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Ostkreis Kampf den Sanierungssünden
Landkreis Ostkreis Kampf den Sanierungssünden
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21:00 18.07.2021
Professor Hans-Jürgen Kaiser, Domorganist und Leiter der Fachstelle "Glocken und Orgeln" im Generalvikariat testete die Orgel in der Stausebacher Kirche.
Professor Hans-Jürgen Kaiser, Domorganist und Leiter der Fachstelle "Glocken und Orgeln" im Generalvikariat testete die Orgel in der Stausebacher Kirche. Quelle: Florian Lerchbacher
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Stausebach

„Handwerklich ist das im Vergleich zum barocken Gehäuse bedauerlich“, so lautet das Urteil von Professor Hans-Jürgen Kaiser, Domorganist und Leiter der Fachstelle „Glocken und Orgeln“ im Generalvikariat, über den Spielschrank der Orgel der Stausebacher Kirche. Insgesamt handele es sich um ein tolles Instrument, das der Waldecker Orgelbauer Daniel Mütze im Jahr 1716 erschaffen hatte, doch die verschiedenen Eingriffe hätten ihm nicht gutgetan – insbesondere nicht jene der 1960er und 1970er Jahre. „Ein Zinnprospekt wäre ideal“, sagt Kaiser über die Pfeifen: „Andererseits funktionieren diese und passen in den Raum – auch wenn sie kein originaler Bestandteil sind. Sie sind auch schon gut 100 Jahre alt, ganz passabel gemacht und sozusagen gewachsener Bestand.“

Rund 180 000 Euro wird die in den kommenden Tagen beginnende Orgelsanierung kosten – auf den Austausch der Pfeifen, der rund 16 000 Euro kosten würde, wird angesichts der Analyse von Experten verzichtet. „Es hat uns viel Mühe gekostet, herauszufinden, was originaler Bestand ist und was nicht“, sagt Dr. Bernhard Buchstab, Leiter des Landesamtes für Denkmalpflege in Marburg. Gehäuse und Windlade seien auf jeden Fall noch von Daniel Mütze gebaut, doch insgesamt entfalte sich hinter dem floral verzierten Prospekt eine bewegte Geschichte: 1872 wurde die Orgel von der Werkstatt Oestreich/Bachrain im Wesentlichen neu gebaut, 1898 erfolgte eine weiterer klangliche Überarbeitung. „Das waren wertige Umbauten – aber Anfang der 1960er erfolgte ein gravierender Eingriff von geringer Qualität“, so der Bezirkskonservator, der entsprechend froh ist, dass die Kirchengemeinde eine fachgerechte Restaurierung anstrebt.

Die Arbeiten übernimmt Orgelbaumeister Andreas Schmidt aus Linsengericht/Altenhaßlau, der im Gespräch mit der OP erklärt, dass Mütze das Instrument an einer ganz anderen Stelle aufgebaut hatte, als sie heute steht. Er plant, dass sie auf der Empore bleibt – aber vom Fenster, das sie derzeit verdeckt, abgerückt wird. Außerdem sollen die Bänke nicht mehr bis an die Orgel heranreichen: „Die Orgel hat eine progressive Lautstärke – aber das kommt nicht raus. Es gibt hier quasi eine akustische Verdeckung.“ Diese solle nach der Sanierung durch das leichte Umstellen verhindert werden: „Dann werden wir eine ganz andere klangliche Präsentation ermöglichen“, freut sich Schmidt. Äußerlich werde es, abgesehen vom Spieltisch, kaum merkliche Veränderungen geben – doch für das Innere sei einiges geplant. So gebe es momentan kein Cis: „Die Taste ist da, die Pfeife aber nicht“, erklärt er und berichtet über die geplante Restaurierung der Bestandteile aus dem 18. und 19. Jahrhundert und die Rekonstruktion der im 20. Jahrhundert aus heutiger Sicht unsachgemäß eingefügten Windanlage und Trakturen.

Die Freude in der Kirchengemeinde über das Projekt sei, auch wenn eine Zeit auf die Orgel verzichtet werden müsse, groß, sagt Jürgen Bromm, der stellvertretende Vorsitzende des Verwaltungsrates, und erinnert daran, dass dies sozusagen der letzte Schritt bei der in den 1980ern begonnenen Kirchensanierung sei. 180 000 Euro kostet die Sanierung. 90 000 Euro gibt es dafür aus dem Denkmalschutz-Sonderprogramm des Bundes, rund 70 000 Euro trägt die Kirchengemeinde (wobei das Bistum etwa 20 000 Euro davon übernimmt). Jeweils 10 000 Euro steuern die Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen und das Landesamt für Denkmalpflege bei. Die entsprechenden Bescheide überbrachten Matthias Haupt, der Geschäftsführer der Sparkassen-Kulturstiftung, Landeskonservator Dr. Markus Harzenetter, der Präsident des Landesamtes, und Buchstab. Seit 20 Jahren gebe es das Programm, über das 152 Orgelsanierungen gefördert wurden, betonte Haupt und erklärte, dass die so geflossenen mehr als 2,1 Millionen Euro eine Anerkennung des örtlichen Engagements seien. Die Kirchen seien Identifikationsorte für die Menschen in den Orten, entsprechend seien die Fördermittel gut angelegtes Geld.

Buchstab hob hervor, dass die Katholische Pfarrkirche Mariae Himmelfahrt in Stausebach ein ganz besonderes Gotteshaus sei, da sie eine spätmittelalterliche Hallenkirche von bemerkenswerter Größe ist. „Die einstige Wallfahrtskirche beeindruckt mit ihrem Inneren mit einem reichen Netz- und Sternengewölbe mit prächtigem Bandelwerk und floralen Stuckaturen“, stellen Stiftung und Landesdenkmalpflege heraus.

Von Florian Lerchbacher