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Ostkreis Riskanter Protest
Landkreis Ostkreis Riskanter Protest
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20:33 24.11.2020
Eine ungesicherte Baumbesetzerin rutschte von ihrer Schaukel und konnte sich aus eigener Kraft nicht mehr halten. Sie überstand den Sturz aus geringer Höhe auf den feuchten Waldboden völlig unbeschadet. Quelle: Nadine Weigel
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Dannenrod

Das Camp-Räumen im Dannenröder Wald geht weiter voran. Im Fokus stand gestern noch einmal das Baumhausdorf „Morgen“ im Süden des Forstes. Dabei kam es zu gleich zwei selbst verursachten Unfällen von Waldbesetzern. Am Vormittag rutschte eine junge Frau von einer selbstgebauten Schaukel, die in etwa drei Metern Höhe in einer Traverse hing. Sie konnte sich nur kurz mit beiden Händen festhalten, bis sie mit den Füßen voraus nach unten stürzte. Gesichert war sie nicht. Glücklicherweise blieb sie völlig unverletzt.

An anderer Stelle, so berichtete die Polizei auf Twitter, riss ein Befestigungsseil einer sogenannten Nestschaukel, als sich ein Mensch hineinsetzen wollte. Er habe sich an den Baum geklammert und so seinen Absturz verhindert. Bereits am Montag hatte die Polizei in einem Appell auf die Gefährlichkeit einiger Konstruktionen hingewiesen. Glimpflich ging eine anders gefährliche Aktion aus, von der die Polizei am späten Nachmittag berichtete. Ausbaugegner hätten einen Sicherungskarabiner von Einsatzkräften während einer laufenden Räumung in der Höhe gelöst. Die Ermittlung der Tatverdächtigen sei eingeleitet, so die Polizei.

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Andere Funde waren gestern erneut alarmierend. Die Polizei berichtet, dass sie angespitzte Moniereisen, die schräg in den Waldboden eingetrieben waren, entfernt hätten.

Außerdem hätten die Beamten in einem Fass, verborgen in einem Erdloch nahe einem Camp, gefährliches Material gefunden: Zwillen, Beutel mit Stahlkugeln und Feuerwerkskörper. Beschossen wurden die Beamten gestern auch, glücklicherweise „nur“ mit einer graubraunen Pampe, die sich später als „Brei mit Nüssen“ herausstellte. Diesen feuerten zwei Ausbaugegnerinnen von ihrem Baumhaus herunter auf die Beamten, die Schutz unter ihren Schilden suchten. Zuvor hatten die beiden Ausbaugegnerinnen Rauchbomben und Pyrotechnik in ihrem selbst gezimmerten Zuhause gezündet, damit aber nur sich selbst eingenebelt.

Weiter Streit um Baurecht

Politisch haben die Waldbesetzer und das Bündnis „Wald statt Asphalt“ für sich neue Hoffnungen geschöpft, wie sie selbst sagen. Der Grund sind Einschätzungen der Umweltschutzorganisation BUND. Die hatte sich am Montag in einer Presseerklärung zur Urteilsbegründung des Bundesverwaltungsgerichts geäußert. Im Sommer hatte das Gericht eine Klage des BUND gegen das A-49-Baurecht abgewiesen. Im Fokus stand unter anderem die EU-Wasserrahmenrichtlinie. Der BUND sieht nach Erhalt der Urteilsbegründung Hessens Verkehrsminister Tarek Al-Wazir (B 90/Die Grünen) in der Pflicht. Der solle einen Rodungsstopp anordnen (die OP berichtete) und ein Planergänzungsverfahren mit Öffentlichkeitsbeteiligung in Gang bringen. All das, um etwaige Mängel in wasserrechtlicher Hinsicht zu beseitigen. Das Ministerium hatte prompt reagiert und klargestellt, dass das Gericht das Baurecht für die A 49 im Urteil bestätigt hatte. „Wald statt Asphalt“ sprach gestern von Rechtsbruch von CDU und Grünen.

Einen generellen Rodungsstopp an Wochenenden wird es wohl allem Anschein nach nicht geben. Das stellte gestern die Projektgesellschaft Deges auf Nachfrage der OP klar. Deges ist für die Bauvorarbeiten verantwortlich. Bereits zu Beginn der Arbeiten hätten Polizei und Deges Rodungen und Räumungen an Wochenenden vereinbart. Grund sei die besondere Situation im Dannenröder Forst. „Wie dies an den kommenden Wochenenden gehandhabt wird, werden Polizei und Deges jeweils im Lauf der Woche und abhängig vom aktuellen Geschehen festlegen“, erklärte Sprecherin Pia Verheyen auf Nachfrage der OP.

In den vergangenen Tagen ist die im Süden des Forstes entstandene Schneise für die A-49-Trasse mit Metall-Bauzäunen eingezäunt worden. Auf den Zäunen befindet sich Nato-Draht. Jene Schneise zieht sich bis zum Logistikzentrum von Rodungsfirmen und Polizei.

Wie ein Polizeisprecher der OP erläuterte, ist offenbar in Planung, auch den weiteren Verlauf der Trasse entsprechend abzusichern. Die Trasse durch den Dannenröder Wald ist knapp drei Kilometer lang. Es handle sich um eine aktuelle Maßnahme, erklärt dazu Deges, Kosten hierfür könnten nicht genannt werden.

Von Nadine Weigelund Michael Rinde