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Ostkreis Wer hat wen angegriffen?
Landkreis Ostkreis Wer hat wen angegriffen?
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20:57 29.04.2021
Ein Richter im Gerichtssaal hält das Strafgesetzbuch (StGB) in der Hand. In Marburg muss sich ein 32-Jähriger vor Gericht verantworten, weil er einen 70-Jährigen angegriffen und bedroht haben soll.
Ein Richter im Gerichtssaal hält das Strafgesetzbuch (StGB) in der Hand. In Marburg muss sich ein 32-Jähriger vor Gericht verantworten, weil er einen 70-Jährigen angegriffen und bedroht haben soll. Quelle: Foto: Oliver Berg/dpa
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Kirchhain

Es muss eine heftige gewaltsame Auseinandersetzung gewesen sein, so viel steht fest. Denn beide Beteiligten hatten anschließend gebrochene Knochen und weitere Verletzungen. Doch wie es genau dazu kam, wer wen attackiert hat – das schilderten der 32 Jahre alte Angeklagte und der 70 Jahre alte mutmaßlich Geschädigte im Kirchhainer Amtsgericht völlig unterschiedlich. Hat der Jüngere den Älteren am 9. Mai 2020 grundlos angegriffen und bedroht, oder hat er sich gegen diesen gewehrt? Das konnte Richterin Andrea Hülshorst am ersten Prozesstag noch nicht klären. Auch auf Modalitäten für eine Einstellung des Verfahrens konnten sich die Prozessbeteiligten nicht einigen. Das Gericht hofft, dass ein weiterer Zeuge zur Klärung des Vorfalls beiträgt.

Der Angeklagte hatte am besagten Samstag seine Mutter in Stadtallendorf besucht. Als der 32-Jährige das Haus gegen 16.20 Uhr wieder verließ, kam es zu der Auseinandersetzung mit dem 70 Jahre alten Nachbarn. Das Verhältnis zwischen beiden Familien war offenbar auch schon vorher schlecht. Doch was löste den Streit aus?

Der 32-Jährige sagte vor Gericht, der Ältere habe ihn beleidigt – er habe derbe Beschimpfungen gegen seinen Glauben geäußert. „Ich habe mich umgedreht und ganz normal gefragt, ob er mich meint.“ Daraufhin habe der Nachbar etwas geschrien und sei ohne Abstand und Maske auf ihn zugekommen. Er habe dann auch „Speichel abbekommen“ und befürchtet, dass er sich infizieren könne, berichtete der Angeklagte. „Ich will nur darauf hinweisen, wir sind in der Pandemie-Zeit“, fügte er hinzu. Nach seiner Schilderung habe der 70-Jährige ihn gepackt und versucht, mit einem Plastik-Gartenstuhl in seine Richtung zu schlagen. Er räumte ein, den Älteren mehrfach geschlagen und gewürgt zu haben – um sich zu wehren. Der Angeklagte bedauerte auf Nachfrage von Richterin Hülshorst, damals nicht einfach dem Streit aus dem Weg gegangen zu sein: „Dann würde ich nicht hier sitzen.“

Angeklagter soll Kontrahenten bedroht haben

Nach der Auseinandersetzung war ein Finger des Angeklagten gebrochen, zudem hatte er Schürfwunden, sein T-Shirt war zerrissen und seine Uhr kaputt. Wegen des gebrochenen Knochens musste er operiert werden und war nach eigener Aussage drei Monate arbeitsunfähig. Auch der 70-Jährige war schwer verletzt – er trug Würgemale, Prellungen an Daumen und Schädel sowie eine Rippenfraktur davon. „Ich konnte acht Wochen keine Luft holen“, erzählte der Zeuge vor Gericht.

Nach seiner Schilderung war die Aggression allein von dem Angeklagten ausgegangen. „Als er gegangen ist, hat er mich aggressiv gefragt, warum ich ihn anschaue“, stellte der 70-Jährige den Hergang dar. „Ich habe eine Handbewegung gemacht, dass er weitergehen soll.“ Emotional und heftig gestikulierend berichtete er weiter: Als er dann aufgestanden sei, habe der Jüngere ihn geschlagen, habe ihn in die Seite getreten, gewürgt und viermal mit der Faust auf ihn eingeschlagen. „Als er meinen Hals gedrückt hat, hat er dreimal wiederholt, dass er mich umbringen werde“, sagte der Rentner. Sein Sohn habe ihn später ins Krankenhaus gebracht.

Richterin Hülshorst hatte den 70-Jährigen zuvor auch darüber belehrt, dass er nichts sagen müsse, womit er sich selbst belaste. Wenn er sich dazu äußere, müsse er aber die Wahrheit sagen. Der Rentner bestritt vor Gericht die vom Angeklagten geäußerten Vorwürfe gegen ihn. So habe er nicht die Religion des Jüngeren beleidigt. „Ich habe mit ihm überhaupt nicht gesprochen“, sagte der 70-Jährige, „und warum sollte ich das sagen? Er versucht sich zu retten.“ Am T-Shirt gezogen habe er den Angeklagten zwar, aber nur, damit dieser ihn nicht mit so viel Kraft würgen kann. Den gebrochenen Finger habe sich der Angeklagte wohl selbst zugezogen, als er mit der Faust zugeschlagen habe. Und mit dem Gartenstuhl habe er auch nicht nach dem Angeklagten geschlagen: „Ich konnte nichts mehr machen, nachdem er mich geschlagen hatte“, sagte der Rentner. Auf Nachfrage des Verteidigers verneinte der Zeuge, dass er im Verlauf der Auseinandersetzung irgendwann einmal den Gartenstuhl in der Hand gehabt habe.

Zwei Zeugen trennten die beiden Streitenden

Genau das schilderte allerdings ein unbeteiligter Zeuge anders. Der 39-Jährige berichtete, er sei durch laute Geräusche vor dem Haus vom Mittagsschlaf erwacht und habe „realisiert, da ist irgendwas faul“. Als er aus dem Fenster schaute, habe er gesehen, dass der 32-Jährige und der 70-Jährige „beide den Gartenstuhl festgehalten haben“. Staatsanwältin Kleiner-Lütgebüter hakte nach, wie es genau gewesen sei: Ob einer der beiden am Boden lag oder ob es „wie ein Kampf zwischen beiden, wo beide ausgeteilt und eingesteckt haben“ ausgesehen habe? Genau so habe es ausgesehen, antwortete der 39-Jährige; er habe gesehen, „dass sie aufeinander losgehen“. Der 70-Jährige räumte daraufhin ein, den Stuhl auch festgehalten zu haben – er habe damit aber nicht schlagen können.

Der 39-jährige Zeuge und ein weiterer Mann trennten damals den Angeklagten und den 70-Jährigen voneinander und beendeten damit die Auseinandersetzung. Doch von dem zweiten Unbeteiligten wusste das Gericht bisher nichts, er war deshalb nicht als Zeuge geladen worden. Er soll nun beim Fortsetzungstermin vernommen werden. Zuvor hatte Richterin Hülshorst auch eine Einstellung des Verfahrens gegen eine Geldauflage ins Spiel gebracht. Darauf konnten sich aber die Prozessbeteiligten nicht einigen. Verteidiger Gerhard Wiegand wollte für seinen Mandanten erreichen, dass die beiden Kontrahenten wechselseitig auf Entschädigungsansprüche gegeneinander verzichten. Der 70-jährige mutmaßlich Geschädigte will darüber jedoch zunächst mit seinem Anwalt beraten.

Von Stefan Dietrich

29.04.2021
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