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Ostkreis Streit dauert an
Landkreis Ostkreis Streit dauert an
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15:58 21.06.2021
Aus dem „Earth-Song“ von Michael Jackson stammt die Liedzeile „Did you ever stop to notice the crying Earth, that weeping Shore“, die auf einem Schild im Garten eines von Aktivisten bewohnten Hauses in Dannenrod steht.
Aus dem „Earth-Song“ von Michael Jackson stammt die Liedzeile „Did you ever stop to notice the crying Earth, that weeping Shore“, die auf einem Schild im Garten eines von Aktivisten bewohnten Hauses in Dannenrod steht. Quelle: Boris Roessler/dpa
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Homberg/Ohm

Seinen Start ins Berufsleben hatte sich Alexander Starck eigentlich beschaulicher vorgestellt. Seit vier Jahren ist er als evangelischer Pfarrer für die Gemeinden Maulbach, Appenrod und Dannenrod zuständig – drei Vogelsberg-Dörfer, die wochenlang das Zentrum der Proteste gegen die Rodungen für den Weiterbau der Autobahn 49 in Mittelhessen bildeten und dadurch bundesweit bekannt wurden. In der heißen Phase der Räumungen war Starck „gefühlt täglich“ im Dannenröder Forst, wie er sagt. Er hat Gespräche mit Waldbesetzern, Anwohnern und Polizisten geführt, dabei vermittelt, geschlichtet und gemahnt – so lange, bis er selbst an die Belastungsgrenze geriet.

Inzwischen sind die meisten Aktivisten längst weitergezogen, und auch die Polizei lässt sich nur noch selten dort blicken. Doch Starcks Sorgen um den Dorffrieden sind geblieben, denn unter der Oberfläche schwelt der Dauerkonflikt um die A 49 weiter, wie der Pfarrer sagt. „Jede Diskussion wird im Keim erstickt, weil man nicht mehr miteinander, sondern nur noch übereinander redet.“

Starck selbst macht keinen Hehl daraus, dass er kein Freund des Verkehrsprojektes ist – und doch wünscht sich der 37-jährige Familienvater mehr konstruktive Auseinandersetzung statt gegenseitiger Beschimpfungen via Twitter, Facebook & Co.

„Im Internet ist die Gefahr einfach groß, dass man sich schnell emotional mitreißen lässt“, sagt Starck. Dass der Streit auf solchen Plattformen ausgetragen wird, habe auch viel mit der Corona-Pandemie zu tun, die persönlichen Austausch zusätzlich erschwert habe.

„Es fehlte die Möglichkeit, sich zu treffen, es gibt keine Feste, keine Stammtische. Alles, was auf dem Dorf sonst funktioniert, um sich auszusprechen und sich zu vertragen, existiert momentan nicht“, sagt der Pfarrer. „Der Ärger konnte nie verrauchen.“

Genährt wird der Unmut auch von den Auswirkungen der Bauarbeiten. Eine breite Schneise durchzieht inzwischen nicht nur den Dannenröder Forst, in dem schon vergangenen Spätherbst der letzte Baum für den Weiterbau der Trasse fiel, sondern auch die angrenzenden Wiesen und Felder, auf denen die Erdarbeiten für die Autobahntrasse bereits im vollen Gange sind. Baumaschinenlärm übertönt das Zwitschern der Feldlerchen, riesige Staubwolken hängen in der Luft. Vielfach gab es Klagen über die auch nachts mit Flutlicht taghell erleuchtete Baustelle, über die vielen Lastwagen, die über Straßen und Wirtschaftswege rollen, auf denen auch Spaziergänger und Fahrradfahrer unterwegs sind.

In den vergangenen Tagen hatten sich A 49-Gegner deshalb nahe Maulbach mehrfach zu spontanen Versammlungen getroffen und mit Fahrrädern die Weiterfahrt von Baustellenfahrzeugen in der Nähe der Trasse blockiert, wie die Polizei berichtet. Mal hätten sich 20, dann wieder bis zu zehn Menschen daran beteiligt. Hintergrund der Aktionen sind Nutzungsrechte für den Verbindungsweg. Man stehe im engen Austausch mit der Stadt Homberg als zuständige Versammlungsbehörde und der Staatsanwaltschaft und verfolge einen kommunikativen Ansatz, erklärte die Polizei. „Je nach Dauer und Intensität kann eine Blockade – auch im Rahmen einer Versammlung – den Straftatbestand einer Nötigung erfüllen.“

Mit dem Ausmaß der Proteste im Dannenröder Forst sind solche Aktionen nicht vergleichbar. Täglich waren damals im Schnitt mehr als 2 400 Polizisten im Einsatz, um Waldbesetzer aus Baumhäusern und von Barrikaden zu holen. Dabei kam es immer wieder zu Zwischenfällen – wie der, über den derzeit vor dem Amtsgericht Alsfeld verhandelt wird.

Angeklagt ist eine junge Frau, die auf einer Seiltraverse in 15 Metern Höhe einen Polizisten mehrfach ins Gesicht und einmal gegen den Kopf getreten und einem weiteren Beamten ihr Knie ins Gesicht gestoßen haben soll, weshalb ihr tätlicher Angriff auf Vollstreckungsbeamte und gefährliche Körperverletzung zur Last gelegt werden. Die junge Frau lehnt es ab, ihre Identität preiszugeben. Weil ihr Anwalt weitere Beweisanträge angekündigt hatte, hat das Gericht vorsorglich fünf weitere Verhandlungstermine bis Mitte Juli festgelegt (die OP berichtete).

An jedem der bisher vier Prozesstage hatten sich vor dem Amtsgericht Unterstützer versammelt und die Freilassung von „Ella“ gefordert, wie sie die Frau nennen. Noch mehr Aktivisten sollen es am Tag der Urteilsverkündung werden, wie eine Frau sagt, die sich den Namen „Granit“ gegeben hat. In einem Wohnwagen campiert sie in Dannenrod und setzt sich mit anderen dafür ein, ein ehemaliges Gasthaus zu einem „Zentrum für sozialökologische Transformation“ zu machen.

Im Fokus dabei: Die Mobilitätswende, die aus ihrer Sicht auch durch kleine, sehr lokale Maßnahmen umzusetzen wäre – beispielsweise durch den Einsatz von Bürgerbussen, mit denen sich Lücken im öffentlichen Nahverkehr schließen ließen. Aber auch andere Initiativen haben die Aktivisten im Blick – vom gemeinschaftlichen Gemüseanbau bis zu Bildungsangeboten für Kinder.

Nicht jeder im Dorf sieht es allerdings gerne, dass die jungen Leute noch da sind. Für Kritik von Anwohnern hatte etwa ein Klimacamp in Dannenrod im April gesorgt, auch weil es in einer Zeit mit hohen Corona-Infektionszahlen mehrere hundert Teilnehmer in das kleine Dorf zog.

Pfarrer Starck wünscht sich nach den vielen polarisierenden Debatten und Auseinandersetzungen für die Gemeinden auch einmal wieder schöne gemeinsame Erfahrungen - auch wenn er noch keinen „Masterplan“ dafür hat, wie er sagt. Er selbst will der Gegend, die er sich einst auch wegen der ländlichen Ruhe bewusst als Arbeitsort aussuchte, aber weiter treu bleiben. Gerade erst haben ihn die Kirchenvorstände nach Ablauf des Probedienstes zum Inhaber der Pfarrstelle gewählt. Die Herausforderung nehme er gerne an, sagt Starck.

Von Christine Schultze