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Ostkreis Stadtverordnete geben Millionenprojekt nicht auf
Landkreis Ostkreis Stadtverordnete geben Millionenprojekt nicht auf
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11:56 16.09.2021
Zum 27. Januar 2021 hatte die Stadt das DIZ besonders beleuchtet.
Zum 27. Januar 2021 hatte die Stadt das DIZ besonders beleuchtet. Quelle: Florian Lerchbacher
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Stadtallendorf

Die Stadt Stadtallendorf möchte das Dokumentations- und Informationszentrum (DIZ) – die erste und älteste Gedenkstätte in Deutschland, die sich mit Zwangsarbeit auseinandersetzt – erweitern. Beim ersten Anlauf, vom Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung in Bonn Fördermittel für das Millionenprojekt zu erhalten, ist die Kommune gescheitert. Doch sie möchte nicht aufgeben und einen zweiten Anlauf starten. Die Stadtverordneten segneten das ab – mit Ausnahme der drei im Parlament sitzenden Vertreter der Bürgerunion.

Erinnerungen an die NS-Zeit

Das DIZ erinnert an die Ausbeutung von 20 000 Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern während der NS-Zeit in den Sprengstoff- und Munitionsfabriken der DAG und der WASAG bei Allendorf – den damals größten Rüstungsindustrieansiedlungen in Europa. Außerdem wird in einer Dauerausstellung die Entwicklung vom kleinbäuerlichen Dorf zur späteren Industriestadt thematisiert. Die Einrichtung ist Gedenkstätte, Forschungseinrichtung, Archiv, außerschulischer Lernort und Begegnungsstätte – und angesiedelt im sogenannten Aufbaugebäude, das von 1938 bis 1945 Verwaltungssitz der Dynamit-Nobel AG war. Allerdings bietet es nicht die angemessenen Räume, um ein vernünftiges wissenschaftliches Arbeiten zu ermöglichen, hatte Bürgermeister Christian Somogyi einst über das Gebäude gesagt und ergänzt, dass der Lese- und Arbeitsraum beispielsweise nur über ein klitzekleines Fenster verfüge. Vorträge müssten im Erdgeschoss gehalten werden – in Räumen, die auch das Standesamt nutzt. Kurz: Die Ausstellung sei extrem wertvoll, die Raumverhältnisse allerdings beengt.

Nichtsdestotrotz gab es eine Absage in Sachen „Bundesprogramm Nationale Projekte des Städtebaus“ – bei dem 24 von 98 Bewerbern den Zuschlag erhielten. Die Stadt will einen weiteren Anlauf nehmen – mit überarbeiteter Kostenschätzung: Sie rechnet mit 3,45 Millionen Euro und hofft, 2,3 Millionen Euro an Fördermitteln zu erhalten und „nur“ den Rest tragen zu müssen.

Das rief zum Schock der anderen Fraktionen die Bürgerunion auf den Plan, die sich zuvor durch eine Anfrage Informationen zur Auslastung hatte zukommen lassen. Der Stadtverordnete Mario Huhn berichtete, dass das DIZ durchschnittlich 2 165 Besucher im Jahr habe. Schüler abgezogen seien dies 1,18 Besucher pro Tag – und auch die Klicks auf der Homepage sprächen für ein „mangelndes Interesse der Bürger“.

Noch dazu würden die Unterhaltskosten auf 300 000 Euro im Jahr steigen, behauptete er und resümierte, dass all dies in keinem Verhältnis zu den Umbaukosten stehe. Die Stadt solle sich auf andere Projekt wie den Bau des Familienzentrums oder des Feuerwehrhauses konzentrieren und nicht auf „ein überzogenes Prestigeobjekt“.

Werner Hesse (SPD) entgegnete, dass es Aufgaben gebe, deren Bedeutung über den einfachen Sachverhalt von Auslastung hinausgehe. Es sei eine Verpflichtung, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen und die Geschichte angemessen zu präsentieren: „Das sind wir den Menschen, die in dieser Zeit gelitten haben, schuldig. (...) Es ist unser gemeinschaftliches Erbe, das wir in adäquater Form erhalten und präsentieren müssen.“ Das DIZ sei „über den Tag hinaus bedeutsam“ – noch dazu habe die Qualität der Präsentation einen großen Einfluss auf die Besucherzahlen.

„Von großer Bedeutung“

Dem schloss sich Michael Goetz (Die Grünen) an. „Das DIZ ist kein typisches Museum. Es ist eine von vier Gedenkstätten in Hessen an die NS-Zeit“ und sei von großer Bedeutung. „Wer die Vergangenheit nicht sieht, kann die Zukunft nicht gestalten“, betonte er.

„Das Projekt hilft, die Identität Stadtallendorfs zu schärfen“, sagte Winand Koch (FDP). Die Zwangsarbeit sei ein Teil der Geschichte, die nicht vergessen werden dürfe. „Aber wir gehen auch dazu über, die Geschichte der Stadtteile zu integrieren und zu zeigen, wie sich die Stadt nach 1945 entwickelt hat.“

Ein wichtiger Faktor dabei seien auch die Gastarbeitenden gewesen – und die Stadt müsse die Chance ergreifen, diese als Zeitzeugen hinzuzuziehen und in die Gestaltung der Erinnerungsstätte einzubinden.

Klaus Ryborsch ärgerte, dass die Thematik überhaupt diskutiert werden müsse. Es gelte, die Geschichte der Stadt zu erzählen und dabei auch auf das Schicksal der Heimatvertriebenen einzugehen. „Stadtallendorfs Geschichte hat weit mehr zu bieten als diese verdammten zwölf Jahre NS-Zeit“, betonte er. Das DIZ und eine angemessene Präsentation der Geschichte sei daher extrem wichtig.

Mit Ausnahme der Vertreter der Bürgerunion segneten die Stadtverordneten das Vorhaben des Magistrats ab, die Erweiterung des DIZ und die erneute Bewerbung um Fördermittel weiter voranzutreiben.

Von Florian Lerchbacher