren ein. Überall hingen auch gestern Menschen in den Bäumen oder befanden sich in Baumhäusern in luftiger Höhe, wo sie von Spezialkräften runtergeholt wurden (rundes Foto). Zum Teil kletterten die Baumbesetzer in schwindelerregende Höhe – ungesichert – und brachten sich so selbst in Lebensgefahr. Gefährlich war auch das, was die Polizei im Wald gefunden hatte: ein Nagelbrett mit Nägeln nach oben sowie Stahlbolzen in Bäumen.

Bevor die Polizei die Höhenretter mit Hebebühnen in die Luft bringt, gibt es grundsätzlich eine Ansprache an die jeweiligen Besetzer in Baumhäusern, auf Plattformen oder auch in Tragegurten und Hängematten. Darin werden die Betroffenen zum Aufgeben aufgefordert. Dabei nennen die Beamten per Megafon auch die Grundlage für die Räumung: die Allgemeinverfügung des Vogelsbergkreises und den Paragrafen 16 des Waldgesetzes.

Gestern gab es auch den deutlichen Hinweis, dass die Polizei prüfen werde, ob die Baumbesetzer die Kosten dafür zu zahlen hätten, wenn Beamte sie aus dem Baum holten. Das sei keine neue Linie, betont ein Polizeisprecher auf Nachfrage. „Es wird geprüft, ob wir die Einsatzkosten und die Kosten für die Rettungskräfte den jeweils Verantwortlichen in Rechnung stellen können“, so der Sprecher. Ob das erfolgreich sei, müsse sich in jedem Einzelfall zeigen.

Von Nadine Weigel und Michael Rinde