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Ostkreis Wohratal hält Namen der Opfer wach
Landkreis Ostkreis Wohratal hält Namen der Opfer wach
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19:37 16.03.2022
Künstler Gunter Demnig verlegte 2019 Stolpersteine in Stadtallendorf. Künftig soll der Künstler auch Stolpersteine in Wohra und Halsdorf verlegen.
Künstler Gunter Demnig verlegte 2019 Stolpersteine in Stadtallendorf. Künftig soll der Künstler auch Stolpersteine in Wohra und Halsdorf verlegen. Quelle: Michael Rinde
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Wohratal

Auch in Wohratal verlegt der Künstler Gunter Demnig in naher Zukunft Stolpersteine, um an das Schicksal einstiger jüdischer Mitbürger zu erinnern. Mit einem gemeinsamen Antrag haben dies alle drei Fraktionen des Wohrataler Gemeindeparlaments am Dienstagabend beschlossen – einstimmig! In den damals noch selbstständigen Ortsteilen Wohra und Halsdorf lebten etwa 80 Bürger mit jüdischem Glauben. An sie wird künftig erinnert, wenn alle Voraussetzungen erfüllt sind. Also wenn klar ist, dass die jetzigen Bewohner ihrer früheren Wohnorte wie auch ihre Nachfahren dagegen keine Einwände haben.

Harald Homberger, Fraktionsvorsitzender der offenen Liste Wohratal (OLW), übernahm es stellvertretend für alle, den Antrag zu begründen. Seine Kernaussage: „Wir haben eine Verantwortung gegenüber unseren früheren jüdischen Mitbürgern“. Der wollen die Parlamentarier in Wohratal jetzt gerecht werden, indem sie Namen und Geschichte der geflohenen, der deportieren und von den Nazis ermordeten Juden aus Halsdorf und Wohra sichtbar machen. Das ist der zentrale Gedanke hinter den Stolpersteinen, die Künstler Demnig weltweit verlegt. Wer nach Stuttgart, Stadtallendorf, Kirchhain oder auch nach Riga im Baltikum kommt, begegnet den in den Gehweg eingelassenen Steinen. Stolpersteine liegen immer dort, wo die betroffenen Menschen zuletzt in Freiheit gelebt haben.

In Halsdorf und Wohra gibt es Arbeitskreise, die sich um die Geschichte der einstigen Mitbürger kümmern und auf die Stolperstein-Verlegung schon lange hinarbeiten. Der Arbeitskreis in Halsdorf wird von Klaus-Dieter Engel begleitet, der auch im Gemeindeparlament in Wohratal sitzt. Engel setzt sich schon etliche Jahre mit der Geschichte der jüdischen Mitbürger in Halsdorf auseinander, ist unter anderem Verfasser eines entsprechenden Beitrags in der Ortschronik. In Wohra begleitet Helmut Herrmann, der sich ebenfalls schon lange mit der Historie jüdischer Mitbürger befasst, den entsprechenden Arbeitskreis.

Verein hinterließ Geld für Verlegung

Die Geschichte der jüdischen Familien in beiden heutigen Ortsteilen von Wohratal ist gut dokumentiert. Es gebe eine Fülle an Material, das teils noch gesichtet werden müsse, sagt Engel. So gab es in Halsdorf beispielsweise drei große jüdische Familien mit unterschiedlichen Schicksalen. Während es der Familie Katten einst gelang, in die USA auszureisen, zog die Familie Rosenfeld 1938 weg aus Halsdorf nach Baden-Württemberg. Bertel Rosenfeld wurde im Jugendalter von Stuttgart aus deportiert. Ihre Spur verliert sich im berüchtigten Ghetto Riga. Nachzulesen ist das im Gedenkbuch „Unbekannt verzogen oder weggemacht“ von Barbara Händler-Lachmann und Ulrich Schütt.

Jetzt geht es um die Vorbereitung der Stolperstein-Verlegungen ebenso wie um deren Finanzierung. In Kirchhain etwa wird ein großer Teil der Verlegungen über Spenden an den dortigen Heimat- und Geschichtsverein finanziert. Einen Verein will man in Wohratal angesichts des Aufwandes rund um die Gemeinnützigkeit dafür nicht gründen. Aber einen Spendenaufruf wird es dennoch in Kürze geben.

Wohratals Bürgermeister Heiko Dawedeit gab in der Gemeindeparlamentssitzung schon sein Einverständnis dazu, dafür ein Konto der Gemeinde zu nutzen. Und es ist auch bereits Geld vorhanden. Die Gemeinde hat 2 500 Euro in ihrem laufenden Etat vorgesehen. Außerdem gibt es den Betrag von 1900 Euro, den der Verein „Kultur im Dorf“ bei seiner Auflösung für genau diesen Zweck bereitgestellt hat.

Wann die ersten Stolpersteine in einem der beiden Orte verlegt werden, hängt noch von der Terminfindung mit Künstler Demnig ab. Denn der ist weltweit nachgefragt. Bisher hat er rund 90000 Stolpersteine verlegt, so ist es auf seiner Internetseite nachzulesen. Zugleich gibt der Künstler dort allerdings auch den Hinweis, dass Verlegetermine erst wieder ab Dezember möglich sind.

Von Michael Rinde

16.03.2022
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